Sport
Verliert die Nerven: Wolfsburgs Kapitän Luiz Gustavo.
Verliert die Nerven: Wolfsburgs Kapitän Luiz Gustavo.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 01. Mai 2017

"Collinas Erben" sind genervt: Gustavo dreht durch, RB lässt sich anstecken

Von Alex Feuerherdt

Karten, Zoff und keine Tore - das Spiel zwischen Leipzig und Ingolstadt ist nichts für Feingeister. Die Hauptschuld daran tragen die Spieler, doch auch der Unparteiische ist nicht frei von Verantwortung. In Wolfsburg rastet derweil ein Ex-Bayer aus.

Bereits das Hinspiel war eine umkämpfte und hektische Angelegenheit. Beim 1:0-Sieg des FC Ingolstadt 04 gegen RB Leipzig im Dezember gab es sechs Gelbe und eine Gelb-Rote Karte, der Schiedsrichter hatte mit der hart geführten Partie eine Menge Arbeit. Der spielerischen Überlegenheit des Aufsteigers aus Sachsen begegneten die Schanzer seinerzeit mit rustikalen, körperbetonten Mitteln, die bisweilen die Grenzen des Zulässigen überschritten. Es kam zu vielen Unterbrechungen, sieben Minuten Nachspielzeit waren die Folge. Schließlich bezogen die Rasenballsportler ihre erste Niederlage in dieser Saison der Fußball-Bundesliga.

Im Rückspiel wählten die abstiegsgefährdeten Oberbayern nun eine ähnliche Taktik: Sie gingen mit robustem Einsatz zu Werke und versuchten so, den Spielfluss zu unterbinden. Dadurch trampelten sie den Gastgebern derart auf den Nerven herum, dass diese gereizt reagierten und sich aus dem Konzept bringen ließen. Weil beide Teams, vor allem aber die Gäste, zudem oft am Boden lagen und über Entscheidungen des Unparteiischen Daniel Siebert lamentierten, entwickelte sich eine zerfahrene Begegnung.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Für den Referee war sie unangenehm zu leiten. Nicht weniger als 29-mal verhängte er an diesem 31. Spieltag einen Freistoß wegen eines Foulspiels, dazu kamen acht Verwarnungen und eine Gelb-Rote Karte, wobei Ingolstadt doppelt so viele Disziplinarstrafen sammelte wie Leipzig. Trotzdem bekam der 32-jährige Schiedsrichter aus Berlin keine Ruhe in die Partie. Immer wieder gab es Nickligkeiten und Diskussionen. Das lag vor allem an den Akteuren selbst. Sie erwiesen sich als unzugänglich, schlecht gelaunt und halsstarrig. Der Tiefpunkt ereignete sich in der 60. Minute, als RB Leipzig nach einem harmlosen Foul im Mittelfeld den fälligen Freistoß rasch ausführen wollte.

Alfredo Morales verhinderte das jedoch im Verbund mit Almog Cohen auf unfaire Weise, wofür ihn Yussuf Poulsen leicht schubste. Der Ingolstädter nahm das zum Anlass, erst bereitwillig zu Boden zu gehen und sich, als er wieder auf den Beinen war, mit einem Schubser an Poulsen zu revanchieren. Auch der fiel theatralisch um. Daniel Siebert bestrafte dieses unwürdige Schauspiel mit einer Gelben Karte für beide. Morales sah nach 86 Minuten schließlich auch noch völlig zu Recht Gelb-Rot, als er Marcel Sabitzer nur noch durch ein taktisches Foul stoppen konnte. Dass alle 22 Spieler das Spielende auf dem Platz erleben würden, hatte da ohnehin kaum noch jemand erwartet.

Auch der Referee trug zur Unruhe in Leipzig bei

Auch fast alle anderen Strafen hatten ihre Berechtigung. Nur die Verwarnung gegen Ingolstadts Roger nach 43 Minuten war zu hart. Denn dessen Körperkontakt mit Poulsen erfüllte weder den Tatbestand der Rücksichtslosigkeit noch den der Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs. Trotzdem kann man den Unparteiischen nicht vom Vorwurf freisprechen, ebenfalls zur Unruhe beigetragen zu haben. Denn nicht immer war seine Linie bei der Beurteilung von Zweikämpfen einheitlich. Manchmal zeigte er sich kleinlich, dann wieder großzügig.

Nicht ganz unschuldig: Daniel Siebert, hier mit Leipzigs Diego Demme und dem Ingolstädter Marcel Tisserand.
Nicht ganz unschuldig: Daniel Siebert, hier mit Leipzigs Diego Demme und dem Ingolstädter Marcel Tisserand.(Foto: imago/Picture Point LE)

Es war zu spüren, dass Siebert zum einen geradlinig sein und zum anderen den Spielfluss nicht durch noch mehr Unterbrechungen hemmen wollte. Unter diesem Vorhaben litt allerdings ein wenig seine Berechenbarkeit für die Spieler und infolgedessen auch seine Akzeptanz. Seine Maßnahmen verpufften, die Akteure änderten ihr Verhalten nicht. Hinzu kam eine gewisse Inkonsequenz bei der Kartenverteilung. Marvin Matip etwa hätte für sein rüdes Foul an Poulsen in der 32. Minute eine Verwarnung verdient gehabt. Auch Cohen durfte sich glücklich schätzen, für seine Stänkereien und Rüpeleien ohne Gelb davongekommen zu sein.

Markus Suttners Tritt gegen Timo Werner in der 65. Minute, nach dem der Leipziger verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, blieb ebenfalls ohne Sanktion. Hier wäre eine weitere Verwarnung angemessen gewesen. Die Hausherren wiederum waren zwar keine Unschuldslämmer, doch den Ingolstädtern kam die Regelauslegung und -anwendung des Unparteiischen erkennbar mehr entgegen. Der derzeit jüngste deutsche Fifa-Referee muss sich aber nicht grämen: In einem schwierigen Spiel, das auch auf den Zuschauerrängen für viel Unsachlichkeit sorgte, hatte er kaum einmal die Gelegenheit zu glänzen. Und die Ruhe, die er angesichts der permanenten Nörgeleien bewahrte, war bemerkenswert – auch wenn sie sich nicht auf die Spieler übertrug.

Luiz Gustavo: "Röter" als (gelb-)rot geht es nicht

Die Ruhe selbst war auch Sieberts Kollege Felix Zwayer, als er in der Begegnung zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München nach 78 Minuten mit dem durchdrehenden Wolfsburger Kapitän Luiz Gustavo konfrontiert wurde. Der bereits verwarnte Brasilianer hatte für ein taktisches Foul an Renato Sanches, nach dem er auch noch demonstrativ den Ball wegschlug, die Gelb-Rote Karte gesehen - eine vollkommen berechtigte Sanktion seitens des Referees.

Dennoch verlor der Ex-Bayer völlig die Nerven und musste von Mit- wie Gegenspielern mit vereinten Kräften davon abgehalten werden, Zwayer körperlich zuleibe zu rücken. Mancher Beobachter fragte sich daraufhin, ob Gustavo für seinen bedrohlichen Ausraster zusätzlich zur Gelb-Roten nicht auch noch die Rote Karte hätte sehen können. Das allerdings ist nicht möglich, weil die Gelb-Rote Karte bereits ein Platzverweis ist. Man könnte sagen: "Röter" als (gelb-)rot geht es nicht. Denkbar ist allerdings, dass sich die automatische Sperre von einem Spiel verlängert - dann nämlich, wenn der Schiedsrichter zu Gustavos Verhalten nach dem Feldverweis einen Vermerk im Spielbericht angefertigt hat und der Kontrollausschuss des DFB der Ansicht ist, dass der Wolfsburger eine zusätzliche Strafe verdient hat. Sollte es so kommen, hätte er seinem Team fürwahr den berühmten Bärendienst erwiesen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen