Wirtschaft
Aufstieg in unsicheres Terrain: In Europa gilt Deutschland als vorbildliche Wirtschaftsmacht. Ein US-Ökonom sieht das anders und prangert nun an, dass Deutschland diesen Ruf gar nicht verdiene.
Aufstieg in unsicheres Terrain: In Europa gilt Deutschland als vorbildliche Wirtschaftsmacht. Ein US-Ökonom sieht das anders und prangert nun an, dass Deutschland diesen Ruf gar nicht verdiene.(Foto: REUTERS)

Wohlstand auf wackligen Füßen?: US-Ökonom zerlegt Deutschland

Die deutsche Wirtschaft steht schlechter da als angenommen. Das zumindest behauptet der Chef eines einflussreichen Washingtoner Think Tanks. Das Job-Wunder hätten sich die Deutschen nur durch niedrige Löhne erkauft - und dabei schwere Unterlassungsfehler begangen. BA-Chef Weise schlägt in dieselbe Kerbe.

"Billige Arbeit ist der Hauptgrund": Adam Posen zweifelt an der Nachhaltigkeit des neuen deutschen Wirtschaftswunders (Archivbild).
"Billige Arbeit ist der Hauptgrund": Adam Posen zweifelt an der Nachhaltigkeit des neuen deutschen Wirtschaftswunders (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Wenige Monate vor der Bundestagswahl mehrt sich die Kritik am deutschen Jobwunder. Viele Arbeitsplätze seien befristet oder schlecht bezahlt und die Einkommensunterschiede würden immer größer, klagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Der renommierte US-Ökonom Adam Posen pflichtet ihm bei und stellt zugleich den Erfolg der deutschen Wirtschaft infrage. "Es gibt keine Belege für eine besondere Industrie-Erfolgsgeschichte Deutschlands", schreibt der Präsident des in Washington ansässigen Peterson Institute for International Economics (IIE), in einem Gastbeitrag für die "Welt".

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sei erkauft durch niedrige Löhne und eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen. "Billige Arbeit ist der Hauptgrund des deutschen Exporterfolgs der letzten zwölf Jahre", meinte Posen.

Stattdessen hätten die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren versäumt, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch technologischen Fortschritt und mehr Bildung zu steigern. "Idealerweise sollte ein wohlhabendes Hochtechnologieland seine Wettbewerbsposition verteidigen, indem es durch Forschung und Entwicklung, sowie durch Investitionen technologisch führend bleibt. Doch die Investitionen gehen in Deutschland zurück", schreibt Posen. Die deutsche Investitionsquote liege seit 2001 deutlich unter denen der anderen G7-Staaten, kritisierte der Ökonom. Damit sich dies ändere, müssten Firmen dazu angehalten werden, ihre vergleichsweise hohen Geldbestände zu investieren.

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"Wir haben die Tendenz zu einer zunehmenden Lohnungleichheit", erklärte Weise im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung". Der Unterschied "zwischen oben und unten" wachse. Wer heute im Geschäftsleben bei der Entwicklung und Produktion von Produkten bestehen könne, der habe eine gute Schulausbildung, bilde sich weiter und habe in der Regel ein gutes Einkommen. Wer nicht mithalten könne, für den blieben, wenn überhaupt, nur niedrig bezahlte Jobs.

Weise sprach sich dafür aus, die Agenda 2010 im Sinne stabilerer Beschäftigungsverhältnisse weiterzuentwickeln. "Viele haben jetzt eine Arbeit, aber die ist oft noch atypisch, gefährdet, befristet, nicht gut bezahlt." Er plädierte auch für von Arbeitgebern und Gewerkschaftern ausgehandelte, differenzierte Lohnuntergrenzen. In den neuen Mindestlöhnen im Friseurhandwerk sieht er einen guten Einstieg.

Defizite in der Ausbildung

Auch Posen kritisiert, dass Deutschland es versäumt habe, seine Arbeitnehmer gut auszubilden. "Das Ergebnis ist, dass das Produktivitätswachstum in Deutschland verglichen mit seinen Wettbewerbern niedrig ist und nicht etwa hoch", argumentiert Posen.

Der Top-Ökonom fordert deshalb eine ganze Reihe von Reformen hierzulande: Unter anderem müssten der Dienstleistungssektor reguliert werden, der Zugang zu den Hochschulen leichter werden und die Unternehmenssteuern reformiert werden. Diese Steuerreform müsste dabei seiner Ansicht nach so gestaltet werden, dass Firmen gezwungen sind, ihre Erträge in höhere Löhne zu stecken oder den Anteilseignern auszuzahlen.

Das Peterson Institute for International Economics zählt in den USA zum Kreis der angesehensten Wirtschaftsforschungsinstitute. Posen gilt als einer der weltweit führenden Experten für Geld- und Fiskalpolitik und als ausgesprochener Deutschland-Kenner.

Einen Beleg für die aktuelle Stärke der deutschen Wirtschaft liefert unterdessen der Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Laut einer Umfrage planen die Betriebe inzwischen deutlich mehr Neueinstellungen als bisher. Es sollten bis zum Jahresende insgesamt 250.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf die DIHK-Umfrage. Anfang 2013 hatte die Prognose noch bei 150.000 gelegen. Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte der Zeitung: "Der Arbeitsmarkt überrascht einmal mehr positiv."

Quelle: n-tv.de

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