Wirtschaft

Ökonomen-BarometerAufschwung dürfte sich fortsetzen

17.12.2010, 11:43 Uhr

Deutschland bleibt nach Einschätzung von Ökonomen auch im kommenden Jahr an der Wachstumsspitze in Europa. Angesichts der großen Unsicherheit durch die europäische Schuldenkrise warnen sie jedoch vor überzogenem Optimismus.

Deutschlands führende Volkswirte

blicken mit Optimismus aufs kommende Jahr. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer von

Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach erwarten die Experten

für 2011 ein Wachstum von 2,3 Prozent.

Im laufenden Jahr dürfte

die Wirtschaftskraft nach Schätzung des Münchner ifo-Instituts um 3,7 Prozent zulegen.

"Die deutsche Wirtschaft dürfte den Rest des Euroraums auch 2011 hinter sich

lassen", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Seit der Euro-Einführung

seien die Lohnstückkosten in Deutschland kaum gestiegen, die Wirtschaft sei "sehr

wettbewerbsfähig. Außerdem exportiert Deutschland überproportional viel in die schnell

wachsenden Volkswirtschaften Asiens", so Krämer. Auch der Chef-Volkswirt des

Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier, zeigte sich optimistisch:

"Der Aufschwung setzt sich auf breiterer Basis fort, wenn auch mit etwas geringerem

Tempo".

Angesichts des anhaltenden

Wirtschaftswachstums prognostizieren die Experten zudem eine weitere Entspannung

am Arbeitsmarkt. Danach dürfte die Zahl der Menschen ohne Job 2011 im Jahresdurchschnitt

um gut 300.000 auf 2,92 Millionen sinken. "Die Exportstärke schiebt die inländischen

Investitionen und den Arbeitsmarkt an - und zunehmend auch den heimischen Konsum",

sagte DIHK-Chef-Volkswirt Treier. Damit dürften die Verbraucher im nächsten Jahr

neben dem Export zum wichtigsten Wachstumspfeiler werden.

Allerdings warnten mehrere Volkswirte vor allzu großer Euphorie. So sei ein Teil

der sinkenden Arbeitslosigkeit auf statistische Effekte zurückzuführen: "Immer

mehr Arbeitslose gehen in Rente", sagte Prof. Hermann Locarek-Junge von der

TU Dresden. Zudem würden die verbleibenden Arbeitslosen immer "schwerer vermittelbar",

erinnerte Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)

in Mannheim.

Mit wachsender Sorge beobachten

die Volkswirte derzeit die Entwicklung in der EU: So befürchten 83 Prozent der Ökonomen,

dass auf Sicht von sechs bis zwölf Monate nach Irland weitere Länder Finanzhilfen

benötigen könnten. 13 Prozent sehen diese Gefahr nicht. "Es gibt Staaten in

der EU, deren Finanzsituation ähnlich ungünstig ist wie die Griechenlands oder Irlands",

warnte der Wirtschaftsweise und Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung

(RWI), Prof. Christoph M. Schmidt. "Die Märkte sind nervös und viele Wackelkandidaten

unter den Euroländern müssen demnächst ablaufende Staatsschuldpapiere ersetzen.

Dies wird nur zu steigenden Zinsen möglich sein. In diesem Szenario können leicht

weitere Rettungsaktionen notwendig sein", sagte auch Prof. Ulrich van Suntum

von der Uni Münster.

Als größter Wackelkandidat

gilt unter den Ökonomen derzeit Portugal. Rund die Hälfte der Befragten erwartet,

dass das Land Hilfen aus dem EU-Rettungsschirm in Anspruch nehmen muss. Immerhin

21 Prozent sehen auch Spanien als gefährdet.

Eine mögliche Ausweitung

des EU-Rettungsschirms lehnten zwei Drittel der Ökonomen ab, ein Drittel hält die

von Luxemburg und Italien geforderte Ausweitung der Kreditgarantien für sinnvoll.

Der Konjunkturchef des RWI, Prof. Roland Döhrn, erklärte, es sei "zweifelhaft,

ob die Ankündigung eines größeren Schirms wirklich beruhigend wirkt, oder ob sie

nicht genau das Gegenteil signalisiert, nämlich dass noch mehr Länder ernsthafte

Probleme haben." Die EU hatte sich auf dem Gipfel am Donnerstag auf eine unbefristete

Verlängerung des Rettungsschirms über 2013 hinaus geeinigt.

Auf massive Ablehnung treffen

zudem Überlegungen, Gemeinschaftsanleihen zu begeben. 83 Prozent der Volkswirte

lehnen den Vorstoß ab, 15 Prozent halten ihn für sinnvoll. Mit den EU-Bonds würden

Länder mit Zahlungsschwierigkeiten günstigere Refinanzierungsmöglichkeiten erhalten,

für Länder mit hoher Bonität wie Deutschland würde die Refinanzierung dagegen künftig

teurer. Mit weitreichenden Folgen: Mit Euro-Bonds und der gemeinsamen Haftung "würden

die Verschuldungsanreize erhöht", mahnte etwa Prof. Robert Schwager von der

Uni Göttingen.

Unterdessen ist das Ökonomen-Barometer

im Dezember weiter gestiegen. Zwar verharrte die Einschätzung der aktuellen Lage

auf dem Niveau des Vormonats. Dafür legte der Erwartungswert um knapp fünf Prozent

auf 70 Punkte zu und notiert damit auf dem höchsten Niveau seit Juli 2007.

Quelle: Thomas Schmidtutz