Ökonomen-BarometerEin Fall von Konjunktureuphorie
Unter Deutschlands führenden Volkswirten wächst die Konjunkturzuversicht fast ungebremst. Das geht aus dem Ökonomen-Barometer von n-tv und der Zeitschrift Euro am Sonntag für den August hervor.
Das Ökonomen-Barometer zur Einschätzuung der aktuellen wirtschaftlichen Lage aus Sicht führender Volkswirte ist im August um zehn auf rund 64 Punkte gestiegen. Dies war der höchste absolute Zuwachs seit Einführung
des Indikators im Dezember 2006. Auch der Erwartungswert verzeichnete mit
einem Plus von elf auf 68 Punkte einen Rekordanstieg.
Die Entwicklung
spiegelt die überraschend schnelle Konjunkturerholung wider. Im zweiten Quartal
legte die deutsche Wirtschaft um 2,2 Prozent zu. Das war der höchste Anstieg seit
1987. Analysten hatten lediglich mit 1,3 Prozent gerechnet. Die Belebung schlägt
sich inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Im Juli sank die Zahl der Erwerbslosen
gegenüber dem Vorjahr um 271?000 auf 3,2 Millionen.
Angesichts
der Diskussion um den permanent zunehmenden Fachkräftemangel plädiert die Mehrheit
der befragten Experten für einen erleichterten Zuzug ausländischer Experten. Nach
den derzeit geltenden Gesetzen erhalten Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern erst ab
einem Jahresgehalt von 66?000 Euro ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Demgegenüber
drängen der Maschinenbauverband VDMA sowie der Technologieverband Bitkom auf eine
Absenkung der Hürde auf 35?000 bis 40?000 Euro. Immerhin 71 Prozent der befragten
Ökonomen hielten eine solche Anpassung für richtig, 21 Prozent für falsch.
Deutschland
könne "intern nicht genügend Fachkräfte in kurzer Zeit heranbilden", sagte
etwa Professor Günter Franke (Uni Konstanz). Auch Volker Treier, Chefvolkswirt des
DIHK, plädierte für die niedrigere Gehaltsgrenze. Dies könne den Betrieben helfen,
"mehr qualifizierte Ausländer" zu beschäftigen. Professor -Robert Schwager
(Uni Göttingen) sprach sich sogar für eine völlige Freigabe aus: "Solange jemand
beschäftigt ist und mehr Steuern zahlt, als er/sie an Transfers erhält", sei
dies ein Gewinn für Deutschland.
Zugleich
unterstützten 52 Prozent der Ökonomen die Forderung, das Arbeitskräftepotenzial
im Inland besser auszuschöpfen und auch die Voraussetzungen zur Vereinbarkeit von
Familie und Beruf zu ver-bessern, wie es der Chef der Bundesagentur für Arbeit,
Frank-Jürgen Weise, unlängst gefordert hatte. "Hinsichtlich der Vereinbarkeit
von Familie und Beruf ist Deutschland noch ein Entwicklungsland", sagte der
Wirtschaftsweise Professor Christoph M. Schmidt. "Seit wir eine eigene Kinderkrippe
haben, interessieren sich weit mehr Frauen für eine akademische Karriere",
berichtete Professor Walter Krämer (Uni Dortmund) aus dem Uni-Alltag.
Auf ungewöhnlich
breite Zustimmung trafen Vorschläge, den Zuzug über ein Punktesystem zu steuern,
wie es die FDP favorisiert. Nach den Vorstellungen der Liberalen sollen Alter, Qualifikation
oder Sprachkennt-nisse bewertet werden. Insgesamt 83 Prozent der Ökonomen halten
ein solches System für geeignet, acht Prozent lehnen es ab. Es sei "höchste
Zeit, die frühere Praxis der offenen Arme für alle Fußlahmen dieser Erde zu beenden",
sagte etwa Professor Krämer (Uni Dortmund). Länder wie Kanada hätten "mit diesem
System gute Erfahrungen gemacht", erinnerte Professor Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen
Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der
Monopolkommission, Professor Justus Haucap (Uni Düsseldorf). Auch Professor Martin
Werding (Uni Bochum) begrüßte den Vorstoß: Ein Punktesystem könne "als Basis
für eine schnelle, unbürokratische Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis
hilfreich sein".
Für das Ökonomen-Barometer
wurden vom 2. bis zum 11. August über 300 Volkswirte in Banken, Uni-Forschungseinrichtungen
und Wirtschaftsverbänden befragt.