Wirtschaft

Böse ÜberraschungThyssenKrupp tiefrot

02.12.2011, 17:00 Uhr
tk
Abstich in einem Hüttenwerk von ThyssenKrupp. (Foto: picture alliance / dpa)

Wenn ein Konzern die Bekanntgabe seiner Jahreszahlen vorzieht, bedeutet das in der Regel nichts Gutes. ThyssenKrupp liefert den jüngsten Beweis. Der Stahlkonzern schlägt sich gleich mit mehreren Problemen herum und verbucht einen unerwartet hohen Verlust.

Der größte deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp hat Anleger mit einem Milliardenverlust schockiert und stellt sich auf weitere Rückschläge ein. "2012 wird kein einfaches Jahr für uns", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger zur Bilanzvorlage. Angesichts der anhaltenden Schwierigkeiten im Stahl- und Edelstahlgeschäft traute er sich keinen genauen Ausblick zu. In dem Ende September abgelaufenden Geschäftsjahr 2010/11 musste ThyssenKrupp 2,9 Mrd. Euro abschreiben - vor allem wegen Problemen mit neuen Stahlwerken in den USA und Brasilien. Der Konzern schrieb dadurch einen Verlust von 1,8 Mrd. Euro nach einem Gewinn von 927 Mio. Euro im Vorjahr.

Die ThyssenKrupp-Aktie rutschte um mehr als fünf Prozent ab und war damit der größte Verlierer im Leitindex Dax. Da half es auch nichts, dass Hiesinger den Aktionären eine unveränderte Dividende versprach: Die Anteilseigner, darunter die mit rund 25 Prozent mächtige Krupp-Stiftung, sollen wie im Vorjahr 45 Cent je Aktie erhalten.

Schwächere Nachfrage belastet Stahlgeschäft

Der seit Anfang dieses Jahres amtierende Ex-Siemens -Manager Hiesinger hatte die Probleme im amerikanischen Stahlgeschäft von seinem Vorgänger Ekkehard Schulz übernommen. Unter dessen Führung waren die Kosten für die beiden neuen Stahlwerke in den USA und Brasilien auf rund zehn Mrd. Euro explodiert. Doch auch im laufenden Prozess verhagelt das Geschäft ThyssenKrupp das Ergebnis. In den USA werde der Markt über mehrere Jahre schwieriger sein als erwartet, sagte der Manager. Bei dem neuen Werk in Brasilien verzögere sich der Hochlauf unter anderem durch notwendige Reparaturmaßnahmen. Die Sparte Steel Americas, zu der die Anlagen gehören, schloss das Geschäftsjahr mit einem operativen Verlust von gut einer Mrd. Euro ab.

Die Verluste in Übersee haben auch personelle Konsequenzen. Der erst im vergangenen Jahr vom Konkurrenten Salzgitter abgeworbene Steel Americas-Chef Hans Fischer scheidet zum Jahresende bereits wieder aus. Seine Aufgaben übernimmt zusätzlich Vorstandmitglied Edwin Eichler, der auch die europäische Stahlsparte leitet. Eichlers Vertrag wurde um weitere fünf Jahre verlängert. Einen Ausblick, wann die amerkanische Stahlsparte schwarze Zahlen schreiben könnte, wollte Hiesinger nicht nennen. "Wir werden keine Prognosen abgeben." Im laufenden Geschäftsjahr werde die Sparte sicher noch Verluste schreiben. Zu allem Übel muss sich ThyssenKrupp auch im europäischen Stahlgeschäft auf eine schwächere Nachfrage einstellen. Ingesamt werde der operative Gewinn des Konzerns im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres deutlich niedriger als im Vorjahreszeitraum ausfallen.

Entscheidung über Edelstahlgeschäft erst 2012

Auch das Edelstahlgeschäft bereitet Hiesinger weiter Kopfschmerzen. Hier nahm der Konzern von den 2,9 Mrd. Euro Abschreibungen Wertberichtungen in Höhe von 800 Mio. Euro vor. "Aufgrund der ungelösten Strukturprobleme am Edelstahlmarkt werden die Edelstahlerzeugen derzeit mit hohen Abschlägen bewertet", hieß es zur Begründung. Analysten bezeichneten die Abschreibungen insgesamt als unerwartet hoch.

Hiesinger will die in die Gesellschaft Inoxum ausgelagerte Edelstahlsparte und weitere Geschäfte abstoßen. Betroffen sind rund 35.000 Beschäftigte. Über einen Verkauf von Inoxum spricht ThyssenKrupp nach Angaben von mehreren mit der Situation vertrauten Personen sowohl mit Private-Equity-Häusern als auch mit strategischen Investoren. Hiesinger sagte lediglich, er sei für Gespräche mit beiden offen. Sein Vorgänger hatte unter anderem mit dem finnischen Konkurrenten Outokumpu über eine Konsolidierung der Branche beraten, die unter Überkapazitäten leidet.

"Wir halten uns alle Optionen offen", bekräftigte Hiesinger, dass der Konzern neben einen Verkauf grundsätzlich auch einen Börsengang und eine Abspaltung für möglich hält. Beides gilt jedoch nach Angaben von mit dem Prozess vertrauten Personen inzwischen als unwahrscheinlich. Eine Grundsatzentscheidung will ThyssenKrupp nach den Worten Hiesingers erst im Laufe des kommenden Jahres treffen. Bis Ende 2012 könnte das über 100 Jahre alte Edelstahlgeschäft mit der Marke Nirosta dann zumindest bei ThyssenKrupp Geschichte sein.

Quelle: rts