Von Goldman Sachs zum Hüter des Euro?Mario Draghi soll es machen

Die Chancen von "Super Mario" steigen: Mario Draghi gilt als Spitzenkandidat für EZB-Chefposten. Nach Frankreich, Italien und Spanien unterstützt jetzt auch die deutsche Bundesregierung eine Kandidatur des Italieners.
Mario Draghi hat das Bild der Banca d'Italia wieder aufpoliert.
Das Ansehen der italienischen Notenbank hatte unter seinem Vorgänger schwer gelitten,
bevor sie während der Wirtschaftskrise unter seiner Leitung international an Format
gewann. Nun strebt der Gouverneur Bank an die Spitze der Europäischen Zentralbank
(EZB) - und seine Chancen steigen: Nachdem Frankreich und Italien die
Kandidatur des 63-Jährigen schon länger befürworten, spricht sich nun auch Bundeskanzlerin
Angela Merkel offen für Draghi aus. In einem Interview mit der "Zeit" hatte sie bereits ihre Unterstützung signalisiert. Kurz darauf bestätigte ein Regierungssprecher die neue Linie: Deutschland werde eine Kandidatur Draghis unterstützen. Bisher
hatte sich die Regierung des ökonomisch wichtigsten Euro-Landes offiziell zurückgehalten.
Draghi genießt großes Ansehen wegen seiner Diskretion und Ernsthaftigkeit.
Er ist kein römischer Lebemann, gilt aber als jemand, der seine Beziehungen zu pflegen
weiß. Zur Banca d'Italia kam Draghi Ende 2005. Damals wurde er ausgewählt, um die
Glaubwürdigkeit der Notenbank wieder herzustellen. Deren damaliger Chef, Antonio
Fazio, hatte mit Verwicklungen in einen Bankenskandal der Reputation der Bank schwer
zugesetzt.
Goldman Sachs im Lebenslauf
Als der Ruf aus Rom kam, arbeitete Draghi gerade als Vizepräsident
bei der US-Investment-Bank Goldman Sachs. Doch als die Notenbank ihn brauchte, räumte
"Super Mario" dort seinen Schreibtisch und kehrte nach Rom zurück. Die
gesamte politische Klasse begrüßte damals die Rückkehr des bekannten Bankers. Dessen
entschlossenes Handeln trug maßgeblich zur Stabilität des italienischen Bankensektors
bei, der Abstand zu toxischen Finanzprodukten hielt und während der Finanzkrise
allzu großen Problemen entging.
Mario Draghi wurde am 3. September 1947 in Rom geboren. Er ist
verheiratet und Vater zweier Kinder. Er absolvierte sein Wirtschaftsstudium in der
italienischen Hauptstadt, anschließend promovierte er in den USA. Es folgte die
Habilitation und die Arbeit als Professor an italienischen Universitäten. Draghi
vertrat sein Land zwischen 1984 und 1990 bei der Weltbank, bevor er 1991 Generaldirektor
im italienischen Finanzministerium wurde. Diesen Posten bekleidete er zehn Jahre
lang. In dieser Zeit war er mit verantwortlich für große Privatisierungen in den
Jahren 1996 bis 2001.
Weggelobt nach Frankfurt?
Die Italiener nehmen seine Analysen sehr ernst. Seine regelmäßigen
Appelle nach Reformen haben dennoch für ein angespanntes Verhältnis vor allem zu
Wirtschaftsminister Giulio Tremonti gesorgt. Das hält Rom dennoch nicht davon ab,
ihn zu seinem Kandidaten für den EZB-Chefposten zu machen und seit über einem Jahr
seine Stellung als potenzieller Nachfolger Jean-Claude Trichets auszubauen.
In seinen Jahren bei Goldman Sachs gewann er Einblicke in das
Innere der privaten Kreditinstitute. Aber was für manche ein Trumpf ist, ist für
andere ein Hindernis - gibt es doch ausgerechnet Vorwürfe an die US-Bank, sie habe
dem europäischen Krisenstaat Griechenland beim Schönen seiner Finanzen geholfen.
Einfühlsame Überzeugungsarbeit
In diplomatischer Art und Weise wusste Draghi in den vergangenen
Monaten Lockangebote in Richtung Berlin zu schicken. Die Unterstützung der Bundesregierung
gilt als entscheidend, damit ein Kandidat den Chefposten bei der Zentralbank bekommt.
So lobte Draghi die deutsche Finanzpolitik und betonte mehrfach die Bedeutung der
Preisstabilität.
Mit diesem Vorgehen sucht der Italiener noch eines der letzten Hindernisse
aus dem Weg zu räumen: seine Nationalität. Italien und Preisstabilität ist für einige
immer noch ein Widerspruch. Inzwischen aber scheint er mit seinem Vorgehen Erfolg
zu haben. Selbst die "Bild"-Zeitung präsentierte ihn jüngst als den "deutschesten
aller verbliebenen Kandidaten" für die EZB. In Anspielung auf die von Draghi
verkörperten "preußischen Tugenden" setzte das Blatt ihm sogar eine Pickelhaube
auf.