Deutsche Banken interessiertKundenfang in Russland
Reiche Russen lassen deutsche Banker auf satte Margen hoffen: Denn während im Land der Bausparverträge die Kunden bei neuen Bankprodukten abwinken, ist der Privatkundenmarkt in Russland längst nicht übersättigt.
Die Versuchung für einen Einstieg ist trotz der schweren Rezession in Russland gerade jetzt besonders hoch: Denn die vor nicht allzu langer Zeit völlig überteuerten russischen Banken leiden in der Krise besonders stark unter Kreditausfällen und sind inzwischen zu Schnäppchenpreisen zu haben.
Das Land, das schon manchen ausländischen Investor mit seinem gewaltigen Bürokratieapparat zum Verzweifeln gebracht hat, ist den deutschen Instituten schon vertraut: Bereits seit Mitte der 1970er Jahre hat die Commerzbank eine Repräsentanz, und auch die Deutsche Bank hat in den vergangenen Jahren mit Erfolg ihr Investmentgeschäft dort aufgebaut.
Banken halten sich bedeckt
Jürgen Fitschen, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, sieht trotz der aktuellen Wirtschaftsdelle nach wie vor Potenzial in Russland. Aber ob und wann sein Institut sich auch im Privatkundengeschäft ein Stück vom Kuchen abschneiden will, wollte er auf einer Veranstaltung in Frankfurt nicht verraten.
Auch die Commerzbank will sich nicht ganz in die Karten blicken lassen. "Konkrete Pläne für Investitionen in das Privatkundengeschäft in Russland gibt es nicht", sagte ein Sprecher. Die Bank schaue sich aber in Mittel- und Osteuropa strategische Optionen für die Zukunft an. Einen Bericht im "Handelsblatt", wonach die Commerzbank Finanzkreisen zufolge bereits im nächsten Jahr in den russischen Privatkundenmarkt einsteigen will, wollte er weder bestätigen noch dementieren.
Briten und Franzosen sind schon da
Die gesunkenen Preise haben bereits Käufer aus dem Ausland angelockt: Die britische Barclays plc hat im vergangenen Jahr die russische Expobank für 745 Mio US-Dollar gekauft, und die französische Societe Generale SA hat ihren Mehrheitsanteil an Rosbank in mehreren Schritten auf knapp 65 Prozent ausgebaut.
"Die meisten russischen Banken sind wegen der Finanzkrise angeschlagen", erklärt Analyst Tutku Bagriyanik von der BHF Bank. Daher sei es jetzt eine günstige Gelegenheit, sich mit Hilfe einer schwächelnden Bank, die bereits über die nötigen Lizenzen verfügt, im Lande zu positionieren.
Während Platzhirsche wie die Sberbank und VTB Bank mit Hilfe des Staates die Finanzkrise überlebt haben, suchen andere Institute verzweifelt nach einem Geldgeber. "Vor der Krise waren russische Banken überbewertet", sagte Olaf Kayser von der Landesbank Baden-Württemberg. "Doch nun sind die Banken durch die Finanzkrise und die Kreditausfälle so geschwächt, dass die Preise für die Institute gesunken sind."
Die Zeit sei daher denkbar günstig, sich jetzt mit Hilfe einer Akquisition für bessere Zeiten in Russland zu positionieren. "Russland ist ein Wachstumsmarkt, der - wenn er den Ausweg aus der Finanzkrise geschafft hat - durchaus Potenzial bietet", erklärte er.
Kreditkarten und Bausparpläne
Die Chancen liegen vor alle im Retail Banking: Denn während hierzulande eine große Bankendichte die Margen im Privatkundengeschäft minimiert hat, liegt der Markt in Russland noch regelrecht brach. "Russische Banken sind langsam, wenn es darum geht, Produkte wie Kreditkarten und Sparpläne anzubieten", erklärte Michael Knoll, Head of M&A bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers in Russland. Und auch die in Deutschland sehr gefragten Bausparpläne sind für Russen nahezu unbekannt.
Wie viel Potenzial der Markt hat, zeigt eine Studie von Raiffeisen Research. Danach lagen die Spareinlagen in Russland im Jahr 2008 bei 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Deutlich höher liegt die Quote mit 26 Prozent im Nachbarland Polen, und in der Eurozone machen die Spareinlagen sogar 58 Prozent des BIP aus. Auch bei den Krediten an private Haushalte hinkt Russland hinterher. Hier liegt der prozentuale Anteil gemessen am BIP bei knapp zehn Prozent, in Polen dagegen schon bei 29 Prozent und in der Eurozone bei 53 Prozent.
"Beide Zahlen, sowohl bei den Spareinlagen als auch bei den Krediten, zeigen das Potenzial im russischen Privatkundenmarkt; insbesondere in den Regionen außerhalb der großen Städte Moskau und St. Petersburg", sagte Analyst Walter Demel von Raiffeisen Research.
Vielversprechender Markt
In zehn Jahren, so erwarten Experten, wird auch Russland das Niveau von weiter entwickelten osteuropäischen Ländern wie Polen erreichen. Für das Land spricht vor allem die Nähe zu Westeuropa und die Größe des Marktes. "Auch wenn die Bevölkerung schrumpft, leben mehr als 100 Millionen Verbraucher diesseits des Urals", sagte Stratege Ralf Zimmermann von Sal. Oppenheim. "Daher ist der Markt trotz der überproportionalen Risiken für viele Banken viel versprechend", erklärte er.
Doch die Risiken sind sehr hoch. "Russland ist der kranke Mann in Osteuropa", sagte Stratege Zimmermann. Während sich die wirtschaftliche Lage in den anderen osteuropäischen Ländern stabilisiere, hinke Russland dieser Entwicklung hinterher. "Die realen Einzelhandelsumsätze verringern sich mit Rekordgeschwindigkeit, während sie in anderen Ländern wie in Polen wieder nach oben weisen. Die Reallöhne fallen ebenso wie ein Stein; die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist schwierig", sagte er.
Auch im Vergleich zu den anderen schnell wachsenden Wirtschaften Brasilien, Indien und China sei Russland das schwächste Glied in der BRIC-Kette. "Ein Engagement in Russland ist daher mit einem hohen wirtschaftlichen Risiko verbunden", sagte Zimmermann. Hinzu kommen die politischen Risiken, die mindestens so hoch seien wie in den anderen BRIC-Ländern.
Neben dem instabilen politischen und wirtschaftlichen Klima ist der gewaltige Bürokratieapparat eine große Hürde. "Die Summe, die Banken für Bürokratie ausgeben, ist im Vergleich zum Westen doppelt so hoch", sagte M&A-Experte Knoll. Einige ausländische Banken, die bereits Anteile an russischen Banken halten, seien an den Risiken gescheitert und wollten sogar wieder aussteigen "Es gibt klare Zeichen, dass mindestens zwei größere europäische Finanzinstitute wieder aus dem russischen Markt aussteigen wollen, um Kapital freizusetzen", sagte Knoll. Namen oder Details wollte er auch auf Nachfrage nicht nennen.
Ein gutes Beispiel, wie man trotz der Schwierigkeiten in Russland erfolgreich sein kann, sieht er im Investmentgeschäft der Deutschen Bank in Russland. Die größte deutsche Bank habe sehr starke Beziehungen zu der Regierung aufgebaut, erklärte Knoll. Dies sei eine unabdingbare Voraussetzung, wenn man in Russland Geschäfte machen wolle. "Wenn man in den russischen Markt hinein will, braucht man eine Bank als Partner, die bereits über ein starkes Netzwerk verfügt - und das nicht nur in Moskau oder St. Petersburg."