Wirtschaft
Fordern die Eurozone heraus: Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras.
Fordern die Eurozone heraus: Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras.(Foto: AP)

Hybris erzeugt Arroganz: Athen leidet an Realitätsverlust

Ein Kommentar von Thomas Schmoll

Der Athener Regierung fehlt jedes Gespür für die Wirklichkeit. Sie merkt nicht, was sie mit ihren Beleidigungen und Verbalattacken gegen ihre Geldgeber für Schaden anrichtet. Inzwischen denkt auch die politische Mitte: So nicht!

Yanis Varoufaiks hat keine Zeit. Er muss noch mindestens 148 Mails checken, sein Land und die Eurozone retten oder besser gleich die Weltwirtschaft. "Halbe Stunde Interview, mehr ist nicht drin", weist der griechische Finanzminister Reporter vom "Spiegel" zurecht, ehe er die Gelegenheit nutzt, seine Sicht der Dinge zu erklären. In dem für Europas politische Bühne einmaligen Mix aus Realitätsverlust, -verweigerung und -verdrehung attackiert Varoufakis wieder einmal jene Staaten, die Hellas vor dem Bankrott gerettet haben, allen voran Deutschland.

Varoufakis schmückt seine Geschichte von den bösen Deutschen, die die Griechen unter Wasser drücken, immer weiter aus. Mit 90 Prozent der 240 Milliarden Euro Hilfskredite für sein Land seien "in Wahrheit" Banken, insbesondere deutsche und französische, vor Verlusten geschützt worden. "Das Geld ist in schwarzen Löchern verschwunden", behauptet der Athener Kassenwart. Garniert wird das mit dem abermaligen Vorwurf des "fiskalischen Waterboardings" gegen die Kontroll-Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds (IWF), die in Griechenland als williger Vollstrecker des deutschen Spardiktats betrachtet wird.

Zwar besteht der Minister im "Spiegel" darauf, seinen Berliner Kollegen Wolfgang Schäuble "nie auch nur ansatzweise in die Nähe eines Gangsters gerückt" zu haben, obwohl frühere Äußerungen exakt diesen Schluss zulassen. Varoufakis gehört zu den Wegbereitern der antideutschen Stimmung in seiner Heimat, die dazu führt, dass Schäuble wie jüngst in einer Syriza-Zeitung als KZ-Kommandant karikiert wird, der über die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Geldgebern in übelsten Nazi-Jargon erklärt: "Wir bestehen darauf, aus Eurem Fett Seife zu machen. Wir diskutieren darüber, ob wir aus Eurer Asche Düngemittel machen."

Das ist widerlicher Humbug. Es ist unbestritten, dass der Sparkurs überzogen war und korrigiert werden muss. Die Botschaft ist in Berlin und Brüssel angekommen. Nachvollziehbar ist zudem, dass Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Finanzminister versuchen, das Volk hinter sich zu halten und sich eine gute Ausgangsposition für den Finanzpoker zu schaffen. Aber sie sollten endlich auch begreifen, dass auch die Regierungen der anderen Eurostaaten weitere Zugeständnisse an Griechenland jedweder Art ihren Wählern "verkaufen" müssen. Und genau hier liegt das Problem.

Varoufakis setzt auf Umverteilung

Die fortgesetzt überzogenen Beschuldigungen an die deutsche Adresse sorgen in der politischen Mitte für Empörung, Wut und Unverständnis. Und das völlig zurecht. Denn mit jeder neuen Attacke von Varoufakis schwindet die Lust, den Griechen weiter Geld zu geben. Langsam kippt nämlich in der Bundesrepublik die Stimmung, Hellas, die Wiege der Demokratie, ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die griechische Hybris erzeugt hierzulande Arroganz. Schon wird der Ruf laut: Dann macht doch euren Mist allein. Mit irrlichternden Ultralinken, die erst die Hand aufhalten und anschließend von fiskalischem Waterborading reden, wollen wir nichts zu tun haben.

Es ist nämlich ein einmaliger Akt europäischer Solidarität, ein Land vor der Pleite zu bewahren. Punkt und aus. Niemand will, wie es Tsipras immer wieder falsch behauptet, dass die Griechen auf Knien nach Berlin rutschen und Bitte-bitte machen. Sie müssen noch nicht einmal laut danke sagen. Aber es wäre sehr hilfreich, wenn Tsipras und Varoufakis öffentlich anerkennen würden, was Deutschland und die anderen Eurostaaten für Hellas getan haben, statt immer wieder verbal auf diese einzudreschen.

Kein anständiger Europäer wird gerade jetzt Griechenland den Geldhahn zudrehen wollen. Die demokratisch gewählte Regierung soll ihre Chance haben zu zeigen, dass sie das Land auf einen neuen Pfad führt. Den Weg aber dafür muss sie ebnen. Bisher macht die Athener Regierung permanent Vorschläge, die zu Lasten der Europartner gehen, auch wenn Varoufakis das Gegenteil behauptet und allen blühende Landschaften verspricht. Sein ausgerechnet mit einem Briten und einem Amerikaner verfasster "bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise" - der Name ist Programm - ist nichts weiter als ein rechtlich fragwürdiges Sammelsurium an Umverteilungsvorschlägen, die Zweifel aufkommen lassen, ob Varoufakis wirklich etwas von Ökonomie versteht oder nur ein linker Träumer ist.

Ihre Wahlversprechen werden Tsipras und Varoufakis ohnehin nicht einlösen können. Selbst ein Schuldenschnitt macht das Land nicht schlagartig wettbewerbsfähiger. Es muss also ein Kompromiss her, mit dem beide Seiten leben können. Ansonsten wird der Grexit kommen, der das griechische Volk vielfach härter treffen wird als der jetzige Sparkurs. Falls es dazu kommt, weiß man schon, wer Schuld hat: Die Nazis, Schäuble, Merkel, die Banken, die Börsenzocker, der IWF, die EZB, Brüssel - nur nicht die Griechen und ihre Regierung.

Quelle: n-tv.de

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