Wirtschaft

Ökonomen-Barometer: Rekordkonjunktur im Blick

Trotz Schuldenkrise ist der Konjunkturoptimismus unter Deutschlands führenden Ökonomen so groß wie noch nie. Das zeigt das Ökonomen-Barometer von n-tv und "Euro am Sonntag".

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 5. bis 13. April insgesamt 650 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.
Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 5. bis 13. April insgesamt 650 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

Deutschlands führende Volkswirte schätzen die aktuelle wirtschaftliche Lage so gut ein wie noch nie seit Einführung des Ökonomen-Barometers im Dezember 2006. Das geht aus der aktuellen Umfrage von "Euro am Sonntag" und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach stieg der Wert für die Beurteilung des wirtschaftlichen Umfelds im Mai um knapp vier Prozent auf das bisherige Allzeithoch von 76 Punkten. Auch die Einschätzung der erwarteten Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten legte nach dem jüngsten Dämpfer im April wieder deutlich zu und stieg um gut acht Prozent auf 75 Punkte.

Angesichts starker Quartalszahlen vieler Unternehmen, eines starken Wirtschaftswachstums von 1,5 Prozent im ersten Quartal und Steuermehreinnahmen von 135 Mrd. Euro bis 2014 sind die Erwartungen gestiegen, dass der Boom in Deutschland anhält. Zudem steigen die Beschäftigtenzahlen weiter. Erst am Donnerstag hatte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise erklärt, Deutschland steuere im Herbst mit 2,8 Millionen Arbeitslosen auf die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren zu.

Ökonomen wollen Umschuldung

Unterdessen spitzt sich die Lage in Griechenland weiter zu. Angesichts der Entwicklung plädiert mit 81 Prozent eine klare Mehrheit der Ökonomen für eine Umschuldung, 15 Prozent waren gegenteiliger Auffassung. Der Bundestag hatte am Donnerstag teils heftig über neue Hilfen für Griechenland gestritten. Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte, neue Hilfen könnten nötig werden, falls Griechenland nicht an die Finanzmärkte zurückkehren könne. Das gilt auf absehbare Zeit allerdings als unwahrscheinlich.

Am Freitag Mittag lag die Rendite für griechische Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit bei 23,5 Prozent. Demgegenüber rentierten die als sehr sicher eingeschätzten zweijährigen Bundesanleihen bei 1,76 Prozent.

Unter Ökonomen ist die Einschätzung angesichts der Ausgangslage ohnehin eindeutig: Griechenland sei so verschuldet, "dass eine Rückzahlung ohne Umschuldung unrealistisch erscheint", sagte Prof. Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Alleine zur Begleichung der Zinsen benötige das Land "jedes Jahr etwa 30 Mrd. Euro".

Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim warnte vor den möglichen Folgen, sollte Griechenland die Umschuldung verweigert werden. In einem solchen Fall sei "mittelfristig die vollständige Europäisierung der griechischen Staatsschuld unausweichlich. Dies wäre ein fataler Präzedenzfall und ein großer Schritt zur Transferunion".

"Haircut" favorisiert

Die Mehrheit der Experten plädierte dabei für ein Maßnahmenpaket, um Griechenland finanziell wieder Luft zu verschaffen. "Man sollte die Maßnahmen möglichst breit streuen, um eine maximale Wirkung zu erreichen", sagte etwa Prof. Jürgen Kähler von der Uni Erlangen-Nürnberg.

21 Prozent der Ökonomen plädierten in diesem Zusammenhang für einen pauschalen Schuldenschnitt (Haircut), 20 Prozent für längere Laufzeiten griechischer Anleihen. Danach folgten stärkere Privatisierungen (15 Prozent) sowie zusätzliche Sparanstrengungen (14 Prozent).

Kein Kurswechsel mit Draghi

Mit Blick auf die erwartete Berufung des italienischen Notenbank-Präsidenten Mario Draghi an die EZB-Spitze erwarten 84 Prozent der Volkswirte keinen Kurswechsel. Zuletzt hatte es vor allem in Deutschland Bedenken gegeben, ein Südeuropäer könnte das oberste Ziel der Preisniveaustabilität vernachlässigen.

Demgegenüber erklärte Prof. Stephan Klasen von der Uni Göttingen, die EZB habe sich "eine Reputation für Stabilität erarbeitet, die nicht nur vom Präsidenten abhängt". Unter Draghi habe die Banca d‘Italia eine hohe Reputation errungen: als "Stabilitätsanker und als ordnungspolitischer Mahner für solide Staatsfinanzen und konsequente Strukturreformen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum", sagte auch der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats, Prof. Juergen B. Donges.

Kritik an E-Auto-Subventionen

Auf massive Kritik trafen Überlegungen aus der Industrie, die Einführung von Elektro-Autos zu subventionieren. 82 Prozent der befragten Wissenschaftler lehnen staatliche Finanzhilfen kategorisch ab. Es sei "völlig unklar, ob Elektroautos eine Zukunft haben oder sich eine andere Technologie durchsetzen wird", sagte Prof. Justus Haucap, Chef der Monopolkommission zur Beratung der Bundesregierung. Es sei auch "kein Marktversagen zu erkennen, das eine solch drastische Subvention rechtfertigen könnte.

Subventionen für Elektroautos seien nach Abrackprämie und EEG hoffentlich nicht der "nächste Blödsinn“. Ähnlich sieht es Prof. Roland Vaubel (Uni Mannheim): "Eine effiziente Umweltpolitik besteuert die Umweltverschmutzer, sie zahlt nicht Subventionen für den Verzicht auf Umweltverschmutzung", zitierte er den Ökonomen Ralph Turvey.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 3. bis zum 10. Mai 650 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

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Quelle: n-tv.de

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