Pilotenstreik an deutschen FlughäfenDer Ton wird schärfer
Seit Mitternacht bringt der Pilotenstreik bei der Lufthansa den Alltag an den deutschen Flughäfen gründlich durcheinander. Ein Sonderflugplan ist in Kraft, trotzdem fallen zahlreiche Verbindungen aus. Der Konzern rechnet mit Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Und laut Cockpit ist das erst der Anfang.
Der seit Mitternacht laufende und auf vier Tage ausgelegte Pilotenstreik bei der Lufthansa könnte sich noch länger ziehen. Nach Angaben eines Sprechers der Pilotenvereinigung Cockpit gibt es derzeit keinen Kontakt und keine Verhandlungen mit der Lufthansa. "Offenbar reicht der Lufthansa der Druck von vier Tagen Streik noch immer nicht", sagte Alexander Gerhard-Madjidi. "Wir bluffen nicht."
Cockpit sei gesprächsbereit. Sollte es am Ende des aktuellen Streiks aber weiter keine Gespräche geben, seien neue Streiks denkbar. "Wir können das im Wochenrhythmus wiederholen."
Lufthansa bleibt hart
Nach Beginn des Pilotenstreiks schlägt auch die Lufthansa-Führung scharfe Töne an. die größte deutsche Fluggesellschaft gab Cockpit die alleinige Schuld für alle Folgen der Arbeitsniederlegung. "Die Verantwortung für sämtliche Auswirkungen - auf die Kunden, die Zukunft des Unternehmens und auf den Wirtschaftsstandort Deutschland - trägt einzig und allein die Gewerkschaft", sagte ein Lufthansa-Sprecher im Deutschlandfunk.
Seinen Worten zufolge lässt VC im entscheidenden Verhandlungspunkt keine Kompromissbereitschaft erkennen. Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass die Gewerkschaft von ihrer Forderung abrücke, den Lufthansa-Tarifvertrag auch auf Piloten ausländischer Konzerntöchter auszuweiten. Das Management sieht darin einen juristisch unzulässigen Eingriff in seine Entscheidungsbefugnisse. "Das ist nicht verhandelbar", betonte der Sprecher.
Cockpit hatte dagegen in einer Presseerklärung am Sonntagabend einen Kompromissvorschlag genannt. Demzufolge soll der Disput in dem zentralen Streitpunkt ausgesetzt werden, bis dieser höchstrichterlich geklärt ist. Zugleich solle die Lufthansa bis dahin keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.
In dem Streit war auch am Wochenende keine Einigung erzielt worden, obwohl sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer als Vermittler eingeschaltet hatte. Cockpit hat gut 4000 Piloten aufgerufen, für vier Tage ihre Arbeit ruhen zu lassen. Dies wäre der längste Pilotenstreik der Lufthansa-Geschichte. "Das ist das Dramatischste im deutschen Luftverkehr, was wir je erlebt haben", sagte der Konzernsprecher. Für Montag musste die Lufthansa 40 bis 50 Prozent der Flüge streichen. "Von 1800 Flügen dürften maximal 1000 Flüge stattfinden", sagte der Sprecher.
Betroffen waren am Morgen vor allem Strecken innerhalb Deutschlands sowie einige internationale Verbindungen. Zehntausende Passagiere müssen sich darauf einrichten, dass ihre Flüge gar nicht oder nur verspätet starten, die Lufthansa rechnet mit Millionenschäden. Chaos und Hektik brachen in den Morgenstunden aber nicht aus. Flughafensprecher berichteten von Ruhe in leeren Abflughallen.
Bahn setzt Extra-Züge ein
Lufthansa rechnet damit, dass durch den Ausstand bis Donnerstag insgesamt 3200 Flügen ausfallen. Der Konzern befürchtet einen Schaden in Höhe von rund 100 Mio. Euro. Fluggäste müssen wegen des Streiks mit massiven Beeinträchtigungen rechnen. Die Airline kündigte an, betroffene Kunden auf andere Flüge umzubuchen oder innerhalb Deutschlands mit Bahntickets zu versorgen. Der Notfallplan der Lufthansa ist auf der Internetseite www.lufthansa.com einsehbar.
Die Deutsche Bahn kündigte an, Sonderzüge einsetzen zu wollen. Ein Zugpaar fährt zwischen Köln und Berlin, ein weiteres zwischen Hamburg und Berlin und zurück, teilte die Bahn mit. Zusätzliche Kapazitäten würden zwischen München-Hannover/Hamburg und Hamburg/Hannover-München angeboten.
Flugreisende könnten ein Bahnticket für die identische Reiseklasse bei der Bahn kaufen und später gemeinsam mit einem Beleg über das Flugticket von der Lufthansa erstatten lassen.
Auskünfte über die noch zur Verfügung stehenden Plätze in den Zügen gibt es telefonisch unter 0180/5 99 66 33 oder im Internet.
"Sehr ruhig und sehr leer"
Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt sollten von den rund 390 Lufthansa-Verbindungen etwa 40 Prozent ausfallen, sagte eine Lufthansa-Sprecherin. Weil sich viele Passagiere über den Sonderflugplan informiert hatten, blieb ein Chaos in den Morgenstunden aus. Fluggäste aus dem Ausland, die in Frankfurt gelandet sind, mussten auf die Bahn ausweichen oder wurden umgebucht.
Am zweitgrößten Airport bei München war es "sehr ruhig und sehr leer" in der Abflughalle, wie ein Sprecher sagte. Auch am Umbuchungsschalter der Airline warteten nur vereinzelt Passagiere.
Die Lufthansa geht davon aus, dass dort rund 40 Prozent der Flüge gestrichen werden müssen. "Wir werden versuchen, 50 bis 60 Prozent des normalen Flugprogramms aufrecht zu erhalten", sagte eine Sprecherin.
Ob der in der vergangenen Woche veröffentlichte Sonderflugplan eingehalten werden kann, werde sich im Laufe des Tages zeigen. Den Flughafen München verlassen täglich rund 330 Lufthansa- Flieger.
Die genaue Anzahl der annullierten Flüge an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn konnte die Lufthansa am frühen Morgen noch nicht nennen. An beiden Flughäfen sollten am Montag zwar einige Lufthansa-Maschinen abheben, die meisten Flüge seien aber gestrichen. Nach einer ersten groben Schätzung fielen acht von zehn Flügen aus. In Hamburg sollten am Montag nur 44 von 97 Flügen starten.
Die Airline bedauert
Das Unternehmen bedauere die "Unannehmlichkeiten" für die Fluggäste, erklärte eine Sprecherin der Fluggesellschaft. Die Piloten der größten deutschen Fluggesellschaft wollen bis Donnerstag um eine Minute vor Mitternacht die Arbeit niederlegen. Sollte der Ausstand bis zu diesem Zeitpunkt aufrechterhalten werden, wäre es der größte Streik in der Geschichte des Unternehmens.
"Wir hatten bis zum Schluss Hoffnung, den Streik abzuwenden", sagte eine Lufthansa-Sprecherin in der Nacht. Sie betonte: "Wir sind selbstverständlich dialogbereit." Die Vereinigung Cockpit will mit dem Streik für die Sicherung der Arbeitsplätze der deutschen Lufthansa-Piloten kämpfen. Die Pilotengewerkschaft befürchtet, Jobs könnten verloren gehen, weil die Lufthansa künftig mehr Strecken von Auslandstöchtern bedienen lässt, deren Piloten weniger verdienen.
Hilflose Beobachter
Kritik an dem Streik kam vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Vor dem Hintergrund der gerade erlebten "schwersten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik" sei der Streik "verantwortungslos", sagte DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben der "Berliner Zeitung". Sollte sich der Ausstand in die Länge ziehen, werde sich das "merklich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Firmen auf Auslandsmärkten auswirken", sagte Wansleben der Zeitung.
Was Passagiere tun könnenMit Blick auf die Lufthansa-Aktie rechneten Beobachter an den Börsen mit nachgebenden Kursen. Der Pilotenstreik dürfte sich negativ auswirken, zumal die Fronten verhärtet schienen, hieß es. Am Freitag war die Lufthansa-Aktie in Frankfurt bei 11,14 Euro aus dem Handel gegangen.