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Schaun mer mal, dann seh'n wir schon: Künftig soll sich ein Assistent des Schiedsrichters strittige Szene noch einmal im Video ansehen.
Schaun mer mal, dann seh'n wir schon: Künftig soll sich ein Assistent des Schiedsrichters strittige Szene noch einmal im Video ansehen.(Foto: imago/Sven Simon)

"Collinas Erben" erklären Reformen: Obacht, der Video-Schiedsrichter kommt

Von Alex Feuerherdt

Die Bestimmer präsentieren sich in Reformstimmung: Sie lassen den Videobeweis testen, bei Notbremsen müssen die Schiedsrichter künftig nicht mehr zwingend Rot geben - und überhaupt entrümpeln sie das Fußball-Regelwerk wie nie zuvor.

Als die obersten Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) nach ihrer Jahresversammlung im walisischen Cardiff vor die Medien traten, hatten sie wahrhaft Bahnbrechendes zu verkünden. Sie beschlossen nicht nur, den Weg für den Videobeweis freizumachen - zumindest versuchsweise -, sondern verabschiedeten auch eine Modifizierung der sogenannten Dreifachbestrafung nach "Notbremsen" im Strafraum. Darüber hinaus gaben sie bekannt, dass das Regelwerk einer Generalüberholung unterzogen wurde. Die Änderungen treten am 1. Juni in Kraft, also noch vor der Europameisterschaft in Frankreich.

Beim Videobeweis wird es einen zweijährigen Testzeitraum geben, der spätestens zur Saison 2017/2018 beginnen soll. Um den genauen Zeitplan und organisatorische Details zu besprechen, will sich das Ifab in den nächsten Monaten mit der Fifa und den Verbänden treffen - darunter befindet sich auch die DFL -, die ihr Interesse bekunden hatten, an der Erprobung der technischen Unterstützung des Schiedsrichters mitzuwirken. Anschließend soll die erste Testphase beginnen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Wenn diese abgeschlossen ist, wird sie evaluiert, bevor eine zweite Phase beginnt, in der es Veränderungen am Videobeweis dort geben kann, wo die Auswertung der ersten Phase es sinnvoll und ratsam erscheinen lässt. Klar ist schon jetzt, dass es einen Video-Schiedsrichter-Assistenten geben wird, der den Unparteiischen unterstützt. Dieser zusätzliche Assistent wird auf Anforderung durch den Referee tätig, kann diesem aber auch aus eigenem Antrieb empfehlen, eine getroffene Entscheidung mit dem zur Verfügung stehenden Videomaterial abzugleichen. Revisionsfähig werden dabei nur Entscheidungen sein, die potenziell spielverändernden Charakter haben: Ging bei der Torerzielung alles mit rechten Dingen zu? Ist der Platzverweis angemessen? Ist der Strafstoß berechtigt (oder umgekehrt: hätte es einen Elfmeter geben müssen)? Ebenfalls geprüft werden können Fälle, in denen entweder versehentlich der falsche Spieler die Gelbe oder Rote Karte gesehen hat oder unklar ist, wer zu verwarnen oder des Feldes zu verweisen ist.

Infantino: "Historische Entscheidung"

Mit der Einführung des Videobeweises will das Ifab erreichen, dass falsche Entscheidungen, die den Ausgang einer Partie wesentlich beeinflussen können, vermieden werden. Über manches Detail in der konkreten Praxis muss allerdings erst befunden werden. So ist beispielsweise noch unklar, ob nach einem Treffer nur die Situation unmittelbar vor der Torerzielung überprüft werden kann - oder der gesamte Spielzug. Auch wurde noch nicht entschieden, wer den Job des Video-Assistenten übernimmt.

"Ich wäre frustriert": Pierluigi Collina.
"Ich wäre frustriert": Pierluigi Collina.(Foto: imago/Pixsell)

Fest steht hingegen: Die letztgültige Entscheidung liegt weiter beim Schiedsrichter. Das Urteil seines Video-Assistenten, mit dem er über Funk verbunden sein wird, kann er zu seinem machen; er wird jedoch die Möglichkeit haben, sich die Szene am Spielfeldrand selbst noch einmal anzuschauen und gegebenenfalls anders zu entscheiden. Der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino bezeichnete den Beschluss, den Videobeweis auszuprobieren, als "historische Entscheidung", betonte jedoch auch: "Wir müssen abwarten, welche Auswirkungen die Videotechnik auf den Spielfluss haben wird. Diesen dürfen wir niemals gefährden. Um in der Lage zu sein, ernsthafte Diskussionen über dieses Thema zu führen, müssen wir das testen."

Skeptisch ist der Leiter der Uefa-Schiedsrichter-Kommission, Pierluigi Collina. "Von den Videoaufnahmen kommt nicht immer die definitive Antwort", sagte er der "Gazzetta dello Sport". Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, dass der Videobeweis alles löst. Zudem warnte der frühere Fifa-Referee vor einer Entmachtung der Unparteiischen: "Wäre ich noch als Schiedsrichter im Einsatz, dann wäre ich frustriert."

"Dreifachbestrafung" modifiziert

Eine weitere Neuerung des Ifab betrifft die Sanktionen nach der Verhinderung eines Tores oder einer offensichtlichen Torchance durch ein Foulspiel im Strafraum. Derzeit ist nach einer solchen "Notbremse" außer dem Strafstoß ohne Ausnahme auch ein Feldverweis fällig, der automatisch eine Sperre nach sich zieht - weshalb viele von einer "Dreifachbestrafung" sprechen. Künftig soll es der Schiedsrichter neben dem Elfmeter bei einer Verwarnung belassen, wenn das Foul im Kampf um den Ball geschieht - beispielsweise, wenn ein Verteidiger dem Stürmer den Ball vom Fuß spitzeln will, dabei aber einen Tick zu spät kommt. "Notbremsen" im Strafraum dagegen, bei denen der Gegner gehalten, gezogen oder geschubst wird, der Ball nicht erreichbar oder das Foul so brutal ist, dass es überall auf dem Platz zu einer Roten Karte führen würde, werden - wie "Notbremsen" jeglicher Art außerhalb des Strafraums - weiterhin mit einem Feldverweis geahndet. In der Praxis bedeutet das zusätzliche Arbeit: Der Schiedsrichter muss in Zukunft nicht nur beurteilen, ob eine offensichtliche Torchance durch ein Foul im Strafraum verhindert wurde, sondern außerdem, ob bei diesem Foul der Ball gespielt werden konnte und sollte oder nicht. Grenz- und Zweifelsfälle werden dabei unvermeidlich sein. Auch wenn die Neuregelung also dazu führen dürfte, dass die Zahl der Roten Karten nach "Notbremsen" sinkt - dem Unparteiischen wird sie das Amt nicht unbedingt erleichtern.

Über diese spektakulären Neuerungen und Änderungen ging ein wenig unter, dass das Ifab außerdem das gesamte Regelwerk einer gründlichen Renovierung unterzogen hat. Die englische Fassung der Fußballregeln wurde von 22.000 Wörtern auf 12.000 Wörter verkürzt, also fast halbiert. Der Sinn und Zweck dieser Reform – der umfassendsten in der fast 135-jährigen Geschichte des Gremiums – besteht zum einen darin, Redundanzen, Widersprüche und Ungereimtheiten zu tilgen, die sich im Laufe der Jahre im Regelwerk angesammelt haben. Zum anderen sollen die Fußballregeln durch die Verschlankung klarer und benutzerfreundlicher werden.

Zu der Vielzahl von kleinen Korrekturen gehört unter anderem, dass ein Spieler, der sich durch ein Foul, für das der Gegenspieler die Gelbe oder Rote Karte bekommt, verletzt und anschließend auf dem Feld kurz behandelt wird, den Platz danach in Zukunft nicht mehr wie bisher verlassen muss. So wird vermieden, dass die Mannschaft des Gefoulten vorübergehend in Unterzahl spielen muss. Zudem muss der Anstoß künftig nicht mehr nach vorne, sondern kann auch zur Seite oder nach hinten ausgeführt werden. Ein Spieler, den der Unparteiische zur Behebung eines Ausrüstungsmangels vom Platz schickt oder der das Feld aus eigenem Antrieb verlässt, um seine Schuhe zu wechseln, muss überdies in Zukunft vor dem Wiedereintritt ins Spiel nicht mehr vom Schiedsrichter persönlich kontrolliert werden. Diese Aufgabe kann ab dem 1. Juni auch von den Assistenten oder vom Vierten Offiziellen übernommen werden.

Quelle: n-tv.de

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