Wirtschaft
Die Begeisterung für Automobile deutscher Bauart ist ein weltweites Phänomen.
Die Begeisterung für Automobile deutscher Bauart ist ein weltweites Phänomen.(Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Autobauer an der Weltspitze: Mit Vollgas aus der Krise

von Markus Mechnich

Hat da jemand was von Krise gesagt? Die Autobranche hat sich selbst aus dem Sumpf gezogen und stürmt nun nach vorne. Allen voran die deutschen Hersteller, die wie Phönix aus der Asche aufsteigen. Womit begründet sich der Höhenflug? Der Kern des Ganzen liegt hinter den Kulissen.

Wer derzeit mit Menschen aus der Autoindustrie spricht, der trifft ausgesprochen gut gelaunte Zeitgenossen, die mit höchstem Optimismus durchs Leben gehen. War noch vor einem Jahr der große Blues in der Branche angesagt, so schaffen gegen Ende des Jahres die Absatzzahlen nahezu aller Hersteller fast orgiastische Höhepunkte. Das gilt insbesondere für die deutschen Autobauer, die sich über zweistellige Zuwachsraten und neue Rekordverkäufe freuen dürfen.

Dass es sich dabei offenbar nicht um eine Blase handelt, untermauern die Experten der Branche. Helmut Becker vom Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse sieht sogar den oft totgesagten deutschen Automarkt mittelfristig im Aufwind. Schon 2013 sollen die Neuzulassungen bei 3,5 Millionen Fahrzeugen pro Jahr liegen. Das wäre der höchste Wert seit 1998, abgesehen vom Ausnahmejahr 2009, wo die Abwrackprämie Rekordzahlen produzierte. "In Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein struktureller Nachholbedarf gebildet. Dabei ist eine einmalige Konstellation entstanden. Die Premiumfahrzeuge, die nicht von der Abwrackprämie profitierten, werden jetzt ersetzt und die gewerblichen Kunden haben einen Bedarf aufgebaut, der in den kommenden 24 Monaten gedeckt werden wird", stellt Becker fest.

Überkapazitäten waren gestern

Auch die Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC) sehen insbesondere für die deutschen Hersteller goldene Zeiten anbrechen. Einer Umfrage von PwC zufolge erwarten fast 90 Prozent der Unternehmen aus der Autobranche für das kommende Jahr ein Umsatzplus. Gut ein Drittel geht sogar von einem Zuwachs von mehr als 15 Prozent aus. So viel Optimismus gab es in der Branche schon lange nicht mehr. Überkapazitäten und Stellenverlagerungen waren in den vergangenen Jahren stets die Stichworte, mit denen die Autokonzerne bei den Wirtschaftsexperten gehandelt wurden. Dazu passt auch die Meldung von Volkswagen, dass der Konzern in den nächsten Jahren weltweit 50.000 Stellen schaffen will. Die Wolfsburger fahren vorneweg und geben richtig Vollgas.

Volkswagen will in den kommenden Jahren 50.000 Stellen weltweit schaffen.
Volkswagen will in den kommenden Jahren 50.000 Stellen weltweit schaffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Zu erklären ist der Boom durch zwei Aspekte. Auf der einen Seite bringen die sogenannten BRIC-Staaten einen kaum vorhersehbaren Schwung in den Wirtschaftssektor. "Die Automobilmärkte der Schwellenländer werden für die deutsche Autoindustrie zweifellos weiter an Bedeutung gewinnen", ist sich PwC-Experte Felix Kuhnert sicher. Die Lokomotive unter den aufstrebenden Wirtschaftsmächten ist China. Dort boomt der Fahrzeugmarkt und die deutschen Hersteller sind dabei besonders gefragt.

Der eigentliche Boom in China steht noch bevor

Mittelfristig wird dem chinesischen Markt ein Absatz von 30 Millionen Fahrzeugen zugetraut. Damit würden dort mehr Autos verkauft als in ganz Europa zusammen. Und das ist noch nicht mal übertrieben optimistisch. "Wir gehen davon aus, dass der eigentliche Boom in China noch vor uns liegt", sagt Audi-Vertriebsvorstand Peter Schwarzenbauer. Die Ingolstädter verkaufen mittlerweile mehr als 200.000 Fahrzeuge pro Jahr im Reich der Mitte. Das ist fast ein Fünftel der gesamten Jahresproduktion von Audi.

Volkswagen ist weltweit gut aufgestellt und auf allen wichtigen Märkten zu Hause.
Volkswagen ist weltweit gut aufgestellt und auf allen wichtigen Märkten zu Hause.(Foto: picture alliance / dpa)

Aber warum profitieren gerade die deutschen Hersteller von dem Boom nach dem Tief? Autoexperte Becker sieht das Hoch in der Vergangenheitsbewältigung begründet: "Die deutschen Hersteller haben sich in den letzten Jahren komplett neu aufgestellt. Zuverlässigkeit und Qualität sind einzigartig, das macht der Einbruch bei anderen Herstellern wie Toyota derzeit deutlich. Außerdem sind die Modellpaletten aller deutschen Autobauer auf den neusten Stand der Technologie gebracht worden." Becker widmet seiner Theorie ein ganzes Buch, in dem er Darwins Naturgesetze auf die Autoindustrie überträgt.

Spitzenstellung in Sachen Hightech

Autos aus deutscher Produktion sind größtenteils in den höherpreisigen Segmenten angesiedelt. Dort werden in der Branche die technologischen Trends entwickelt, wird die Zukunft gemacht. Allgemeines Credo der deutschen Autobauer ist die "Top-Down-Strategie": also neue Technologien in den Spitzenmodellen einführen, weil dort zahlungskräftige und interessierte Kundschaft wartet, und sie dann nach und nach in die kleineren Modelle einzuführen.

Porsche hat sich übernommen beim Versuch, den Giganten VW zu übertölpeln. Jetzt sind sie Teil des Wolfsburger Reichs.
Porsche hat sich übernommen beim Versuch, den Giganten VW zu übertölpeln. Jetzt sind sie Teil des Wolfsburger Reichs.(Foto: picture alliance / dpa)

Das untermauert die Spitzenposition der deutschen Hersteller in Sachen Hightech. Was die Motoren, die Assistenzsysteme und die Komforttechniken angeht, sind die Deutschen spitze. Nur in einem Feld hinken VW, BMW und Mercedes hinterher und suchen derzeit noch den Anschluss: umweltfreundliche Antriebe. Hybrid hat man hierzulande viel zu lange belächelt und den Trend zur Elektrifizierung fast verschlafen. Jetzt fahren sie mit Vollgas hinter den japanischen Herstellern her und es könnte sogar sein, dass sie bei den Elektromobilen in wenigen Jahren wieder gleichziehen können.

Teures E-Sportler in Serie

Das zeugt von der Innovationskraft der hiesigen Hersteller. Noch vor zwei Jahren hatten die Deutschen so gut wie nichts an Elektrofahrzeugen im Angebot. Auch heute sucht man zwar, im Gegensatz zu einigen japanischen oder französischen Herstellern, serienreife Autos vergebens. Aber was Audi und Mercedes mittlerweile auf den Motorshows rund um den Erdball zeigen, ist schon sehr nahe an der Serie. Auch hier bleiben sie ihrer "Top-Down-Strategie" treu. Audi will seinen E-Tron als sehr teuren Elektro-Sportler in einer Kleinserie auflegen, BMW baut seine Studie "Vision Efficient Dynamics" ebenfalls in einigen Monaten und legt gleich noch ein sogenanntes "Megacity-Vehicle" drauf, Elektrifizierung sehr wahrscheinlich. Außerdem baut BMW in Leipzig eigens eine Fabrik für die Fertigung von Karbon, einem besonders leichten, schwer zu verarbeitenden und teuren Material. Aber Karbon wird für Elektromobile wegen der Gewichtsersparnis ein unverzichtbarer Werkstoff werden.

Schnell und sparsam: BMW will die Hybrid-Studie Vision Efficient Dynamics bis Ende 2013 zum Serienfahrzeug weiterentwickeln.
Schnell und sparsam: BMW will die Hybrid-Studie Vision Efficient Dynamics bis Ende 2013 zum Serienfahrzeug weiterentwickeln.

Aufgrund dieser Entwicklungen sieht Autoexperte Becker auch im Bereich der Hybrid- und Elektrofahrzeuge mittelfristig eine deutsche Vorreiterrolle: "Strom in Fortbewegung umzuwandeln ist nicht das Problem. Der Knackpunkt sind die Batterien. Und da gibt es mittlerweile keinen Rückstand der deutschen Autoindustrie mehr." Zwar ist Toyota schon seit 1988 mit dem Hybridfahrzeug Prius auf dem Markt. Aber seitdem gibt es nur recht wenig technologischen Fortschritt. Vor allem die Kosten sind gesunken, weshalb die Japaner jetzt auch das Kompaktmodell Auris als Hybrid-Version anbieten können. Die Reichweite für rein elektrisches Fahren und Spritersparnis, die wichtigen Kriterien für Hybridfahrzeuge, treten aber eher auf der Stelle.

Absatz von E-Mobilen zu vernachlässigen

Dennoch haben Hybride bei Toyota immerhin eine gewisse Tradition und der Konzern hat es geschafft, sich mit den Modellen ein grünes Image zu verleihen. Ein Erfolg, der sich aber zahlenmäßig bescheiden ausnimmt. Knapp 3400 Einheiten des Prius verkaufte Toyota in diesem Jahr - gegenüber dem Gesamtvolumen von mehr als 70.000 Fahrzeuge also nicht mal fünf Prozent. Noch schwieriger sieht es bei den reinen Elektrofahrzeugen aus. In Deutschland wurden dieses Jahr gerade einmal 300 E-Autos angemeldet. In den USA waren es bisher 3500. Angesichts eines weltweiten Autoabsatzes von 65 Millionen Fahrzeugen ein zu vernachlässigender Faktor.

"Runaway-Prius": Ein Prius, der sich angeblich nicht bremsen ließ, war der Anfang einer beispiellosen Pannenserie für Toyota.
"Runaway-Prius": Ein Prius, der sich angeblich nicht bremsen ließ, war der Anfang einer beispiellosen Pannenserie für Toyota.(Foto: REUTERS)

Kein Wunder also, dass man bei den deutschen Autobauern immer noch lieber sparsame Diesel-Motoren propagiert, anstatt sich für die technisch aufwändigen Hybridmodelle ins Zeug zu legen. Dennoch haben eigentlich alle Hersteller mittlerweile interessante Autos mit dualem Antrieb auf dem Markt, wenngleich die Preise dafür meist jenseits von Gut und Böse liegen.

Zulieferer sind der Schlüssel

Allerdings ist es nicht so, dass alleine die Autokonzerne selbst so toll wären. Das Geheimnis des technologischen Vorherrschaft liegt eigentlich in der Zulieferindustrie. Hier wird eine Vielzahl der kleinen, aber so wichtigen Lösungen gefunden. Die deutschen und auch europäischen Zulieferer bringen eine einzigartige Qualität ihrer Produkte und erfinden zeitgleich ihre Erzeugnisse immer wieder neu. Und genau das sichert den Vorsprung der deutschen Autoindustrie. Die Zulieferer sind der Schlüssel zum Erfolg der gesamten Branche.

Beide Teile der Branche haben sich aber auch hervorragend aufeinander eingespielt. In der großen Autokrise im Jahr 2009 war immer von den Autokonzernen zu hören, dass sie ihre Zulieferer schützen und stützen. Eine jahrelang mühevoll aufgebaute Zusammenarbeit, die sich für beide Seiten als fruchtbar erwiesen hat, sollte nicht in schlechten Zeiten durch Insolvenzen zerstört werden. Von diesen Hilfsmaßnahmen profitieren nun beide Seiten.

Warnendes Beispiel Toyota

Der durchaus angebrachte Optimismus sollte jedoch letzten Endes nicht in Übermut münden. Denn Wachstum kann auch schnell zu einer Gefahr werden. Dafür gibt Toyota gerade ein sehr gutes Beispiel ab. Die Japaner haben sich an die Weltspitze der Autobauer geschoben und den jahrzehntelangen Primus General Motors verdrängt. Sie galten gleichzeitig als Qualitätsweltmeister, was ihren Höhenflug natürlich unterstützt hat. Doch seit Beginn des Jahres ist Toyota von einer beispiellosen Pannenserie erwischt worden. Ein Rückruf reiht sich an den nächsten und die Ausmaße sind rekordverdächtig. Hinzu gesellte sich ein ganz schwacher Umgang mit den Pleiten.

So ist Toyota einer der wenigen Hersteller, die vom weltweiten Aufschwung der Branche nicht profitieren können. Nicht einmal in Asien, wo man vom US-amerikanischen Desaster der Japaner relativ wenig mitbekommen hat. So nahe können Erfolg und Misserfolg im Automobilbau zusammenliegen. Das kennt man auch bei Volkswagen, wo der Konzern bis Mitte der achtziger Jahre in einer Art Dämmerschlaf lag. Nur die schützende staatliche Hand rettete VW vor den gierigen Griffen der Konkurrenz. Jetzt sind die Wolfsburger erwacht und greifen selbst nach der Krone des weltgrößten Automobilherstellers.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen