Wirtschaft

Griechenland-Krise Merkel ignoriert S&P-Urteil

05.07.2011, 18:30 Uhr

Bundeskanzlerin Merkel lässt sich in der Frage der Beteiligung von Privatgläubigern an der Hilfe für Griechenland nicht vom Weg abbringen. Sie wischt damit die Äußerung der Ratingagentur S&P zum französischen Vorschlag vom Tisch. Laut Finanzminister Schäuble könnte der private Anteil an der Finanzierung eines zweiten Hellas-Hilfspakets bis zu 50 Prozent betragen.

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Bei Angela Merkel spielen die Ratingagenturen nicht die erste Geige. (Foto: AP)

Trotz Bedenken der Bonitätswächter pocht Bundeskanzlerin

Angela Merkel auf Hilfe der Privatgläubiger bei der Rettung Griechenlands. "Es

ist wichtig, dass sich die Troika die eigene Urteilsfähigkeit nicht wegnehmen lässt",

sagte die CDU-Politikerin. "Ich vertraue vor allem den Bewertungen dieser drei

Institutionen", sagte sie mit Blick auf die EU-Kommission, die Europäische

Zentralbank (EZB) und den Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die weltgrößte Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P)

hatte den französischen Vorschlag abgelehnt, mit dem private Gläubiger an der Rettungsaktion

beteiligt werden sollen. Beide Varianten des Modells seien als begrenzter Zahlungsausfall

(selective default) zu bewerten - was deutsche Banken und Versicherer unbedingt

vermeiden wollen, um massive Abschreibungen im Falle einer Griechenland-Pleite zu

verhindern.

Nach Einschätzung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

könnte der private Anteil an der Finanzierung eines zweiten Hellas-Hilfspakets bis

zu 50 Prozent betragen. Wenn alle Eurostaaten mit ihren Banken Vereinbarungen ähnlich

wie Deutschland schlössen, sei ein solch hoher Betrag machbar, sagte Schäuble in

der CDU/CSU-Bundestagsfaktionssitzung nach Angaben von Teilnehmern. Allerdings müssten

andere Staaten noch liefern. Die niederländische Regierung kündigte an, die Banken

des Landes seien grundsätzlich zu einem Beitrag bereit.

Arbeit am zweiten Rettungspaket

Der neue französische Finanzminister Francois Baroin

versicherte in Paris: "Wir werden alle nötigen Maßnahmen ergreifen, damit es

nicht zu einem Zahlungsausfall kommt." In der französischen Hauptstadt wird

am Mittwoch der von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann geführte Internationale Bankenverband

(IIF) eine Sitzung zur Beteiligung der Privatgläubiger an den geplanten Griechenlandhilfen

leiten. Am selben Tag wird Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos in Berlin

mit Schäuble zusammenkommen. Die Politiker der Euro-Zone arbeiten derzeit mit Hochdruck

an einem zweiten Rettungspaket für das klamme südeuropäische Land, das den Kapitalbedarf

bis 2014 decken und die privater Gläubiger mit ins Boot holen soll.

Die Euro-Finanzminister hatten am Wochenende die dringend

benötigte Rate über zwölf Milliarden Euro aus einem ersten Rettungspaket freigegeben

und Griechenland damit vorerst vor der Pleite bewahrt. Die nächste Tranche ist im

September fällig. Bis dahin soll Klarheit über die mittelfristige Finanzierung von

Hellas herrschen: Es braucht weitere Hilfen im Umfang von bis zu 120 Milliarden

Euro. Der Bundestag wird wohl erst im September über das zweite Hilfspaket abstimmen.

EZB akzeptiert griechische Anleihen

Einem Bericht der "Financial Times" (FT) zufolge

könnte die EZB die Tür für einen Kompromiss zur Lösung der griechischen Schuldenkrise

aufstoßen. Nach Informationen des Blatts wird sie bis auf weiteres Hellas-Staatsanleihen

als Sicherheit akzeptieren, solange nicht alle relevanten Ratingagenturen einen

Zahlungsausfall feststellen. Ein EZB-Sprecher lehnte einen Kommentar ab.

In dem beschriebenen Szenario

akzeptiert die EZB Schuldtitel Griechenlands auch dann weiterhin als Sicherheit,

wenn zum Beispiel die Ratingagentur Fitch dem klammen Land keinen Zahlungsausfall

bescheinigen würde. "Die EZB würde sich auf das Prinzip stützen, jeweils das

beste verfügbare Rating der Agenturen heranzuziehen", zitierte die Zeitung

einen namentlich nicht genannten ranghohen Vertreter des Finanzsektors. Aus Finanzkreisen

verlautete jedoch, eine solche Sichtweise sei womöglich schwierig zu vermitteln:

"Wenn mehrere Rating-Agenturen das gleiche Urteil abgeben, kann man das schwerlich

ignorieren."

Quelle: wne/rts