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Puh, Glück gehabt, Mats Hummels.
Puh, Glück gehabt, Mats Hummels.(Foto: imago/Moritz Müller)

"Collinas Erben" für Einheitlichkeit: Hummels kommt davon, Hasenhüttl zürnt

Von Alex Feuerherdt

Beim Spiel zwischen Dortmund und Ingolstadt steht der Schiedsrichter im Mittelpunkt: In drei Situationen entscheidet er zum Ärger der Gäste zugunsten der Gastgeber, außerdem bringt ihn die Stadionregie in Not.

Guido Winkmann hat in seiner Karriere als Schiedsrichter zweifellos schon angenehmere Spiele zu leiten gehabt als jenes zwischen Borussia Dortmund und dem FC Ingolstadt am Samstag. Denn die Gäste, die dem Favoriten lange Zeit vorzüglich Paroli boten und schließlich trotzdem leer ausgingen, haderten bereits während der Partie mehrmals mit dem Unparteiischen aus Kerken am Niederrhein. Nach dem Schlusspfiff brach sich ihr Frust dann so richtig Bahn. "Das war eine Riesensauerei, was heute gelaufen ist", zürnte beispielsweise Trainer Ralph Hasenhüttl. "Wenn wir heute einen Spielleiter gehabt hätten, der nur halb so gut gewesen wäre wie wir, dann hätten wir garantiert etwas mitnehmen können." Verteidiger Marvin Matip klagte: "Jeder, der das Spiel gesehen hat, hat die drei Entscheidungen gesehen, die dreimal unerklärlicherweise gegen uns gepfiffen wurden. Das ist bitter, denn wir haben gegen eine der besten europäischen Mannschaften ein sehr gutes Spiel geboten."

Die Ingolstädter ärgerten sich vor allem über den Führungstreffer der Hausherren, bei dem das Schiedsrichtergespann die knappe Abseitsstellung des Torschützen Pierre-Emerick Aubameyang nicht bemerkt hatte. Was die Emotionen der "Schanzer" dabei besonders in Wallung geraten ließ, war die Tatsache, dass in der – unverzüglich eingespielten – Wiederholung des Treffers auf der großen Anzeigetafel im Stadion die Abseitsstellung zweifelsfrei zu erkennen war, auch für die Beteiligten auf dem Platz. Um den Schiedsrichtern die Spielleitung nicht unnötig zu erschweren, sollen die Klubs eigentlich keine Zeitlupen von Toren zeigen, die womöglich nicht regulär erzielt worden sind. Allerdings wird die Stadionregie in Dortmund vermutlich gar nicht den Verdacht gehabt haben, dass hier eine Regelübertretung stattgefunden hatte. Denn es hatte niemand gegen die Anerkennung des Treffers protestiert, Aubameyangs Abseitsposition war auch erst im Standbild eindeutig zu identifizieren.

So kam es, wie es kommen musste: Die Ingolstädter bemerkten die Szene auf der Videowand und bestürmten anschließend Schiedsrichter Winkmann und seinen Assistenten. Doch dem Gespann waren die Hände gebunden, denn kein Unparteiischer darf eine Entscheidung auf der Grundlage von Videomaterial revidieren – auch dann nicht, wenn er selbst auf der Anzeigetafel sehen sollte, dass er falsch liegt. Also sagte Guido Winkmann nach dem Spiel: "Ich habe gehört, dass es über die Leinwand gelaufen ist, habe es über das Headset ein bisschen mitbekommen. Aber es war eine Tatsachenentscheidung. Selbst wenn ich es gesehen hätte, hätte ich es nicht zurückgenommen." Das International Football Association Board will im März beschließen, den nationalen Verbänden zunächst eine zwei- bis dreijährige Testphase für den Videobeweis zu gestatten. Bis es so weit ist, sollten die Verantwortlichen für die Videowände in den Arenen, um die Unparteiischen nicht in vermeidbare Nöte zu stürzen, besser erst einen genauen Blick auf die Wiederholungen eines Tores werfen, bevor sie die betreffenden Sequenzen einspielen. BVB-Chef Hans-Joachim Watzke erwägt sogar, "möglicherweise gar keine Tore mehr zu zeigen".

Hummels im Glück

Alex Feuerherdt ...

... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

Der FCI war dem Referee aber auch deshalb gram, weil dieser zuvor in zwei kniffligen Situationen mit richtungsweisendem Charakter jeweils für Borussia Dortmund entschieden hatte. Beide Male hießen die beteiligten Spieler Mats Hummels und Darío Lezcano. Nach 29 Minuten war der paraguayische Neuzugang dem Weltmeister enteilt, hatte auch den Dortmunder Torwart Roman Bürki überspielt und nun das leere Tor vor sich. Beim Versuch, gemeinsam mit Lukasz Piszczek den sicher scheinenden Gegentreffer zu verhindern, grätschte Hummels und zog Lezcano zugleich ein wenig am Arm. Der ging daraufhin zu Boden und vergab die große Chance. Ein Pfiff hätte unweigerlich einen Platzverweis für Hummels und einen Strafstoß für Ingolstadt nach sich gezogen, Guido Winkmann ließ jedoch weiterspielen – und dürfte sich in seiner Entscheidung auch dadurch bestätigt gefühlt haben, dass kein Ingolstädter Spieler auch nur leise reklamierte. "Für mich war es ein ganz normaler Zweikampf", sagte der Referee später. "Sehr körperbetont, aber das reicht in dem Fall für mich nicht für einen Foulpfiff und damit auch nicht für einen Elfmeter und eine Rote Karte."

In der 65. Minute wollte Hummels den Ball aus etwa 25 Metern zu seinem Torwart zurückspielen, doch der Pass missriet dermaßen, dass die Kugel sich über Roman Bürki ins Tor der Gastgeber senkte. Winkmann gab das (Eigen-)Tor jedoch nicht, weil Lezcano Hummels bei dessen Rückgabe gefoult haben soll. "Aus meiner Position habe ich zunächst nichts erkannt", erklärte der Unparteiische. "Der Assistent hat dann von draußen über Headset sofort gerufen 'Foul, Foul, Foul! Er trifft ihn unten am Fuß.' Das war so überzeugend, das war für mich überhaupt keine Frage." Der Ingolstädter Torwart Ramazan Özcan dagegen hatte eine gänzlich andere Meinung zu der Szene: "Nach zehn Sekunden nimmt der Schiedsrichter das Tor zurück, weil sich ein Weltmeister aufregt", sagte er. Das sei "vielleicht der Weltmeisterbonus" gewesen.

So standen unter dem Strich drei folgenreiche Entscheidungen gegen die Gäste, die den Spielverlauf und das Ergebnis maßgeblich beeinflussten. Dabei war der Entschluss von Guido Winkmann, in der 29. Minute keinen Elfmeter für Ingolstadt zu geben, isoliert betrachtet genauso vertretbar wie die Annullierung des Eigentors von Mats Hummels. Allerdings verfolgt jeder Schiedsrichter auch eine grundsätzliche Linie bei der Zweikampfbeurteilung, die je nach Spielcharakter mal großzügiger und mal kleinlicher sein kann. Und da kann man Winkmann den Vorwurf nicht ersparen, inkonsequent gehandelt zu haben: Wenn Hummels Halten gegen Lezcano nicht strafwürdig war, dann war es Lezcanos Einsatz gegen Hummels ebenfalls nicht. Wenn man aber umgekehrt das Eigentor aberkennt, hätte auch der Armeinsatz im Strafraum geahndet werden müssen. So, wie der Referee entschieden hat, hat er die Regeln uneinheitlich ausgelegt – und jeweils zum Nachteil des FC Ingolstadt.

Gibt es einen "Promi-Bonus"?

Das könnte die Frage aufwerfen, ob Ramazan Özcan recht hat, wenn er einen Bonus für Mats Hummels vermutet. Und ob Ralph Hasenhüttl richtig liegt, wenn er sagt: "Die Schiedsrichter müssen nur die Situation an sich beurteilen und dürfen nicht darauf schauen, ob da ein Weltmeister beteiligt ist oder nicht. Am Samstag war Herr Winkmann nicht mutig genug." Tatsächlich mag ein Schiedsrichter in engen, strittigen, schwierig zu beurteilenden Situationen sein etwaiges Wissen um die generellen fußballerischen Fertigkeiten eines Spielers in seine manchmal komplizierte Entscheidungsfindung einfließen lassen. In vielen Fällen wird er damit auch gut und richtig fahren, ohne dass anschließend groß darüber gesprochen wird. Irrt er sich jedoch oder streitet man über seine Entschlüsse, dann ist der Vorwurf der Bevorzugung prominenter Fußballer (oder erfolgreicherer Klubs) oft nicht weit.

Guido Winkmann muss man zugutehalten, dass er sich den medialen Fragen nach dem Spiel vorbehaltlos gestellt hat. Zum 1:0 der Dortmunder sagte er offen: "Fakt ist, es ist Abseits, Fakt ist, es ist spielentscheidend." Tatsache sei außerdem: "Wir diskutieren noch über zwei andere Szenen. Dann trifft es, wenn Sie so wollen, dreimal Ingolstadt. Das Theater ist jetzt groß, aber nach dem Abpfiff war es von den Ingolstädtern ein sehr respektvoller Umgang. Das muss man auch mal positiv erwähnen." Trotzdem wäre es Ralph Hasenhüttl lieber, dem Spielleiter vorerst aus dem Weg gehen zu können: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihn der DFB noch einmal für eines unseres Spiele ansetzt. Wir haben in der Hinrunde, als uns Herr Winkmann in Stuttgart gepfiffen hat, durch ein klares Abseitstor verloren. Es ist also das zweite Mal, dass falsche Entscheidungen dieses Schiedsrichters und seines Gespanns dazu führen, dass wir ein Spiel verlieren."

Quelle: n-tv.de

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