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Augsburgs Keeper Marwin Hitz sorgte gegen Köln für den Aufreger des Spieltags - und hätte für seine Unsportlichkeit durchaus verwarnt werden können. Mehr aber auch nicht.
Augsburgs Keeper Marwin Hitz sorgte gegen Köln für den Aufreger des Spieltags - und hätte für seine Unsportlichkeit durchaus verwarnt werden können. Mehr aber auch nicht.(Foto: imago/Eibner)

"Collinas Erben" beruhigen Gemüter: Hitz im Shitstorm, Völler in Pipifax-Rage

Von Alex Feuerherdt

Augsburgs Torwart manipuliert unbemerkt vom Schiedsrichter den Elferpunkt und erntet dafür einen übertriebenen Shitstorm. Für Rudi Völler bleiben Referees ein rotes Tuch. Und ein Zweitligist beweist: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.

Als Marwin Hitz die Bilder noch einmal sah, zeigte er sich reumütig. "Es ist nicht die fairste Aktion, das muss ich zugeben", sagte der Torwart des FC Augsburg nach dem Spiel beim 1. FC Köln. "Ich habe versucht, den Schützen durcheinanderzubringen, ich würde es aber nicht noch mal machen. Das bin nicht ich." Auch der Augsburger Trainer Markus Weinzierl sah das Verhalten seines Keepers kritisch: "Er hat nicht gut, nicht clever und nicht fair reagiert." Der frühere Bundestrainer Berti Vogts schlug vor, Hitz möge "50.000 Euro für 'Ein Herz für Kinder' stiften", und in den sozialen Netzwerken erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Nicht wenige forderten gar eine nachträgliche Sperre für den Schlussmann - und sorgten damit rein regeltechnisch für einen Shitstorm im Wasserglas.

Was war passiert? In der 56. Minute war der Kölner Philipp Hosiner, leicht bedrängt von zwei gegnerischen Spielern, im Strafraum der Gäste zu Boden gegangen. Schiedsrichter Daniel Siebert erkannte darin ein Foul und entschied auf Strafstoß. Die Augsburger protestierten vehement und ausführlich gegen diesen in der Tat zweifelhaften Pfiff, Ersatzspieler Markus Feulner sah deshalb sogar die Gelbe Karte. Und während Siebert noch damit beschäftigt war, diese Verwarnung auf seiner Notizkarte zu vermerken, malträtierte Marwin Hitz mit seinen Stollen ein wenig den Rasen rund um den Elfmeterpunkt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Der Kölner Marcel Risse wies den Unparteiischen auch kurz auf den kleinen Sabotageversuch des Schweizers hin, wurde aber weggeschickt. Anthony Modeste versuchte, die Unebenheiten im Rasen so gut es ging zu beseitigen, bevor er zur Ausführung schritt. Doch es kam, wie es kommen musste: Hitz parierte den Elfmeter von Modeste und der Schütze rutschte – allerdings erst nach dem Schuss – mit seinem Standbein just dort aus, wo der Torhüter zuvor den Platz bearbeitet hatte.

Hätte der Schiedsrichter das Manöver des Augsburger Keepers bemerkt, wäre eine Gelbe Karte wegen unsportlichen Verhaltens fällig gewesen. Mehr aber auch nicht – und deshalb ist es höchst unwahrscheinlich, dass Marwin Hitz nachträglich vom DFB gesperrt wird. Denn eine solche Strafe kommt normalerweise nur in Betracht, wenn sich hinter dem Rücken des Referees ein sogenanntes krass sportwidriges Verhalten ereignet hat (beispielsweise eine Tätlichkeit oder eine grobe Unsportlichkeit), das mit einem Feldverweis zu bestrafen gewesen wäre - so wie möglicherweise im Fall Bastian Schweinsteiger. Davon ist Hitz' eigentümliche Kurzschlussreaktion allerdings deutlich entfernt, manche öffentliche Reaktion mutete dann auch etwas überzogen an.

Völler und das "Pipifax-Foul"

In Wolfsburg mühten sich die Gastgeber derweil damit ab, den 0:1-Rückstand im Spiel gegen Borussia Dortmund zu egalisieren. Bei einem der letzten Versuche drang André Schürrle in den Strafraum der Gäste ein, verfolgt und gehalten von Lukasz Piszczek. Der Wolfsburger Stürmer fiel schließlich hin und der exzellent postierte Schiedsrichter Tobias Stieler erkannte zu Recht auf Strafstoß. Zwar hatte Piszczek mit dem Halten außerhalb des Strafraums begonnen, doch entscheidend ist bei diesem Vergehen, wo es wirksam wird und nicht, wo der erste Kontakt stattfand. Das heißt: Wenn sich ein Halten in den Strafraum hinein fortsetzt und der gehaltene Spieler schließlich dort zu Fall kommt, muss es einen Elfmeter geben. Für die Wolfsburger traf Ricardo Rodriguez dann auch vom Punkt zum Ausgleich. Doch die Freude währte nur kurz, denn die Gäste erzielten postwendend den Siegtreffer.

Leverkusens Rudi Völler bleibt der Chefkritiker der deutschen Schiedsrichter-Gilde, liegt dabei aber nicht immer richtig.
Leverkusens Rudi Völler bleibt der Chefkritiker der deutschen Schiedsrichter-Gilde, liegt dabei aber nicht immer richtig.(Foto: imago/Martin Hoffmann)

Unterdessen war der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler wieder einmal unzufrieden mit dem Unparteiischen und tat das wie so oft auch öffentlich kund. "Es ist sehr ärgerlich", sagte er nach dem Spiel seines Teams bei Hertha BSC. "Das war ein junges Schiedsrichter-Team, die waren beeindruckt von dem Stadion und der Kulisse. Der Spieler von Hertha tut auch alles, dass es wie eine Rote Karte aussieht. Man kann sagen, dass es blöd von unserem Spieler ist, mit dem Tempo reinzurutschen. Aber das ändert nichts daran, dass das nie im Leben eine Rote Karte war. Das war ein Pipifax-Foul."

Der "Pipifax" hatte darin bestanden, dass der Leverkusener Sebastian Boenisch mit gestrecktem Bein und viel Schwung auf den Berliner Yanni Regäsel zugegrätscht war. Letztlich verfehlte er den Herthaner allerdings mit dem ausgefahrenen Bein und traf ihn lediglich mit dem anderen, angewinkelten, was das Foul weniger heftig machte. Das ließ sich jedoch erst in der verlangsamten Wiederholung unzweifelhaft erkennen. Aus dem Blickwinkel von Schiedsrichter Robert Hartmann dagegen stellte sich die Szene in der Realgeschwindigkeit als brutales Einsteigen von Boenisch mit den Stollen voraus dar, deshalb gab es den Platzverweis. In der Konsequenz war das zwar eine zu harte Entscheidung – eine Verwarnung hätte hier genügt –, aber von einem "Pipifax-Foul" kann wahrlich auch keine Rede sein.

Designermantel statt Schiri-Outfit

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Der Bezahlsender "Sky" maß derweil ganz genau, wie lange die Bundesliga-Torhüter an diesem Spieltag den Ball vor einem Abschlag oder Abwurf in den Händen hielten. Erlaubt sind maximal sechs Sekunden, danach muss die Kugel freigegeben werden, sonst gibt es einen indirekten Freistoß – so steht es zumindest in der Regel 12 ("Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen"). Das Ergebnis der Messung: In knapp 50 Prozent der 121 Fälle hielten die Schlussmänner den Ball länger als zulässig, theoretisch hätte es also 60 indirekte Freistöße im Strafraum geben müssen. Verhängt wurde jedoch kein einziger – weil diese Regelung von den Schiedsrichtern seit jeher großzügig ausgelegt wird. Niemand stoppt die Zeit mit, die sechs Sekunden werden eher als grober Richtwert betrachtet, einen indirekten Freistoß gibt es allenfalls bei extremer, erkennbar unsportlicher Überschreitung des Zeitlimits. Für diese Regelauslegung gab es stets große Akzeptanz. Eine strengere Handhabung haben bislang nur wenige, besonders penible Zeitgenossen gefordert – und es ist auch fraglich, ob sie dem Spiel zugutekäme.

Einen prominenten Schiedsrichter durften unterdessen die D-Jugend-Spielerinnen der SSVg 06 Haan in ihrer Partie gegen Blau-Weiß Langenberg begrüßen: Kerem Demirbay, Profi beim Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, leitete am Samstag die Begegnung der zehn- bis zwölfjährigen Mädchen. Ganz freiwillig geschah das allerdings nicht, vielmehr hatte ihn sein Klub diese Spielleitung aufgetragen, nachdem Demirbay in der Partie seiner Elf beim FSV Frankfurt im Anschluss an seine Gelb-Rote Karte zu Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus gesagt hatte, Frauen hätten im Männerfußball nichts zu suchen. Telefonisch und auf seiner Facebook-Seite hatte der 22-Jährige anschließend um Entschuldigung für seine Äußerung gebeten.

Konnte man schon die Entscheidung der Fortuna fragwürdig finden – weil der Auftrag zur Leitung eines Mädchenfußballspiels hier wie eine Strafe wirkte –, so machte Kerem Demirbay bei seinem Auftritt in Haan erst recht nicht den Eindruck, als nähme er fußballspielende Mädchen sonderlich ernst. Denn statt im Schiedsrichter-Outfit oder wenigstens im Trainingsanzug aufzulaufen, pfiff er das Spiel im Designermantel und in Straßenschuhen. Das sportrechtliche Urteil gegen ihn steht einstweilen noch aus. Der DFB-Kontrollausschuss hat zusätzlich zu dem einen Spiel, das Demirbay wegen der Gelb-Roten Karte ohnehin zusehen muss, eine Sperre von weiteren fünf Partien gefordert, zwei davon auf Bewährung. Nach der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB ist das die Mindeststrafe bei diskriminierenden Äußerungen oder Handlungen. Fortuna Düsseldorf findet den Vorschlag trotzdem zu hart und will ihm nicht zustimmen.

Quelle: n-tv.de

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