Konten "rechtzeitig" leergeräumt?Quelle-Katalog zittert los
In der Hängepartie um einen Kredit für das insolvente Versandunternehmen Quelle zeichnet sich ein Ende ab: Die Bundesregierung will offenbar bis zu diesem Montag eine Grundsatzentscheidung treffen. Das erscheint auch dringend nötig: Denn die Auslieferung des neuen Quelle-Katalogs hat bereits begonnen.
Mit der Grundsatzentscheidung solle endlich Klarheit geschaffen werden, hieß es am Freitagabend aus Berliner Regierungskreisen. Während Bayern bereits 21 Mio. und Sachsen vier Millionen für den Kredit zugesagt haben, bleibt bis zur Berliner Entscheidung weiter unklar, ob der Bund die restlichen 25 Mio. Euro übernimmt. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hatte aber bereits verkündet, eine Zustimmung des Bundes zu dem Kredit sei so gut wie sicher. Eine klare Entscheidung aus Berlin blieb jedoch zunächst aus. Unterdessen hat der Druckerei-Partner des Versandhauses im Vertrauen auf die Zusagen aus der Landespolitik und Teilen der Bundespolitik am Freitagabend mit der Auslieferung des neuen Quelle-Katalogs begonnen.
Bisher unbestätigten Informationen zufolge soll es im Zusammenhang mit der Insolvenz des Quelle-Mutterkonzerns Arcandor auffällige Werttransfers gegeben haben. Bei Quelle seien wenige Stunden vor der Insolvenz alle Konten leergeräumt und das Geld an den Mutterkonzern Arcandor überwiesen worden, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Samstagsausgabe. Demnach müsse Quelle seit dem 9. Juni, dem Tag des Arcandor-Insolvenzantrages, ohne eigene flüssige Mittel auskommen.
Was plant die Mutter?
Das Versandhaus lebe seitdem von der Großzügigkeit der Lieferanten, die ihre Waren und Dienstleistungen in Vorleistung erbrachten, heißt es in dem Bericht. Der Zeitung zufolge wächst unterdessen die Angst bei Quelle, dass weitere Verzögerungen beim beantragten 50-Millionen-Euro Kredit die Kunden vertreibt. Das Bestellvolumen soll bereits um knapp 15 Prozent eingebrochen sein.
Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg sagte, den Kredit in Höhe von 50 Mio. Euro könne es nur geben, wenn das Ausfallrisiko überschaubar bleibe und es Sicherheiten gebe. Der Kredit, den sich der Bund sowie die Länder Bayern und Sachsen teilen sollen, käme nach Einschätzung von Beobachtern keiner längerfristigen Sicherung der Arcandor-Tochter gleich. Er würde zunächst lediglich für eine Übergangszeit das finanzielle Überleben gewährleisten.
In Regierungskreise war am Freitagnachmittag von Fortschritten die Rede: Es gebe Einigkeit darüber, dass die staatliche KfW-Bank vor den anderen Kreditgebern - den Förderbanken in Sachsen und Bayern - Zugriff auf Sicherheiten in Höhe von 25 Mio. Euro haben solle.
Das insolvente Versandunternehmen Quelle wartet auf einen sogenannten Massekredit, der im Fall einer Pleite aus der Insolvenzmasse des Unternehmens vorrangig zurückgezahlt werden müsste. Bayern und Sachsen wollen bislang einen Anteil von 25 Mio. Euro übernehmen, der Rest soll vom Bund kommen. Für Quelle entspräche der Massekredit einer Art Nothilfe, mit der das insolvente Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb aufrechterhalten könnte.
Streit entlang der Parteigrenzen
Die CSU und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sahen vor allem Bundesfinanzminister Peer Steinbrück am Zug. Guttenberg sagte, der Finanzminister habe alle Zahlen vorliegen. "Mir ist es völlig unverständlich, weshalb man diese Zahlen nicht zu einem Ergebnis führen kann." Das Finanzministerium wies dies zurück: Weder lägen bislang die Zahlen vor, noch könne das Finanzministerium alleine entscheiden. Vielmehr sei ein gemeinsamer Ausschuss zuständig, sagte der Sprecher von Steinbrück. Der Ausschuss sei in seiner vergangenen Sitzung am Mittwoch zu dem Ergebnis gekommen, dass noch wichtige Informationen fehlten.
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende des Fürther Versandhauses, Ernst Sindel, mahnte eine schnelle Entscheidung über den Kredit an: "Wir verlieren jeden Tag Geschäft. Bisher haben uns die Kunden noch die Stange gehalten. Aber das zieht sich ja jetzt schon seit Tagen hin."
Die Drucker gehen ins Risiko
Trotz des noch unsicheren Massekredits entschied sich die Prinovis-Gruppe am Freitagabend für die Auslieferung der ersten Exemplare des neuen Quelle-Katalogs. Der Geschäftsführer der Druckerei in Nürnberg, Winfried Marquardt, sagte, dies sei auch im Vertrauen auf den politischen Willen des Freistaats Bayern und der Bundesrepublik geschehen, "alles daran zu setzen, den avisierten Massekredit für Quelle kurzfristig zu genehmigen".
Sindel kritisierte, mit dem Thema Quelle werde Wahlkampf gemacht. "Nach diesem Gezerre hätten wir uns gewünscht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel endlich mal auf den Tisch haut." Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon sagte nach Angaben eines Sprechers: "Was der Bundesfinanzminister da treibt, riecht nach einem wahltaktischen Manöver, das auf dem Rücken von über 6000 Quelle-Mitarbeitern allein in der Region Nürnberg/Fürth ausgetragen wird."
Zur Abwägung der Masse
Nach Einschätzung des Arcandor-Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg wäre ein Massekredit durch ausreichend Vermögenswerte bei Quelle gedeckt. Nach Angaben von Görgs Beauftragtem Hans-Gerd Jauch verfügt Quelle über umfangreiche Werte wie unbezahlte Ware. Den erzielbaren Liquidationserlös schätzt Görg auf 72 Mio. Euro. "Damit sollte die Masse für 50 Mio. Euro Kredit auf jeden Fall ausreichen", sagte Jauch der "Financial Times Deutschland".
Das Insolvenzgericht muss vor der Gewährung eines Massekredits für die Arcandor-Tochter Quelle einer Kreditaufnahme noch zustimmen. Der vorläufige Insolvenzverwalter stellte deshalb beim Amtsgericht Essen einen entsprechenden Ermächtigungsantrag. Das Gericht will voraussichtlich Anfang der Woche darüber entscheiden.