KommentarHurra, wir leben noch
Bereits zum dritten Mal in Folge hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex verbessert. Für knallende Champagnerkorken gibt das jedoch keinen Anlass, denn im Detail verraten die Zahlen nichts Gutes.
Bereits zum dritten Mal in Folge hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex verbessert. Der wichtige konjunkturelle Frühindikator hat die Tiefststände der vergangenen Monate hinter sich gelassen und nimmt langsam wieder Kurs auf Stände vor Ausbruch der Krise. Können also die Korken knallen und darf der Aufschwung-Champagner fließen? Besser nicht, denn im Detail verraten die Zahlen nichts Gutes.
Unter dem Strich stieg das Geschäftsklima überraschend stark von 84,3 auf 85,9 Punkte. Hauptgrund dafür ist ein Anstieg der Geschäftserwartungen der befragten Unternehmer, die einen kräftigen Satz nach oben auf 89,5 Punkte machten – so hoch wurden die Aussichten der Befragten zuletzt vor knapp einem Jahr gemessen. In ihrer Einschätzung der augenblicklichen Lage sind die Probanden hingegen so pessimistisch wie nie seit der Wiedervereinigung: Die Lagebeurteilung liegt bei 82,4 Punkten – in ähnlichen Tiefen bewegte sich das Stimmungsbarometer zuletzt im Rezessionsjahr 1993. Wie passt das zusammen?
Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn Einschätzungen der augenblicklichen Situation in eine andere Richtung laufen als die Erwartungen für die Zukunft: Wer seit Wochen mit einem gebrochenen Bein im Bett liegt, weiß über seine Befindlichkeit oft nur wenig Gutes zu berichten. Ebenso berechtigt ist jedoch die Hoffnung, in absehbarer Zeit den Gips ablegen zu können und voller positiver Erwartungen in Gedanken bereits die Joggingschuhe anzuziehen. Neben Frakturen und Blessuren trägt die deutsche Wirtschaft aus der Krise jedoch auch einen psychischen Knacks davon – und der beeinflusst Stimmungsindikatoren wie den Ifo-Index besonders stark. Seit dem Ausbruch der Krise haben sich die Auguren in düsteren Prognosen und Szenarien für die deutsche Wirtschaft gegenseitig übertroffen. Aus der Furcht vor dem Wachstumsknick wurde die Furcht vor der Rezession wurde die Furcht vor der Depression. Mit wachsender Furcht rutschten die Erwartungen der Unternehmer immer stärker in den Keller.
Überrascht musste so mancher Unternehmer in den vergangenen Monaten feststellen, dass sich die schlimmsten Prophezeiungen nicht bewahrheiteten – hurra, wir leben noch. Den Erwartungen der Befragten musste dies nach der einhelligen Tristesse der Vormonate förmlich einen Schub nach oben geben. Doch so wenig sich die in Teilen erwarteten und im Ifo-Index eingepreisten Horrorvisionen bislang bestätigt haben, ebenso wenig ist die mit dem steigenden Ifo-Index aufkeimende Hoffnung auf ein Ende der Krise und einen beginnenden Konjunkturfrühling bereits ausgemachte Sache. In besonders unsicheren Zeiten sind solche Fehlsignale keine Besonderheit: Nach dem Platzen der New-Economy-Blase zur Jahrtausendwende stiegen die Erwartungen der Ifo-Probanden bis auf 98,3 Punkte, ein realwirtschaftlicher Aufschwung war hingegen weit und breit nicht in Sicht.
Für ein glaubwürdiges Signal einer nachhaltigen Besserung der Lage müssten neben Stimmungsindikatoren wie dem Ifo-Klima auch andere, belastbare Konjunkturampeln auf grün springen. Auftragseingänge, Investitionsabsichten oder Lagerbestände – bei diesen harten Fakten sind Anleger dieser Tage auf der Suche nach den Spuren des Wachstums besser aufgehoben.