Wirtschaft
Er ist wieder da: Hartmut Mehdorn (rechts) führt vorerst die Geschäfte von Air Berlin. Joachim Hunold geht.
Er ist wieder da: Hartmut Mehdorn (rechts) führt vorerst die Geschäfte von Air Berlin. Joachim Hunold geht.(Foto: dapd)

Höhenruder bei Air Berlin blockiert: Mehdorn beerbt Freund Hunold

Air Berlin kommt einfach nicht aus den tiefroten Zahlen - nun soll ein Wechsel an der Vorstandsspitze die Wende zum Besseren bringen. Joachim Hunold verlässt das Unternehmens-Cockpit; für ihn kommt sein langjähriger Freund, Ex-Bahn-Chef Mehdorn. Der 69-Jährige soll die angeschlagene Fluggesellschaft übergangsweise führen. Air Berlin muss sein Streckennetz stark ausdünnen.

Der ehemalige Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, soll Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin aus den roten Zahlen steuern. Der langjährige Unternehmensboss Joachim Hunold kündigte überraschend seinen Rücktritt als Vorstandschef zum 1. September an.

Hunold schlug den 69 Jahre alten Mehdorn als seinen vorübergehenden Nachfolger vor. Zuvor war eine Ausdünnung des Streckennetzes beschlossen worden. Air Berlin schreibt nach einem jahrelangen teuren Expansionskurs weiterhin Verluste. Der Rückzug des 61-jährigen Hunold kam an der Börse zunächst gut an: Die Aktie legte zeitweise um 4,4 Prozent zu, rutschte dann aber wieder ins Minus.

Hunold war zuletzt nur noch ein Tiefflieger.
Hunold war zuletzt nur noch ein Tiefflieger.(Foto: dapd)

Für Mehdorn erfüllt sich mit Hunolds Vorschlag spät ein Traum: Er hatte nie ein Hehl aus seiner Vorliebe für die Fliegerei gemacht. Oft war die Lufthansa für ihn das Vorbild für die Bahn. Doch sein Plan, dort ein Preissystem analog zur Luftfahrt zu schaffen, scheiterte. Mehdorn gehört bereits dem Board of Directors von Air Berlin an, ohne bisher operative Aufgaben zu haben. Auf eine solche Rolle will sich Hunold nun zurückziehen. Er hatte es nie geschafft, einen Nachfolger aufzubauen. Mit Mehdorn verbindet ihn eine lange Freundschaft.

Hunold hatte 1990 beim Ferienflieger LTU gekündigt; ein Jahr später gründete er mit zwei amerikanischen Flugzeugen Air Berlin. 2006 brachte er die Fluggesellschaft an die Börse und hält nun nur noch einen kleinen Anteil.

Unrentable Verbindungen werden gekappt

Nach zahlreichen Übernahmen, deren bekannteste die frühere Deutsche BA (dba) war, geht die mit mehr als 600 Millionen Euro verschuldete Air Berlin erstmals auf Schrumpfkurs. "Um profitabel zu werden, müssen wir Einschnitte in unser Streckennetz und in unserer Flotte vornehmen", sagte Hunold bei der Vorlage der Halbjahres-Zahlen. Unrentable Verbindungen wie von Frankfurt nach Hamburg oder von Stuttgart nach Sankt Petersburg sollen wegfallen. In erster Linie betreffe das Sparprogramm aber kleinere Flughäfen wie Münster/Osnabrück, Köln/Bonn oder Paderborn, von denen künftig weniger Air-Berlin-Maschinen starten. Erfurt fällt komplett aus dem Streckennetz.

Air Berlin kommt einfach nicht hoch.
Air Berlin kommt einfach nicht hoch.(Foto: dpa)

Gleichzeitig wird die Flotte um acht Flugzeuge verkleinert. Damit will die zweitgrößte deutsche Airline ihre geplanten Kapazitäten um fünf Prozent reduzieren. So sollen im kommenden Jahr gut 16.000 Flüge und 2,2 Millionen Sitzplätze wegfallen. Air Berlin will sich auf stark frequentierte Strecken und seine vier europäischen Drehkreuze Berlin, Düsseldorf, Wien und Palma de Mallorca konzentrieren.

Mit dem Streichkonzert soll Air Berlin im nächsten Jahr in die Gewinnzone kommen, wie Hunold sagte. Im zweiten Quartal war der Verlust noch auf 32 Millionen von 28 Millionen Euro ein Jahr zuvor gestiegen. In diesem Jahr werde Air Berlin nicht um einen operativen Verlust herumkommen, sagte der Firmengründer.

Für die Turbulenzen macht der Lufthansa-Konkurrent den hohen Ölpreis, die neue Luftverkehrssteuer und die Unruhen in Nordafrika verantwortlich. Nach Einschätzung von LBBW-Analyst Per-Ola Hellgren haben diese Faktoren das Geschäftsmodell der Airline zerstört.

Verschuldung am kritischen Punkt

"Als Versuch, einmal mehr schwachen Ergebnissen entgegenzusteuern", wertet Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler die gedrosselten Kapazitäten von Air Berlin. "Fast alle Airlines schaffen es, bessere Ergebnisse zu erzielen, nur Air Berlin nicht", sagt der Analyst. Die Aggressivität der Fluggesellschaft im Kampf um Routen und Marktanteile schlage immer wieder auf Air Berlin selbst zurück. Die Berliner seien finanziell nicht hinreichend ausgerüstet, um einen aggressiven Preiskampf vor allem mit der Lufthansa zu führen.

Air Berlin sei aktuell vergleichsweise hoch verschuldet. Die Nettoverschuldung im Verhältnis zum Eigenkapital liege bei 200 Prozent. "Die Verschuldung hat einen kritischen Punkt erreicht", konstatiert Pieper.

Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen