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Bastian Dankert gehörte die Ehre des ersten Einschäumens in der Bundesliga-Geschichte.
Bastian Dankert gehörte die Ehre des ersten Einschäumens in der Bundesliga-Geschichte.(Foto: imago/Schiffmann)

"Collinas Erben" unter Sprayern: Warum der Schaum den Schiris missfällt

Von Alex Feuerherdt

Von den Zuschauern bejubelt, bei den Schiedsrichtern umstritten: Am achten Spieltag feiert das Freistoßspray sein Debüt in der Bundesliga. Die Referees sind skeptisch, weil der Schaum ihnen Spielraum nimmt.

Knapp 13 Minuten waren in der Partie zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Dortmund gespielt, da mussten die 50.000 Zuschauer im Stadion in Müngersdorf kollektiv schmunzeln. Denn in einer Spielunterbrechung lief Dortmunds Mittelfeldstar Shinji Kagawa unvermittelt zu Schiedsrichter Marco Fritz und übergab dem verdutzten Unparteiischen jenes Utensil, das an diesem Spieltag seinen Einstand im deutschen Profifußball hatte: das Freistoßspray. Fritz hatte es verloren, die Dose war ihm unbemerkt aus dem speziell für dieses Accessoire angefertigten Tragegurt gehüpft. Eine kuriose Szene, die in gewisser Weise sinnbildlich für die von manchen Tücken und Hindernissen geprägte Einführung des Sprühschaums in der Bundesliga stand.

Denn als das Spray – mit dem der Schiedsrichter bei einem Freistoß in Tornähe die Position des Balles und der Mauer markiert – im Sommer des vergangenen Jahres bei der U20-Weltmeisterschaft in der Türkei getestet wurde, lehnten die deutschen Referees es kategorisch ab. "Das fehlt uns gerade noch! Demnächst laufen wir dann mit Rucksack auf und messen den Mauerabstand mit dem Zentimetermaß nach", ätzte damals ein Bundesliga-Schiedsrichter in einer Boulevardzeitung. Auch nach der Klub-WM im Dezember 2013 in Marokko, bei der der Schaum ebenfalls zur Anwendung kam, blieb die Skepsis groß. "Ehrlich gesagt kann ich den Sinn des Freistoßsprays nicht erkennen", sagte seinerzeit DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel. "Ich sehe aus fachlicher Sicht auch keine Notwendigkeit, dies in Deutschland einzusetzen."

Bilderserie

Doch bei der Weltmeisterschaft in Brasilien erhielt die Sprühdose eine überwiegend positive Resonanz. Und als sie zu Saisonbeginn auch in den europäischen Klubwettbewerben sowie in den Profiligen Englands, Spaniens und Frankreichs eingeführt wurde, beschloss die DFL den sofortigen Einsatz in den obersten deutschen Spielklassen. Das ging der Schiedsrichter-Kommission des DFB jedoch zunächst etwas zu schnell, und anschließend erhob der TÜV diverse Einwände gegen das aus Argentinien importierte Produkt: Der Schaum, so hieß es in einem Gutachten, enthalte möglicherweise gesundheitsgefährdende Substanzen, außerdem seien die Gebrauchs- und Gefahrenhinweise auf den Dosen unzureichend.

Schließlich trat auch noch die Gelsenkirchener Stadtverwaltung auf den Plan: Vor dem ersten Heimspiel von Schalke 04 in der Champions League ließ sie verlautbaren, der Einsatz des Sprays könne ein "Ordnungsgeld zwischen fünf und 55 Euro" nach sich ziehen. Nach allem, was man weiß, gab es dann aber doch kein Knöllchen für den Unparteiischen oder die Uefa.

Mehr gelbe Karten befürchtet

Inzwischen sind alle rechtlichen und logistischen Hindernisse beseitigt, jeder Schiedsrichter in den deutschen Profiligen ist vom DFB fürs Erste mit 15 Sprühdosen ausgestattet worden. "Wir rechnen im Schnitt mit drei bis vier Anwendungen pro Spiel", sagt Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichterabteilung. Eine Dose Freistoßspray mit 147 Millilitern Inhalt genügt für etwa sechs Anwendungen. Sicherheitshalber sollen die Unparteiischen in jeder Halbzeit eine neue Dose verwenden. Zudem führt der Vierte Offizielle stets eine Ersatzdose mit sich.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Gesprüht wird bei Freistößen in der Nähe des Strafraums. Dabei soll der Schiedsrichter zunächst darauf achten, ob die angreifende Mannschaft den Freistoß schnell ausführen möchte. Ist das nicht der Fall, zückt er das Behältnis. Dabei dürfe das Spray "die Dynamik des Spiels nicht stören", so Fröhlich. Kommt die Sprühdose zum Einsatz, markiert der Referee zunächst die korrekte Position des Balles mit einem kleinen Teilkreis. Danach stellt er die Mauer und zieht eine Linie vor den Füßen der betreffenden Spieler. Schließlich gibt er den Ball mit einem Pfiff frei. Nach etwa 40 Sekunden verschwindet die gesprühte Markierung von alleine wieder.

Der Spielraum bei Verstößen ist für die Unparteiischen n un extrem gering. "Ohne den Strich hat man vorher nicht genau gesehen, ob es 9,50 Meter oder 9,10 Meter sind, aber jetzt fällt das sofort auf", gibt Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer zu bedenken. "Malen Sie sich den Fall aus, dass ein Spieler schon verwarnt ist und dann den Freistoßstrich übertritt. Dann muss ich ihn mit Gelb-Rot vom Platz stellen. Bislang konnte der Schiedsrichter, so es vertretbar war, da noch ab und an ein Auge zudrücken." Auch der Freistoßschütze, der den Ball aus dem markierten Teilkreis herauslegt, soll konsequent verwarnt werden.

Applaus zur Premiere

Vor allem dieser Zwang zur kleinlichen Regelauslegung ist es, der die Schiedsrichter das Freistoßspray mit einem gewissen Unbehagen sehen lässt. Zudem bezweifeln einige Spielleiter, dass seine Einführung wirklich nötig war. "Bei der Mauerbildung hat es nach meiner Erfahrung nie so viele Diskussionen gegeben wie bei anderen Situationen", sagt beispielsweise Thorsten Kinhöfer. "Ich denke, dass unsere natürliche Autorität auf dem Platz auch so ausreicht, um bei Freistößen die Spieler bei der Mauerbildung im korrekten Abstand zum ausführenden Spieler zu stellen." Schiri-Chef Fandel glaubt zwar, dass man sich an die Neuerung schnell gewöhnen werde, setzt selbst aber andere Prioritäten: "Wichtiger wäre uns, dass die Torlinientechnik in der Bundesliga eingeführt wird."

Übrigens: Zwanzig Minuten, nachdem ihm Shinji Kagawa die verlorene Dose in die Hand gedrückt hatte, weihte Marco Fritz in Köln sein Freistoßspray nach einem Foul des Dortmunders Mats Hummels ein. Schneller zog nur sein Kollege Bastian Dankert, der beim Spiel des FC Bayern gegen Werder Bremen nach 18 Minuten der erste Schiedsrichter war, der diese Neuerung im deutschen Fußball-Oberhaus zur Anwendung brachte. In allen Bundesligastadien wurde die jeweilige Sprühpremiere vom Publikum gebührend gefeiert. Sage also niemand, der Sprühschaum hinterlasse keine Spuren.

Quelle: n-tv.de

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