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"Der durchschaubare Versuch, die von uns aufgezeigten Fehlentwicklungen auf persönliche Empfindlichkeiten von mir oder anderen abzustellen, geht fehl": Manuel Gräfe.
"Der durchschaubare Versuch, die von uns aufgezeigten Fehlentwicklungen auf persönliche Empfindlichkeiten von mir oder anderen abzustellen, geht fehl": Manuel Gräfe.(Foto: imago/Pressefoto Baumann)
Dienstag, 24. Oktober 2017

"Collinas Erben" zum Schiri-Zoff: Manipulation, Machtmissbrauch, Mobbing?

Von Alex Feuerherdt

Bundesliga-Schiedsrichter um Manuel Gräfe wehren sich gegen die Funktionäre Hellmut Krug und Herbert Fandel. Vorwürfe: Manipulation von Noten, Intransparenz, Benachteiligung und Demütigung. Der DFB versucht zu vermitteln, doch die Kluft ist zu tief.

Für Außenstehende ist der Konflikt zwischen einem Teil der Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga und einem Teil ihrer Führung, der eine ganze Weile schwelt und nun noch einmal an Dynamik zugenommen hat, nicht leicht zu verstehen. Denn es geht um Interna, die der Öffentlichkeit naturgemäß normalerweise verborgen bleiben, jetzt aber teilweise öffentlich gemacht worden sind und daher auch Klubs, Fans und Medien beschäftigen. Im Zentrum stehen die Referees Manuel Gräfe und seit Kurzem auch Felix Brych auf der einen Seite sowie die Schiedsrichter-Funktionäre Hellmut Krug und Herbert Fandel auf der anderen.

Nun Projektleiter für den Videobeweis: Hellmut Krug
Nun Projektleiter für den Videobeweis: Hellmut Krug(Foto: imago/ActionPictures)

Gräfe hatte dem Berliner "Tagesspiegel" zu Saisonbeginn ein vielbeachtetes Interview gegeben, in dem er Krug und Fandel ungewöhnlich heftig kritisierte. Die beiden hätten während ihrer Zeit als sportliche Leiter der Bundesliga-Schiedsrichter die Unparteiischen "zu oft nach Gusto und nicht nach Leistung" beurteilt. So hätten sie Felix Zwayer trotz seiner Verstrickung in die Bestechungsaffäre um Robert Hoyzer bevorzugt, Marco Fritz und Bibiana Steinhaus dagegen "nicht entsprechend ihren Möglichkeiten eingesetzt oder gefördert".

Erst nachdem Lutz Michael Fröhlich im Juli 2016 die Leitung der Schiedsrichter-Kommission Elite von Fandel übernommen hatte, sei diese Entwicklung entscheidend verändert worden, so Gräfe. Seitdem hätten sich die schwächer gewordenen Leistungen der Unparteiischen wieder verbessert. Krug und Fandel sind aber keineswegs außen vor: Der eine ist der Projektleiter des DFB für den Videobeweis, der andere sitzt dem Schiedsrichter-Gesamtausschuss vor. Beide Ämter sind mit viel Einfluss verbunden. Bereits Anfang 2016 war öffentlich geworden, dass viele Schiedsrichter ein großes Problem mit Krug und Fandel haben. In einer anonymen Umfrage des DFB hatten die Referees die Art der Führung der beiden Funktionäre erheblich kritisiert. Ihre Beurteilung der Leistungen und ihre Entscheidungen seien oft ungerecht und nicht nachvollziehbar. Die Aktivensprecher Brych und Florian Meyer informierten ihre Vorgesetzten über das Umfrageergebnis und machten deutlich, dass es mit der Stimmung innerhalb der Gilde nicht zum Besten bestellt ist.

Wurden Schiedsrichter gezielt gedemütigt?

Kurz nach dem Interview im "Tagesspiegel" gab es eine Aussprache zwischen Gräfe, Lutz Michael Fröhlich und dem DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius. Doch damit war die Sache nicht beendet. Vor wenigen Tagen fand in der DFB-Zentrale ein Krisentreffen statt, an dem neben Gräfe, Fröhlich, Krug und Fandel unter anderem der für die Schiedsrichter zuständige Vizepräsident Ronny Zimmermann und DFB-Direktor Willi Hink teilnahmen. Besonders bemerkenswert ist aber, dass mit Brych die Nummer eins der deutschen Unparteiischen in Frankfurt zugegen war - und die Kritik seines Kollegen Gräfe gestützt haben soll.

Sitzt nun dem Schiedsrichter-Gesamtausschuss vor: Herbert Fandel
Sitzt nun dem Schiedsrichter-Gesamtausschuss vor: Herbert Fandel(Foto: imago/Jan Huebner)

Die Vorwürfe gegen Fandel und Krug wiegen äußerst schwer. So sollen bei Lehrgängen ohne sachlichen Grund immer wieder bevorzugt Spielszenen gezeigt worden sein, in denen die Bundesliga-Schiedsrichter Guido Winkmann und Robert Hartmann nicht gut aussahen. Schon der ehemalige Schiedsrichter Babak Rafati schrieb in seinem Buch "Ich pfeife auf den Tod", dass Krug und Fandel ihn vor versammelter Mannschaft gezielt gedemütigt hätten. Im November 2011 hatte Rafati versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Erniedrigungen durch die Funktionäre hätten dazu beigetragen, sagt der heute 47-Jährige.

Umgekehrt sollen Krug und Fandel manche Referees über die Maßen gefördert haben. Gräfe nannte dem "Tagesspiegel" Felix Zwayer, der es unter die Besten geschafft habe, obwohl er 2004 "bei einer Spielmanipulation von Robert Hoyzer als Linienrichter dabei war und vorher von ihm Geld angenommen hatte". So steht es in einem Sportgerichtsurteil des DFB, der Zwayer für ein halbes Jahr sperrte. "Das von der Berliner Staatsanwaltschaft eingeleitete strafrechtliche Verfahren gegen ihn wurde wegen geringer Schuld eingestellt, aber auch eine juristisch geringe Schuld in Zusammenhang mit manipulierten Spielen ist für mich zu viel", sagt Gräfe. Er frage sich, ob Fandel und Krug unter den Topschiedsrichtern "einen Mann haben wollten, der ihnen zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet war".

Ex-Schiedsrichter-Beobachter unterstreicht Vorwürfe

Über den Werdegang der Unparteiischen haben bis vor dieser Saison nicht zuletzt die Noten der Beobachter des DFB entschieden. Auf diese Noten - nun abgelöst von einem komplexeren Bewertungs- und Coaching-System - sollen Krug und Fandel starken Einfluss genommen haben. Das sagt Carsten Kadach, der als Schiedsrichter-Assistent tätig war, in dieser Funktion mit 194 Erstligaeinsätzen den deutschen Rekord hält und vom DFB nach seiner Laufbahn als Beobachter eingesetzt wurde. Dem "Kicker" berichtet Kadach nun, ein Funktionär, der Krug nahestehe, habe ihn in der vergangenen Saison aufgefordert, eine hohe Punktzahl für den Unparteiischen Robert Hartmann nach unten zu korrigieren - was er jedoch abgelehnt habe.

"Nicht immer alle gleich behandelt": Carsten Kadach im Jahr 2010
"Nicht immer alle gleich behandelt": Carsten Kadach im Jahr 2010(Foto: imago sportfotodienst)

Als Konsequenz daraus, sagte Kadach der "Bild"-Zeitung, sei er nicht mehr zum Beobachterlehrgang eingeladen worden. "Weil ich den Mund aufgemacht und mich gegen Manipulation gewehrt habe. Die offizielle Begründung war, ich sei nicht teamfähig." Von ähnlichen Erlebnissen, so der 53-Jährige, berichteten auch andere Beobachter. Aus eigener Erfahrung habe er "die begründete Meinung, dass nicht immer alle gleich behandelt werden". Beim Amtsantritt habe Fandel "Transparenz und Offenheit angekündigt", doch das sei "ins Gegenteil umgeschlagen". So habe die Glaubwürdigkeit bei den Aktiven "schwer gelitten".

Für Missstimmung sorgten zudem die Noten, die Krug und Fandel selbst als Beobachter im Stadion vergaben. So erhielt Felix Zwayer als Schiedsrichter der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und Schalke in der Saison 2013/2014 von Krug eine überdurchschnittlich hohe Punktzahl, obwohl er eine Notbremse des Gladbachers Julian Korb an Kevin-Prince Boateng lediglich mit der Gelben statt der Roten Karte geahndet hatte. Krug, viele Jahre auch Zwayers Coach, verteidigte die Entscheidung - und damit seine Benotung: "Wenn eine Flanke von außen kommt, ist es keine zwingende Torchance." Eine verwunderliche Einschätzung, da Boateng den Ball aus kurzer Distanz nur noch ins leere Tor hätte drücken müssen. Kadach hält den Vorwurf der "Vetternwirtschaft" für "nachvollziehbar". Den hatte Gräfe nach dem Krisentreffen in Frankfurt formuliert. Der Einfluss von Fandel und Krug sorge "leider immer noch für das Gegenteil" von Gerechtigkeit und Transparenz.

Wohin das führe, habe man "an den Leistungen [in] der Saison 2015/16 sehen müssen" und sehe es "nun auch bei der unzulänglichen Behandlung des Themas Videobeweis". Weiter schreibt Gräfe, er habe das seit 2015 immer wieder "sowohl bei den Verantwortlichen des Schiedsrichterausschusses als auch auf höheren Ebenen des DFB und letztlich in der Öffentlichkeit angesprochen". Der DFB müsse "für Veränderungen sorgen". Diese Forderung geht weiter als jene, die Gräfe im "Tagesspiegel" erhoben hatte.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Seinerzeit hatte er die Hoffnung geäußert, dass Krug und Fandel "sich auch mal selbstkritisch hinterfragen" und "den neuen Weg mitgehen", der unter Fröhlich eingeschlagen worden sei. Aus Gräfes Sicht ist das nicht geschehen. Dass die Besprechung in Frankfurt konfrontativ verlaufen sein muss, lässt sich daraus schließen, dass der DFB die Ethik-Kommission unter der Leitung des früheren Außenministers Klaus Kinkel beauftragt hat, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Auch eine Mediation steht im Raum.

Unüberbrückbare Kluft

Dass diese Maßnahmen zum Erfolg führen und personelle Konsequenzen ausbleiben, scheint zweifelhaft. Fandel und Krug weisen die Vorwürfe strikt zurück, eine Annäherung ist kaum möglich. Dass mit Brych der höchstrangige deutsche Unparteiische auf Gräfes Seite steht und in Frankfurt "den Eindruck etlicher Schiedsrichter geschildert hat", wie Gräfe schreibt, zeigt, wie tief die Kluft zwischen den Funktionären und einem nicht kleinen Teil der Elite-Referees ist. Gräfe betont, ihm und Brych gehe es nur um die Sache: "Der durchschaubare Versuch, die von uns aufgezeigten Fehlentwicklungen auf persönliche Empfindlichkeiten von mir oder anderen abzustellen, geht fehl." Als Beleg führt er seine Schiedsrichter-Vita an.

So habe er "den Hoyzer-Skandal damals allein im Herbst 2004 recherchiert" und seine Ergebnisse Fröhlich übermittelt, der diese an den damaligen Schiedsrichter-Chef Volker Roth und den DFB weitergegeben habe. "Dieses war in meiner ersten Saison als Bundesliga-Schiedsrichter ein hohes Risiko für mich, das ich aber im Interesse des Fußballs einging, um noch Schlimmeres zu verhindern", so Gräfe. Sein Einsatz für verbesserte Bedingungen habe ihn "persönlich nicht vorangebracht", sondern zu Problemen mit Krug und Fandel geführt. Dennoch halte er an seinem Ziel fest, "für mehr Gerechtigkeit und Transparenz zu sorgen".

Tatsächlich erwecken weder er noch Brych den Eindruck, aus persönlichen Motiven vorgeprescht zu sein. Beide gehören zu den besten deutschen Unparteiischen, werden mit hochkarätigen Spielleitungen betraut und können - Gräfe ist 44, Brych 42 Jahre alt - keine sportlichen Ziele mehr erreichen, die sie nicht schon erreicht haben. Dass sie versucht haben, die massiven Probleme intern zu klären, und erst an die Öffentlichkeit getreten sind, als dieser Versuch scheiterte, erscheint deshalb glaubwürdig. Zwei derart erfahrene Schiedsrichter dürften einen außergewöhnlichen Schritt wie diesen kaum unternehmen, wenn sie eine weniger geräuschvolle Alternative sähen.

Gräfe weist noch darauf hin, dass er in Berlin eine Strukturreform initiiert habe, "gegen eben diese Art von Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft von Schiedsrichter-Funktionären", die er Fandel und Krug vorwirft. Seitdem "für mehr Kontrolle und Transparenz der regionalen Ausschüsse" gesorgt worden sei, was die Basis anschließend sogar weiterentwickelt habe, herrsche "mehr Zufriedenheit im Berliner Schiedsrichterbereich". Dort werden seit der Reform von den Unparteiischen Vertrauenspersonen gewählt, die der Neutralität verpflichtet sind und an Sitzungen der Schiedsrichter-Gremien teilnehmen, um dort das Besprochene und Entschiedene, etwa zum Thema Schiedsrichter-Beobachtungen, zu protokollieren und zugänglich zu machen. Womöglich wäre dieses Modell auch für den Schiedsrichterbereich des DFB eine Option - und könnte dabei helfen, Konflikte wie den gegenwärtigen erst gar nicht entstehen zu lassen.

Quelle: n-tv.de

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