Wirtschaft

Russen stechen Norweger ausBASF gibt Stickstoff ab

27.09.2011, 18:04 Uhr
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"Das ist eine gute Nachricht, weil es hilft, die Schulden zu reduzieren." (Foto: picture alliance / dpa)

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF trennt sich von seinen Ambitionen im Geschäft mit Düngemitteln auf Stickstoffbasis. Der Verkauf kommt dem russischen Unternehmen Eurochem gerade recht: Im Wettbewerb mit dem norwegischen Hersteller Yara sichern sich die Russen einen Vorsprung im Rennen um Marktanteile im lukrativen europäischen Markt.

Der Chemiekonzern BASF gibt sein renditeschwaches Düngemittelgeschäft an den russischen Hersteller Eurochem ab. Verkauft werden Anlagen zur Produktion von Stickstoff-Düngemitteln im belgischen Antwerpen sowie die 50-prozentige Beteiligung am Joint Venture PEC-Rhin mit dem Total-Konzern, wie BASF mitteilte. Der Verkaufspreis liegt bei 700 Mio. Euro.

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"Das perfekte Szenario für K+S wäre, wenn Eurochem K+S aus der Vertriebsvereinbarung mit BASF herauskauft." (Foto: REUTERS)

Die Trennung von der Stickstoffsparte soll bis Ende März abgewickelt sein. Die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden steht noch aus. Das Nachsehen in dem Verkaufsprozess hat der norwegische Stickstoff-Spezialist Yara, der ebenfalls Interesse an der BASF-Sparte angemeldet hatte.

BASF, der weltgrößte Chemiekonzern, hatte seine Geschäfte mit Stickstoff-Düngemitteln mit einer Kapazität von 2,5 Mio. Tonnen im Frühjahr zum Verkauf gestellt, da sie nicht zum Kerngeschäft des Konzerns zählen und weniger Gewinn abwerfen als andere Sparten.

In dem Bereich, der weniger als ein Prozent zum BASF-Umsatz beiträgt, setzen Billigproduzenten aus dem Nahen Osten wie Saudi Basic Industries europäischen Herstellern zu. Die Produktion von Düngemitteln am BASF-Sitz in Ludwigshafen, mit der das Unternehmen 1913 begonnen hatte, wird jedoch nicht verkauft.

DZ-Bank-Analyst Peter Spengler konnte dem Verkauf nur Gutes abgewinnen. "Das ist eine gute Nachricht, weil es hilft, die Schulden zu reduzieren", erklärte er in einem Kurzkommentar. Den Gewinn aus der Transaktion für BASF schätzt der Experte auf 500 Mio. Euro. Die BASF-Aktien legten in einem positiven Gesamtmarkt zeitweise kräftig zu.

Eurochem will in Europa angreifen

Der Düngemittelproduzent Eurochem, der vom russischen Unternehmer Andrej Melnitschenko kontrolliert wird und knapp 10 Prozent am deutschen Konkurrenten K+S hält, will mit dem Erwerb sein Europageschäft stärken. "Mit der Akquisition des BASF-Düngemittel-Komplexes in Antwerpen erhält Eurochem Produktionsanlagen von hoher Qualität mit überlegener Logistik, die für eine weitere geografische Diversifikation sorgen und uns deutlich näher an unsere europäischen Kunden rücken lassen", sagte Eurochem-Vorstandschef Dimitri Strechnew.

Der Verkauf der BASF-Düngemittelaktivitäten könnte auch Konsequenzen für K+S haben. Bislang produziert BASF Stickstoff-Düngemittel für den Dax-Konzern aus Kassel. Die Lieferverträge würden ungeachtet des Eigentümerwechsels weiter gelten, sagte ein K+S-Sprecher. Die Verträge können jedoch Ende 2014 gekündigt werden. K+S liebäugelt damit, spätestens dann ganz aus dem Stickstoff-Bereich auszusteigen und sich auf sein Kerngeschäft mit Kali-Düngemittel und Salz zu konzentrieren.

"Das perfekte Szenario für K+S wäre, wenn Eurochem K+S aus der Vertriebsvereinbarung mit BASF herauskauft", sagte Analyst Wolfgang Fickus von der WestLB. "Nach einem Ausstieg aus dem Stickstoffdüngemittelgeschäft würde K+S ausschließlich Kali und Salz produzieren. Das würde dem Aktienkurs helfen, da die operative Marge um mehr als 600 Basispunkte steigen sollte." Denkbar wäre auch, dass K+S sein Stickstoff-Düngemittelgeschäft herunterfährt und nur noch die Mengen vertreibt, die es von BASF aus Ludwigshafen und von Lanxess bezieht. Offiziell hält sich der Konzern für sein Stickstoffgeschäft "alle Optionen offen".

"Wir sehen eine Abschwächung"

Der Verkauf der Sparte kommt dem Chemiekonzern BASF insgesamt sehr gelegen. Die Branche muss sich nämlich laut BASF-Chef Kurt Bock auf schwächere Wachstumsraten einstellen. "Es gibt weiter Wachstum", sagte Bock beim Tag der Deutschen Industrie in Berlin vor allem mit Blick Umsatz und Aufträge.

Die Verunsicherung sei aber größer als vor einem halben Jahr. "Wir sehen eine Abschwächung des Wachstums."

Die deutsche Chemieindustrie steuert 2011 nach früheren Angaben des Branchenverbandes - trotz erwarteter Abkühlung in der zweiten Jahreshälfte - weiter Rekordwerte bei Umsatz und Produktion an.

Quelle: rts