Wirtschaft

Größter Deal der Branche flopptPrudential vermasselt es

03.06.2010, 11:54 Uhr

Die größte Übernahme in der Versicherungsbranche ist geplatzt. Zurück bleiben nach der dreimonatigen Hängepartie Verlierer auf beiden Seiten: Prudential und ganz besonders Vorstandschef Tidjane Thiam stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Tidjane-Thiam
Schwach in der Kommunikation? Tidjane Thiam, groß und stets akkurat gekleidet. (Foto: REUTERS)

Gestartet ist er vor acht Monaten mit Volldampf. Der 47-jährige, charismatische Tidjane Thiam wollte den größten britischen Versicherer Prudential verändern. Und legte in kürzester Zeit Pläne dafür vor: Der in Westafrika an der Elfenbeinküste geborene Vorstandschef schmiedete eine gigantische Übernahme - für 35,5 Mrd. US-Dollar sollte das lukrative Asiengeschäft des in der Finanzkrise gestrauchelten US-Konzerns AIG erworben werden. Es wäre die größte Übernahme in der Branche gewesen. Doch am Mittwoch scheiterte sie endgültig.

Thiam trifft daran vermutlich die Hauptschuld, er scheint die Kritik vieler Aktionäre unterschätzt zu haben - und könnte nun darüber stolpern. Es wäre ein klarer Bruch in seiner sonst überaus erfolgreichen und in der konservativen Branche völlig ungewöhnlichen Karriere. Der erste schwarze Vorstandschef bei einem Top-Konzern auf der Insel ist französischsprachig und diente in den 1990er Jahren, bis zu einem Putsch des Militärs, als Minister in seinem Heimatland.

Thiam: Charismatisch und arrogant?

Aufgewachsen ist der große und stets akkurat gekleidete Thiam in Marokko und Frankreich, wo er später auch Eliteuniversitäten besuchte. Seine Karriere startete bei der renommierten Beratungsgesellschaft McKinsey - traditionell ein Sprungbrett für Talente. Bevor er bei Prudential zunächst Finanzchef wurde, arbeitete er noch beim Rivalen Aviva. Der Fußball-Fan - Anhänger von Arsenal London - gilt als einer der einflussreichsten Schwarzen in Großbritannien.

Doch mit den Asien-Plänen konnte Thiam, der von einer einmaligen Chance sprach und Prudential so zu einem dominanten Anbieter von Lebensversicherungen in der Wachstumsregion machen wollte, die Aktionäre nicht überzeugen: Der Preis sei viel zu hoch, lautete die Kritik, die Integration der AIG-Tochter zudem mit vielen Risiken behaftet. Eine nie dagewesene Kapitalerhöhung von 21 Mrd. US-Dollar war zudem nötig. Doch auch besonders hohe Rabatte machten die Anleger nicht glücklich. Sie kritisierten die schwache Kommunikation Thiams und warfen ihm Arroganz vor. Peinlich war, dass das Prospekt mit Details der Finanzspritze nicht pünktlich verschickt werden konnte, weil die britische Börsenaufsicht noch offene Fragen anmahnte.

Prudential unter Druck

Nun ist die Strategie des Konzerns plötzlich völlig unklar. Thiam und Chairman Harvey McGrath, der den Deal ebenfalls aktiv vorangetrieben hat, müssen nun die Wogen glätten und verhindern, dass Prudential selbst zum Übernahmekandidaten oder zerschlagen wird, wie manche in der Branche schon munkeln. Ein Top-Investor sagt, er wünsche sich jetzt einen Überblick über die Pläne für die nächsten ein bis drei Jahre, um dann zu entscheiden.

Beim Aktionärstreffen nächste Woche, bei der der Deal eigentlich abgesegnet werden sollte, wird dem Management wohl offene Kritik entgegenschlagen. Dann könnte sich auch Thiams Zukunft entscheiden. "Das Risiko ist, dass die Firma steuerlos ist, ohne Führung", warnt Analyst Marcus Barnard von Oriel Securities bereits. Freuen können sich dagegen alle europäischen Rivalen von Prudential. Sie stehen nun weniger unter Druck, mit riskanten Übernahmen den Anschluss in Asien nicht zu verlieren.

Quelle: rts