Wirtschaft

Ökonomen-BarometerEin Fall von Konjunktureuphorie

13.08.2010, 14:03 Uhr

Unter Deutschlands führenden Volkswirten wächst die Konjunkturzuversicht fast ungebremst. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer von n-tv und der Zeitschrift Euro am Sonntag für den August hervor.

Das Ökonomen-Barometer zur Einschätzuung der aktuellen wirtschaftlichen Lage aus Sicht führender Volkswirte ist im August um zehn auf rund 64 Punkte gestiegen. Dies war der höchste absolute Zuwachs seit Einführung

des Indikators im Dezember 2006. Auch der Erwartungswert verzeichnete mit

einem Plus von elf auf 68 Punkte einen Rekordanstieg.

Die Entwicklung

spiegelt die überraschend schnelle Konjunkturerholung wider. Im zweiten Quartal

legte die deutsche Wirtschaft um 2,2 Prozent zu. Das war der höchste Anstieg seit

1987. Analysten hatten lediglich mit 1,3 Prozent gerechnet. Die Belebung schlägt

sich inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Im Juli sank die Zahl der Erwerbslosen

gegenüber dem Vorjahr um 271?000 auf 3,2 Millionen.

Angesichts

der Diskussion um den permanent zunehmenden Fachkräftemangel plädiert die Mehrheit

der befragten Experten für einen erleichterten Zuzug ausländischer Experten. Nach

den derzeit geltenden Gesetzen erhalten Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern erst ab

einem Jahresgehalt von 66?000 Euro ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Demgegenüber

drängen der Maschinenbauverband VDMA sowie der Technologieverband Bitkom auf eine

Absenkung der Hürde auf 35?000 bis 40?000 Euro. Immerhin 71 Prozent der befragten

Ökonomen hielten eine solche Anpassung für richtig, 21 Prozent für falsch.

Deutschland

könne "intern nicht genügend Fachkräfte in kurzer Zeit heranbilden", sagte

etwa Professor Günter Franke (Uni Konstanz). Auch Volker Treier, Chefvolkswirt des

DIHK, plädierte für die niedrigere Gehaltsgrenze. Dies könne den Betrieben helfen,

"mehr qualifizierte Ausländer" zu beschäftigen. Professor -Robert Schwager

(Uni Göttingen) sprach sich sogar für eine völlige Freigabe aus: "Solange jemand

beschäftigt ist und mehr Steuern zahlt, als er/sie an Transfers erhält", sei

dies ein Gewinn für Deutschland.

Zugleich

unterstützten 52 Prozent der Ökonomen die Forderung, das Arbeitskräftepotenzial

im Inland besser auszuschöpfen und auch die Voraussetzungen zur Vereinbarkeit von

Familie und Beruf zu ver-bessern, wie es der Chef der Bundesagentur für Arbeit,

Frank-Jürgen Weise, unlängst gefordert hatte. "Hinsichtlich der Vereinbarkeit

von Familie und Beruf ist Deutschland noch ein Entwicklungsland", sagte der

Wirtschaftsweise Professor Christoph M. Schmidt. "Seit wir eine eigene Kinderkrippe

haben, interessieren sich weit mehr Frauen für eine akademische Karriere",

berichtete Professor Walter Krämer (Uni Dortmund) aus dem Uni-Alltag.

Auf ungewöhnlich

breite Zustimmung trafen Vorschläge, den Zuzug über ein Punktesystem zu steuern,

wie es die FDP favorisiert. Nach den Vorstellungen der Liberalen sollen Alter, Qualifikation

oder Sprachkennt-nisse bewertet werden. Insgesamt 83 Prozent der Ökonomen halten

ein solches System für geeignet, acht Prozent lehnen es ab. Es sei "höchste

Zeit, die frühere Praxis der offenen Arme für alle Fußlahmen dieser Erde zu beenden",

sagte etwa Professor Krämer (Uni Dortmund). Länder wie Kanada hätten "mit diesem

System gute Erfahrungen gemacht", erinnerte Professor Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen

Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der

Monopolkommission, Professor Justus Haucap (Uni Düsseldorf). Auch Professor Martin

Werding (Uni Bochum) begrüßte den Vorstoß: Ein Punktesystem könne "als Basis

für eine schnelle, unbürokratische Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis

hilfreich sein".

Für das Ökonomen-Barometer

wurden vom 2. bis zum 11. August über 300 Volkswirte in Banken, Uni-Forschungseinrichtungen

und Wirtschaftsverbänden befragt.

Quelle: Thomas Schmidtutz