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Katalanischer Vulkan: Bayern-Coach Pep Guardiola im Dialog mit den Schiedsrichtern.
Katalanischer Vulkan: Bayern-Coach Pep Guardiola im Dialog mit den Schiedsrichtern.(Foto: imago/Eibner)
Donnerstag, 05. Februar 2015

"Collinas Erben" in der Coaching-Zone: Guardiola in Rage, aber ohne Bayern-Bonus

Von Alex Feuerherdt

Bayerns Trainer überschreitet wieder einmal seine Kompetenzen, trifft jedoch auf sehr gelassene Schiedsrichter. Ein Schalker Stürmer profitiert von einer Reform der DFB-Statuten. Und Manuel Neuer beschert Jerome Boateng eine längere Sperre.

Pep Guardiola konnte es einfach nicht fassen. Da hatte seine Mannschaft, die in der Münchner Arena seit der 17. Minute nach einer Roten Karte für Jerome Boateng in Unterzahl spielen musste und dennoch klar überlegen war, nach 66 Minuten endlich das Schalker Defensivbollwerk überwunden. Da freuten sich die Bayern-Spieler bereits und die Stadionregie spielte die Tormusik ein. Da zählte das alles nicht. Schiedsrichter-Assistent Markus Häcker hatte seine Fahne gehoben und dem Unparteiischen Bastian Dankert einen Regelverstoß signalisiert. Vor dem Treffer sollte der Ball knapp im Toraus gewesen sein, zuletzt berührt von einem Schalker Spieler.

Der Bayern-Coach hatte das jedoch nicht mitbekommen und sprintete deshalb die Seitenlinie entlang zu Häcker, um ihn wild gestikulierend zur Rede zu stellen - an der Eckfahne, also weit außerhalb der Technischen Zone, innerhalb der sich die Trainer, Ersatzspieler und Betreuer während des Spiels aufzuhalten haben. Mannschaftsverantwortliche dürfen diesen Bereich, so steht es in den Regeln, nur in wenigen Ausnahmefällen verlassen. Beispielsweise, "wenn der Schiedsrichter dem Physiotherapeuten oder dem Arzt gestattet, einen verletzten Spieler auf dem Feld zu pflegen". Guardiola hatte seine Kompetenzen also deutlich überschritten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass er dennoch nicht vom Schiedsrichter auf die Tribüne geschickt wurde, halten nicht wenige für einen weiteren Beleg, dass es eine Art Bayern-Bonus gibt. Andere Trainer, so argumentieren sie, wären für eine solche Aktion von der Bank verbannt worden. Tatsächlich hätte sich Pep Guardiola nicht über einen Innenraumverweis beklagen dürfen, immerhin hatte er den für ihn vorgesehenen Wirkungskreis nicht bloß um einen oder zwei Meter ausgedehnt, sondern gleich um eine Spielfeldhälfte. Andererseits war er zwar emotional, aber nicht übermäßig aggressiv oder gar beleidigend gegenüber dem Schiedsrichter-Assistenten aufgetreten.

Spielraum ohne Bayern-Bonus

Und genau das gab dem Referee einen Spielraum bei seiner Entscheidung. Denn nicht jedes Verlassen der Technischen Zone führt automatisch zu einem Platz auf den Zuschauerrängen, es muss auch ein besonders unsportliches Verhalten hinzukommen. Ein solches haben Bastian Dankert und sein Gespann in Guardiolas Auftritt nicht gesehen. Gewiss auch deshalb, weil der Übungsleiter des Rekordmeisters noch am Spielfeldrand beim Assistenten per Handschlag um Verzeihung für seinen Temperamentsausbruch bat. Zudem bezieht ein Schiedsrichter in solchen Situationen - sofern er einen Handlungsspielraum sieht - immer auch die Überlegung mit ein, welche Maßnahme am besten geeignet ist, um die Lage zu deeskalieren.

Der Bayern-Trainer durfte also weiter seiner Tätigkeit in der Coaching-Zone nachgehen - und suchte nach dem Ende des kleinen Disputs sofort wieder die Nähe zu einem Mitglied des Schiedsrichterteams: Als nach dem Eckstoß, der auf das nicht gegebene Tor folgte, die Münchner doch noch zum 1:0 trafen, fiel er spontan dem in seiner Nähe stehenden Vierten Offiziellen Robert Kempter um den Hals. Kempter beendete die ungewöhnliche Annäherung freundlich, aber bestimmt, musste ob der katalanischen Kuschel-Attacke allerdings selbst ein bisschen schmunzeln. Auch hier hatte Guardiola fraglos eine Grenze überschritten, doch seine Umarmung hatte nichts Höhnisches oder Provokatives - und damit nichts, was einen Verweis auf die Tribüne nunmehr unumgänglich gemacht hätte.

Strafverschärfung für Boateng

Auf Bewährung: Schalkes Klaas-Jan Huntelaar profitiert von einer Regelreform des DFB.
Auf Bewährung: Schalkes Klaas-Jan Huntelaar profitiert von einer Regelreform des DFB.(Foto: imago/Team 2)

Aufregung gab es derweil auch um Klaas-Jan Huntelaar. Der Schalker Stürmer durfte in München zwar nicht mitspielen, weil er nach seinem Platzverweis am vergangenen Samstag gesperrt war. Dennoch war er ein Gesprächsthema, weil der Kontrollausschuss des DFB - gewissermaßen die deutsche Fußball-Staatsanwaltschaft - für eine Zwangspause von immerhin sechs Spielen plädiert hatte. Er sah in Huntelaars Tritt gegen den Hannoveraner Manuel Schmiedebach nämlich nicht nur ein besonders rohes Foul, sondern eine Tätlichkeit. Und für eine solche ist laut den Statuten eine Mindestsperre von eben diesen sechs Partien vorgesehen. Weniger gibt es nur, wenn entweder ein sogenannter leichter Fall vorliegt - etwa ein "Wischer" durch das Gesicht eines Gegenspielers - oder der Täter vorher selbst eine "sportwidrige Handlung" zu erdulden hatte, beispielsweise ein Foul oder eine Provokation.

Da Schalke 04 dem vorgeschlagenen Strafmaß nicht zustimmte, musste ein Einzelrichter des DFB über die Angelegenheit entscheiden. Und der beschloss: Es bleibt zwar grundsätzlich bei der Sperre von sechs Spielen, allerdings werden zwei davon zur Bewährung ausgesetzt. Das heißt: Huntelaar muss nun vier Partien aussetzen und bekäme für den Fall, dass er innerhalb des nächsten Jahres erneut eine Rote Karte sieht (Gelb-Rote Karten sind hier außen vor), dann zwei zusätzliche Spiele aufgebrummt. Die Möglichkeit von Bewährungsstrafen ist international seit Jahren üblich. Im Bereich des DFB gibt es sie erst seit der vergangenen Saison, nun wurde erstmals auf sie zurückgegriffen. Der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, hatte ihre Einführung seinerzeit begrüßt, weil sie "unseren Entscheidungsspielraum sinnvoll erweitert", wie er in einem Interview sagte.

Ebenfalls relativ neu ist die Rechtspraxis, die Länge der Sperre nach einem Platzverweis wegen einer "Notbremse" im Strafraum davon abhängig zu machen, ob der folgende Strafstoß verwandelt wird oder nicht. Sofern das Foul als solches nicht brutal und damit nicht schon für sich genommen Rot-würdig ist, wird eine Pause von zwei Spielen fällig, wenn der Elfmeter verschossen wird. Geht der Ball aber beim Strafstoß ins Tor, verkürzt sich die Sperre auf ein Spiel - weil die klare Torchance, die zuvor mit unfairen Mitteln verhindert wurde, durch den verwandelten Elfmeter kompensiert werden konnte.

Für Bayerns Jerome Boateng hat das zur Folge, dass er nicht nur einmal zuschauen muss. Denn den Strafstoß, der nach seiner "Notbremse" in der Partie gegen Schalke 04 fällig wurde, parierte Manuel Neuer souverän. Mit der vom DFB verhängten Sperre von drei Spielen fiel die Strafe aber sogar noch höher aus als üblich, denn Boateng ist ein "Wiederholungstäter". Als solcher wird vom Sportgericht eingestuft, wer in der laufenden oder der vorigen Saison schon einmal mit einer Roten Karte bedacht wurde. Und Boateng war bereits am 33. Spieltag der vergangenen Spielzeit nach einer Tätlichkeit vom Platz geflogen. Pep Guardiola war auch damals fassungslos - allerdings wegen seines Spielers, nicht wegen der Schiedsrichterentscheidung.

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Quelle: n-tv.de

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