Wirtschaft

Arbeitsamt im VersandhausDer leise Tod von Quelle

26.10.2009, 18:59 Uhr
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Die Agentur für Arbeit hat im Versandzentrum Quelle ein mobiles "Mini-Arbeitsamt" eingerichtet. (Foto: dpa)

Es ist kein einfacher Gang: Ernst und in sich gekehrt holen sich Quelle-Mitarbeiter im mobilen "Mini-Arbeitsamt", das auf die Schnelle im Versandzentrum eingerichtet wurde, Hilfe.

Es ist eine der größten Entlassungswellen in Deutschland - doch sie geht sang- und klanglos vonstatten. Weder laute Trillerpfeifkonzerte der Gewerkschaft noch Protestplakate begleiten den Weg mehrerer hundert Quelle-Mitarbeiter in das mobile Arbeitsamt im Nürnberger Quelle-Versandzentrum an der Fürther Straße. Mit ernsten Blicken und in sich gekehrt gehen sie in das Gebäude. Auf die Schnelle hat die Arbeitsagentur dort wenige Tage nach dem Aus für Quelle ein "Mini-Arbeitsamt" eingerichtet. Innerhalb einer Woche müssen rund 4000 gekündigte Beschäftigte amtlich registriert werden. Mehr als 100 Vermittler aus ganz Bayern sollen den Betroffenen beim Ausfüllen der Arbeitslosengeldanträge helfen, sie beraten - und psychisch aufbauen.

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Die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit stehen den Quelle-Angestellten mit Rat und Tat zur Seite ... (Foto: dpa)

"Den Menschen ist zwei Monate vor Weihnachten der Boden unter den Füßen weggezogen worden", erklärt der Chef der bayerischen Regionaldirektion, Rainer Bomba. Deshalb sei auch an die Arbeitsvermittler die Parole ausgegeben worden: "Keine Hektik, keine Panik." Vor dem Quelle-Gebäude steht für gesundheitliche Notfälle ein Fahrzeug des Roten Kreuzes. "Die Leute sind sehr gestresst, es könnte zu Kreislaufzusammenbrüchen kommen", erklärt Rot-Kreuz-Mitarbeiter Heinrich Lederer.

Psychologen im Einsatz

Auch eine psychologische Beratungsstelle mit vier Experten steht den Quelle-Mitarbeitern zur Verfügung. "Ein Betroffener hat Selbstmordgedanken geäußert", sagt der Leitende Arzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg, Günter Niklewski. Die Psychologen kümmern sich nun um ihn.

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... und helfen beim Ausfüllen der Anträge auf Arbeitslosengeld II. (Foto: dpa)

Mit der Einrichtung des Ersatzarbeitsamtes habe die Arbeitsagentur eine "Herkulesaufgabe" gestemmt, lobt Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD). In der riesigen Kantine des Versandzentrums besuchen die Quelle-Mitarbeiter zunächst eine allgemeine Info-Veranstaltung, bevor es dann in Gruppen von bis zu 20 Menschen zum Ausfüllen der Arbeitslosengeldanträge geht. Überall stehen Pinnwände, auf denen erklärt wird, wie Bewerbungsanschreiben und Lebenslauf heute auszusehen haben. "Alles ist gut organisiert und die Mitarbeiter sind nett und hilfsbereit", erzählt eine Quelle-Angestellte, die gerade ihren Antrag ausgefüllt hat. Knapp 20 Jahre hat sie für den Versandhändler im Außendienst gearbeitet.

"Sensibles Vorgehen" ist gefragt

Vermittler Gerhard Rühr ist extra aus dem oberbayerischen Altötting zur Unterstützung des Teams nach Nürnberg gekommen: "Nicht knallhartes Vermitteln ist gefragt, sondern ein sensibles Vorgehen", sagt er. Gemeinsam mit mehr als 25 Kollegen aus ganz Bayern wurde der 40-Jährige am Morgen in einem roten Reisebus zu seinem Einsatzort gefahren.

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Zahlreiche Stellwände informieren über die aktuellen Bewebungsgepflogenheiten. (Foto: dpa)

Eine Woche lang sollen die Frauen und Männer den gekündigten Quelle-Mitarbeitern Hilfestellung leisten - und Arbeitslosmeldungen im Akkord bearbeiten. Die Stimmung unter den Vermittlern ist angespannt: Es sei eine schwierige Situation - auch für die Mitarbeiter der Arbeitsagentur, erklärt Vermittler Franz Zwingmann. Und seine Kollegin Annika Wild stellt nach dem ersten Tag fest: "Die Menge an Arbeitslosengeldanträgen auszufüllen, das ist schon ungewohnt."

Es bleibt die Hoffnung

Auf den Weg zum "Mini-Arbeitsamt" hat sich auch ein 49 Jahre alter Transportarbeiter gemacht. Über 20 Jahre hat er für Quelle gearbeitet. "Heute gehe ich da mit keinem guten Gefühl rein", sagt er. Wie viele seiner gekündigten Kollegen hält er einen braunen Umschlag in seinen Händen - darin unter anderem der Personalausweis und die letzte Gehaltsabrechnung, nur damit können sich die Betroffenen arbeitslos melden. Dass die Arbeitsagentur direkt ins Haus komme, erleichtere ihm den Schritt, erklärt der Mann und fügt hinzu: "Ich habe die Hoffnung, dass es noch was werden könnte mit einem neuen Job."

Quelle: Ira Kugel, dpa