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Beim Confederations Cup sorgte der Video-Asistent mitunter für Irritationen.
Beim Confederations Cup sorgte der Video-Asistent mitunter für Irritationen.(Foto: imago/Fotoarena)
Samstag, 05. August 2017

"Collinas Erben" zum Supercup: Video-Assistent feiert Pflichtspieldebüt

Von Alex Feuerherdt

Nun ist es auch in Deutschland so weit: Der Video-Assistent feiert offiziell seinen Einstand. DFB und DFL sind sich sicher, dass die Premiere beim Supercup reibungsloser verläuft, als es beim Confed Cup der Fall war. "Collinas Erben" beantworten vor der Premiere die wichtigsten Fragen.

Wenn Felix Zwayer um 20.30 Uhr das Supercup-Finale zwischen dem Deutschen Meister FC Bayern München und dem DFB-Pokalsieger Borussia Dortmund anpfeift, wird es eine Neuerung geben. Diese als "revolutionär" zu bezeichnen, ist keineswegs übertrieben: Erstmals in einem deutschen Pflichtspiel kommt ein Video-Assistent zum Einsatz. Tobias Stieler, Bundesliga-Referee wie Zwayer, fällt diese Aufgabe zu, ihm zur Seite stehen zwei technische Assistenten, die sogenannten Operatoren. Hellmut Krug, der Projektleiter Videobeweis des DFB, wird als Supervisor ebenfalls im "Cologne Broadcasting Center" (CBC) in Köln zugegen sein. Von dort aus wird nicht nur das Supercup-Spiel überwacht, auch bei den Bundesliga-Partien werden die Video-Assistenten hier ihren zentralen Arbeitsplatz haben.

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Die gesamte vergangene Spielzeit hat Krug dazu genutzt, um die Erstliga-Unparteiischen gründlich auf diese Änderung vorzubereiten. DFB und DFL gehören beim Videobeweis zu den Vorreitern, die Bundesliga ist eine von nur drei Ligen in Europa, die ihre Spiele schon in dieser Saison flächendeckend mit Video-Assistenten bestücken. Herangezogen werden dazu alle Erstliga-Schiedsrichter, die in der Saison 2016/17 im deutschen Oberhaus aktiv waren, also auch Wolfgang Stark, Jochen Drees und Günter Perl, die ihre Karriere auf dem Platz aus Altersgründen beenden mussten. Alle Video-Assistenten müssen, so verlangt es das International Football Association Board (Ifab), fünfmal "offline" (ohne direkte Verbindung zum Referee) und fünfmal "online" diese Tätigkeit versehen sowie selbst drei Spiele mit Video-Assistenten geleitet haben.

Blick ins "Cologne Broadcasting Center": Hier wird dem Schiedsrichter künftig unter die Arme gegriffen.
Blick ins "Cologne Broadcasting Center": Hier wird dem Schiedsrichter künftig unter die Arme gegriffen.(Foto: imago/ActionPictures)

Dass sämtliche letztjährigen Bundesliga-Referees diese Voraussetzungen erfüllen, liegt nicht zuletzt daran, dass der DFB sogenannte Pre-Live-Tests durchgeführt, das heißt, eigens für den Videobeweis Spiele von Jugendmannschaften arrangiert hat. Auch einige Vorbereitungspartien der Bundesligisten in diesem Sommer wurden und werden zu diesem Zweck genutzt. Bei DFL und DFB ist man deshalb zuversichtlich, dass die Einführung des Video-Assistenten in Deutschland mit weniger Problemen einhergeht als im Confederations Cup, bei dem der Videobeweis teilweise chaotisch verlief – weil die Referees vor dem Turnier kaum Zeit hatten, sich mit dieser Neuerung vertraut zu machen. Die deutschen Unparteiischen dagegen seien "zumindest sehr gut vorbereitet", sagt Hellmut Krug.

Wann kommt der Videobeweis zur Anwendung?

Nur in spielrelevanten Situationen, das heißt: Nach Roten Karten (und Vergehen, bei denen ein Platzverweisverdacht besteht, der Unparteiische jedoch nicht auf Feldverweis entschieden hat), Strafstößen (und Situationen, in denen es einen Elfmeterverdacht gibt, der Schiedsrichter aber weiterspielen lassen hat), Torerzielungen sowie Verwechslungen von Spielern beim Zeigen einer Gelben, Gelb-Roten oder Roten Karte. In allen diesen Fällen nimmt der Video-Assistent entweder von sich aus eine Überprüfung vor – "Review" genannt – oder er wird vom Referee darum gebeten. Wenn er dabei einen eindeutigen, unauslegbaren Fehler des Unparteiischen feststellt – und nur dann –, empfiehlt er dem Schiedsrichter eine Korrektur. Andernfalls bleibt es bei der auf dem Platz getroffenen Entscheidung. Gelb-Rote Karten werden nicht überprüft, denn bei ihnen handelt es sich regeltechnisch nur um eine (zweite) Verwarnung. Ebenfalls nicht eingreifen darf der Video-Assistent bei Ermessensentscheidungen. Dazu gehören beispielsweise Fragen wie die, ob ein Tor durch einen falschen Einwurf eingeleitet wurde oder ob der Ball beim Freistoß, der zu einem Treffer führte, an der richtigen Stelle lag und ruhte.

Was ist eine "klare" Fehlentscheidung?

"Die Definition dieses Begriffs stellt sicherlich eine der größten Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Videobeweis da", sagte Hellmut Krug unlängst in einem Interview dem "Kicker". Gemäß den Richtlinien des Ifab sei eine Entscheidung dann eindeutig falsch, "wenn alle Spieler, Vereinsverantwortlichen, Fans und Medienvertreter nach Ansicht der Kamerabilder der Auffassung sind, dass sie falsch war und auch der Schiedsrichter nach Sicht der TV-Bilder unverzüglich anders entschieden hätte". Im Umkehrschluss heißt das: Gibt es unterschiedliche Meinungen, dann liegt keine klare Fehlentscheidung vor und das Urteil des Spielleiters bleibt bestehen – selbst wenn es tendenziell verkehrt sein sollte. Man habe im zurückliegenden Jahr mit den Schiedsrichtern "Hunderte von Einzelszenen thematisiert, um den Begriff ‚klar‘ einzugrenzen und für die kommende Spielzeit eine einheitliche Linie zu finden", so Krug.

Wie läuft der Videobeweis konkret ab?

Viele Überprüfungen durch den Video-Assistenten werden während des laufenden Spiels oder einer Unterbrechung stattfinden, ohne dass die Zuschauer davon etwas mitbekommen. Wenn der Schiedsrichter aber die Spielfortsetzung verzögern muss, um über sein Headset mit dem Video-Assistenten zu kommunizieren, signalisiert er das den Spielern und dem Publikum, indem er mit einer Hand auf ein Ohr deutet. Empfiehlt der Helfer im Studio die Änderung einer Entscheidung, hat der Unparteiische mehrere Möglichkeiten: Er kann der Empfehlung vertrauen und ihr folgen, er kann sich die betreffende Spielszene aber auch selbst noch einmal auf einem Monitor in der sogenannten "Review Area" am Spielfeldrand anschauen, bevor er sich festlegt. In beiden Fällen zeichnet er mit den Händen die Umrisse eines Fernsehers in die Luft. Der Schiedsrichter kann die Empfehlung des Video-Assistenten immer auch ablehnen, denn die letztgültige Entscheidung trifft stets er selbst.

In welchen Fällen nimmt der Unparteiische selbst ein Review vor?

Beim Confed Cup kam es häufig vor, dass die Referees an die Seitenlinie liefen, um sich in der Review Area selbst ein Bild von einer strittigen Szene zu machen. In der Bundesliga dagegen soll das nur ausnahmsweise geschehen – zum Beispiel dann, wenn "der spontane Eindruck des Schiedsrichters", wie Krug sagt, "ein völlig anderer ist als der des Video-Assistenten". Das heißt: wenn er von einem Korrekturvorschlag extrem überrascht ist. Darüber hinaus könne das Aufsuchen der Review Area, die sich an der Mittellinie auf der den Trainerbänken gegenüberliegenden Seite befindet, "gegen Spielende auch ein taktisches Mittel sein, um eine schwierige Entscheidung nach außen besser zu kommunizieren". Grundsätzlich, so Krug, solle sich der Schiedsrichter jedoch "auf die Aussagen des Video-Assistenten verlassen, da dieser nur bei klaren Fehlern eingreifen kann und soll". In der Review Area darf sich übrigens nur der Unparteiische aufhalten. Spieler, die sie betreten, werden verwarnt. Die Gelbe Karte soll es außerdem geben, wenn ein Spieler den Referee durch das Zeichnen der Umrisse eines Fernsehers dazu auffordert, den Video-Assistenten zu konsultieren.

Wie lange dauert ein Videobeweis?

Durch die intensive Schulung während der vergangenen Saison haben die Video-Assistenten den Review-Prozess beschleunigen können. Im Normalfall sollen maximal 40 Sekunden vergehen, bis er abgeschlossen ist und der Schiedsrichter auf dem Feld die endgültige Entscheidung getroffen hat. Länger dauern soll es nur in Ausnahmefällen, etwa dann, wenn der Unparteiische die Review Area in Anspruch nimmt. Insgesamt gilt aber der Grundsatz: Genauigkeit geht vor Geschwindigkeit. "Über allem steht schlussendlich, dass am Ende die richtige Entscheidung steht", wie Krug es formuliert.

Wie lange kann eine Korrektur zurückreichen?

Nach einer Torerzielung wird (nur) die letzte Angriffsphase überprüft. Findet ein klares, aber vom Schiedsrichter übersehenes Vergehen der angreifenden Mannschaft in dieser Angriffsphase statt und führt sie unmittelbar zu einem Treffer, greift der Video-Assistent ein. Eine mathematische Vorgabe – etwa hinsichtlich der Dauer der Phase oder der Zahl der Ballkontakte – gibt es dabei nicht. Wenn also ein Team beispielsweise bei der Balleroberung kurz vor dem eigenen Strafraum ein eindeutiges, jedoch ungeahndetes Foul beginge und den folgenden schnellen Konter mit einem Tor abschlösse, würde der Treffer annulliert, und es gäbe einen Freistoß für die andere Mannschaft am gegnerischen Strafraum. Auch bei einem Strafstoß wird geprüft, ob in der finalen Angriffsphase alles mit rechten Dingen zuging. Dabei sind Extremfälle vorstellbar: Wenn etwa Team A einen Elfmeter hätte bekommen müssen, der Referee jedoch weiterspielen ließ und der anschließende Konter wenige Sekunden später in einem Strafstoß für Team B mündete, ergäbe der Videobeweis, dass der Elfmeter für Team B zurückgenommen und stattdessen Team A auf der anderen Seite ein Strafstoß zugesprochen würde.

Werden die Schiedsrichter wegen des Videobeweises künftig seltener von ihrer Pfeife Gebrauch machen? "Die Schiedsrichter sollen sich und ihr Verhalten nicht ändern", stellt Hellmut Krug klar. "Vor ihrer Entscheidung sollen sie nicht daran denken, dass ein Video-Assistent ihnen möglicherweise helfen könnte. Erst nachdem sie in einer spielentscheidenden Situation ihre Entscheidung getroffen haben, sollten sie sich der möglichen Unterstützung bewusst sein." Lediglich bei knappen Abseitssituationen in Tornähe sollen sie etwas länger mit der Spielunterbrechung warten, schließlich ist es nicht möglich, eine zu Unrecht abgepfiffene Chance wiederherzustellen. Deshalb soll die Situation erst zu Ende gespielt werden. Fällt dann ein Tor und es stellt sich heraus, dass kein Abseits vorlag, kann das falsche Fahnenzeichen des Assistenten korrigiert werden. Für die Spieler wird das gewöhnungsbedürftig sein, weshalb Krug ihnen mit auf den Weg gibt: "Jeder muss unbedingt weitermachen, bis ein Pfiff erfolgt ist."

Wird der Videobeweis im Stadion gezeigt?

Davon rät das Ifab derzeit noch ab, es sollen deshalb äußerstenfalls schriftliche Informationen auf den Videowänden eingeblendet werden. Im Fernsehen dagegen werden während des Videobeweises die gewohnten Zeitlupen zu sehen sein, abschließend wird immer auch die Kameraeinstellung gezeigt werden, die für eine Entscheidung maßgeblich war. Dem Video-Assistenten stehen dabei 21 verschiedene Perspektiven zur Verfügung, aus denen er mithilfe seiner Operatoren die für ihn aussagekräftigste(n) auswählen kann.

Wie viele eindeutige Fehlentscheidungen wird der Videobeweis verhindern?

Nach einer Erhebung von DFB und DFL gab es in der vergangenen Erstligasaison bei den vier spielrelevanten Situationen in den 306 Partien insgesamt 104 klare Fehler, davon wären 77 mithilfe des Video-Assistenten reparabel gewesen, das sind fast drei Viertel. Zu den nicht korrigierbaren Fehlern zählen beispielsweise falsche Abseitsentscheidungen, bei denen kurz nach dem Pfiff ein Tor erzielt wurde, oder Situationen, in denen es keinen unmittelbaren Anhaltspunkt dafür gab, dass eine spielrelevante Situation vorlag.

"Wir sind uns sicher, dass der Fußball durch den Videobeweis ein Stück gerechter werden wird", sagte Bundesliga-Referee Sascha Stegemann im Juli während eines Pressetermins in Köln. Der 32-Jährige wird bei der Premiere im Supercup als Vierter Offizieller im Einsatz sein. Die Kombination aus Felix Zwayer als Schiedsrichter und Tobias Stieler als Video-Assistent gab es übrigens bereits beim Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien (0:2) Ende März in Paris. Damals annullierte Zwayer auf Intervention von Stieler ein Tor für Frankreich wegen Abseits und revidierte auf der anderen Seite seine Abseitsentscheidung nach dem zweiten spanischen Treffer. Beide Korrekturen erfolgten zu Recht und dauerten jeweils nicht länger als 25 Sekunden. Für die gute Kooperation gab es deshalb seinerzeit international viel Lob. Möglich, dass der DFB nicht zuletzt deshalb auch heute auf das Duo setzt.

Quelle: n-tv.de

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