Wirtschaft

Besseres WeihnachtsgeschäftOtto schielt auf Quelle-Teile

21.10.2009, 13:50 Uhr

Die Konzernmutter des Otto-Versands prüft nach dem beschlossenen Aus des Konkurrenten Quelle, ob Teile des Unternehmens für eine Übernahme in Frage kommen. Die Bundesagentur für Arbeit rüstet sich derweil zum 1. November für einen Ansturm gekündigter Mitarbeiter, die sich zu Tausenden arbeitslos melden müssen.

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Otto erwartet dank der Quelle-Abwicklung ein besseres Weihnachtsgeschäft. (Foto: dpa)

Die Konzernmutter des Otto-Versands prüft nach dem beschlossenen Aus des Konkurrenten Quelle, ob Teile des Unternehmens für eine Übernahme in Frage kommen. Dabei geht es um einzelne Landesgesellschaften - von Österreich bis Russland - die für Otto interessant sein könnten, sowie eventuell einige Spezialversender, sagte Otto-Sprecher Thomas Voigt.

Otto will nun rasch Gespräche mit der Insolvenzverwaltung aufnehmen und dann "in Ruhe" die Möglichkeiten prüfen. Der Hamburger Versandhändler verspricht sich durch den Ausfall des Konkurrenten zudem - gerade mit Blick auf Weihnachten - ein besseres Geschäft.

Trotzdem - "die Insolvenz von Quelle hat uns sehr betroffen gemacht", sagte der Sprecher. Otto habe sich daher entschieden, den Quelle-Auszubildenden ein Angebot zur Übernahme zu machen, kündigte Voigt an. "Sicher werden wir nicht alle Auszubildenden übernehmen können." Wie viele es letztendlich sein könnten, könne er noch nicht sagen.

Trotz des Aus für Quelle sieht Voigt die Branche nicht auf dem Abstellgleis: "Das Distanzhandelsgeschäft wächst". Der Universalversand, der sich hauptsächlich auf große Kataloge stützt, sei jedoch kein Modell der Zukunft.

Sturm von Arbeitslosen erwartet

Mit einer beispiellosen Kraftanstrengung will die Bundesagentur für Arbeit den Ansturm von Arbeitslosen bei Quelle bewältigen. Nach dem Aus für das insolvente Versandhaus rechne die Behörde damit, dass sich auf einen Schlag etwa 4000 Quelle- Beschäftigte zum 1. November arbeitslos melden müssten, sagte der Chef der bayerischen Regionaldirektion, Rainer Bomba, in Nürnberg. Die genaue Zahl sei weiterhin nicht klar. Der Fall sei noch deutlich größer als in den vergangenen Jahrzehnten die Abwicklung von Grundig oder AEG.

Unterdessen sieht sich Bayern im Hinblick auf die Zukunftschancen von Quelle vom Insolvenzverwalter getäuscht. Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) sagte in Nürnberg, der Politik sei ein Fortführungskonzept vorgestellt worden, das bis März 2010 hätte tragen sollen. Es gebe viele offene Fragen.

Die Bundesagentur stellte einen Notfallplan auf und bildete eine eigene "Task Force" mit bis zu 100 Mitarbeitern, die aus ganz Bayern nach Nürnberg geholt werden. Direkt bei Quelle wird eine Außenstelle der Arbeitsagentur eingerichtet, die am kommenden Montag die Arbeit aufnehmen soll. Dort sollen die Quelle-Beschäftigten "in ihrer angestammten Umgebung" betreut werden. "Sie sollen nicht in langen Schlangen beim Arbeitsamt stehen müssen", sagte Bomba.

"Die Rechnungen der Arbeitslosen kommen pünktlich, dann müssen auch die Lohnersatzleistungen pünktlich gezahlt werden", sagte der Behördenchef. Er versuchte zugleich, den Betroffenen Mut zu machen, und äußerte die Hoffnung, dass ein Teil relativ schnell in neue Jobs vermittelt werden könne. In der Region gebe es 10 000 offene Stellen. "Viele werden aber erst einmal in die Arbeitslosigkeit gehen", schränkte er ein. "Bei manchen wird der Weg sehr lang werden."

Merkel meldet sich

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwarte, dass die Bundesagentur für Arbeit prüfe, wie den Beschäftigten mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten geholfen werden könne, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Mittwoch in Berlin. So könne es zum Beispiel Übergangsgesellschaften geben. Die Kanzlerin mache aber keine Vorgaben. Auch Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ließ erklären, dass sich nach dem Quelle-Aus nun die Arbeitsagentur um die Mitarbeiter kümmern müsse. "Es ist bedauerlich, dass sich das Ergebnis nicht mehr abwenden ließ", sagte Ministeriumssprecher Steffen Moritz. Rückwirkend müsse man aber sagen, dass die Regierung dem Unternehmen im Rahmen des Möglichen geholfen habe.

Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) kündigte an, dass das städtische Klinikum bei Quelle eine psychologische Krisenambulanz einrichten werde. "Ehepaare arbeiten gemeinsam bei Quelle, oft auch die erwachsenen Kinder", schilderte Maly die Lage. "Viele Familien sind existenziell bedroht." Auch mit örtlichen Wohnungsbauunternehmen sei man im Gespräch, um Härten abzufedern. Der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) sprach von "beispiellosem Entsetzen" in der Region. Für die Menschen sei das Quelle-Aus eine Tragödie.

Arbeitsministerin Haderthauer richtete schwere Vorwürfe an den Quelle-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. Das vorgestellte Konzept sollte bis März 2010 tragen. Daraufhin hatte Quelle von Bund, Bayern und Sachsen einen Massekredit von 50 Millionen Euro erhalten. "Dass dieses Konzept nicht einmal einen Monat getragen hat, das wirft Fragen auf." Die Verhandlungen mit Investoren seien nicht transparent gewesen. Haderthauer verlangte lückenlose Aufklärung.

Insolvenzverwalter Görg hatte das überraschende Aus für das Versandhaus damit begründet, dass kein Investor gefunden worden sei. Quelle-Betriebsratschef Ernst Sindel sagte, man sei davon völlig überrumpelt worden. Noch kurz zuvor habe der Insolvenzverwalter den Eindruck erweckt, es gehe nur noch darum, welcher der Interessenten den Zuschlag erhalten werde.

Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon kündigte unterdessen Strukturprogramme für die Region Nürnberg/Fürth an. Die Gespräche über mögliche Hilfen liefen bereits, sagte der CSU-Politiker im ZDF.

Quelle: nne/DJ/dpa