Trendwende oder Enttäuschung?US-Wirtschaft fesselt Analysten

Seit Tagen fiebern die Märkte einem trockenen Zahlenwerk aus Washington entgegen: Vom offiziellen Bericht zur Lage am Arbeitsmarkt erhofft man sich nicht nur die Wall Street Aufschluss darüber, wie es mit den USA im Jahr 2011 weitergeht. Eine Enttäuschung bliebe wohl nicht ohne Folgen.
Die Daten der privaten Arbeitsagentur ADP haben die Wall Street aufgerüttelt: Die Hinweise auf einen starken Stellenaufbau in der Privatwirtschaft stellten mitten in der weitgehend nachrichtenarmen Zeit nach dem Jahreswechsel plötzlich eine deutlich schnellere Erholung der US-Konjunktur in Aussicht. Ist das die Trendwende am Arbeitsmarkt?
Für viele Börsianer kam das neue Szenario vollkommen überraschend. Eilig passten Analysten ihre Prognosen den neuen Perspektiven an. Eine Bestätigung für die zum Teil hochfliegenden Erwartungen erhoffen sich die Strategen nun vom offiziellen Bericht der US-Regierung zur Beschäftigungssituation.
Dem Arbeitsmarktbericht kommt dabei außergewöhnlich große Bedeutung zu: Investoren sehen in den ersten richtungsweisenden US-Konjunkturdaten im neuen Jahr gleichzeitig auch ein Signal für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft.
Sollte der Wirtschaftsmotor in den USA im Dezember tatsächlich bereits auf höheren Touren gelaufen sein als bislang gedacht, hätte das Konsequenzen für die Einschätzungen zum Dollar, Gold, Rohöl, Industriemetalle und die Exportchancen japanischer, chinesischer und deutscher Unternehmen. Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt würde sich aller Voraussicht nach eintrüben, der Dax auf Abstand zur 7000er-Marke gehen.
Erntehelfer nicht mitgerechnet
Die Erwartungen der Analysten sind mit wenigen Auasnahmen durchtränkt von Zuversicht: Die Lage am US-Arbeitsmarkt dürfte sich im Dezember deutlich entspannt haben. Volkswirte erwarten im Schnitt, dass zum Jahresende außerhalb der Landwirtschaft 150.000 zusätzliche Arbeitsstellen geschaffen wurden. Dass die Jobs im Agrarsektor heraus gerechnet werden, ist Teil des üblichen Vorgehens. Dieser Teil des Arbeitsmarktes besitzt aufgrund saisonaler Schwankungen wenig Aussagekraft für die Gesamtentwicklung.
Die Konjunkturexperten bei der deutschen NordLB äußerten sich im Vorfeld deutlich skeptischer. In ihrer Prognose ist lediglich von einem Stellenzuwachs von 95.000 die Rede. Ihrer Einschätzung nach kommt der Konjunkturaufschwung nur sehr langsam am US-Arbeitsmarkt an. "Entsprechend rechnen wir am aktuellen Rand zwar mit gewissen Anzeichen für eine Entspannung, glauben aber nicht daran, dass bereits wirklich gute Zahlen gemeldet werden", erklärte NordLB-Ökonom Tobias Basse. Im Laufe des neuen Jahres könnten sich die Aussichten am Arbeitsmarkt allerdings nach und nach bessern.
Mit Blick auf die aktuellen Zahlen zur Beschäftigungsentwicklung sei zudem spannend, so Basse weiter, ob größere Revisionen der Vormonatszahlen vorgenommen werden. "Sollte es hierzu kommen, wären ausgeprägte Marktbewegungen zu erwarten."
"Positive Rückpralleffekte"
Nachdem der US-Arbeitsmarkt 2010 oftmals für Enttäuschungen gesorgt habe, dürfte es zum Jahresende zu einem "leichten Beschäftigungsaufbau" kommen, prognostizieren die Volkswirte der Dekabank. Sie prognostizierten einen Zuwachs um 150.000 Stellen. "Zum einen wies der Vormonat beispielsweise im Einzelhandel ungewöhnlich schwache Entwicklungen auf. Hier ist mit positiven Rückpralleffekten zu rechnen", meinten die Dekabank-Experten. Außerdem hätten sich wichtige Arbeitsmarktindikatoren wie die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe weiter gut entwickelt.
Bei der Landesbank Berlin (LBB) schätzten Analysten den Zuwachs im Dezember auf 120.000 neue Jobs. Mit Blick auf den Anteil der Arbeitslosen gingen sie davon aus, dass die Quote mit 9,6 Prozent bis auf den Oktober-Stand zurückfällt. Ihre Einschätzung begündeten sie mit einem statistischen Basiseffekt.
"Im Vormonat ging der überraschende Anstieg der Arbeitslosenquote in erster Linie auf auseinanderdriftende Ergebnisse zur Beschäftigungsentwicklung in der Haushaltserhebung auf der einen und der Betriebsstättenzählung auf der anderen Seite zurück", hieß es in der LBB-Prognose. "Letztere ist im Zeitverlauf jedoch weniger volatil. Somit könnte die Arbeitslosenquote wieder fallen." Ein "trendmäßiger Rückgang" wäre das aber noch nicht, fügen die LBB-Volkswirte hinzu, denn "die bisher gemeldete Schaffung von monatlich etwas mehr als 100.000 Stellen reicht dafür noch nicht."
Bewegt sich die Quote?
Die Hoffnungen beim anstehenden Arbeitsmarktbericht richten sich vor allem auf den dynamischsten Teil der US-Wirtschaft, den Dienstleistungssektor. In der volkswirtschaftlichen Abteilung bei BNP Paribas gehen die Beobachter zum Beispiel von insgesamt 110.000 Stellen neuen Stellen im Dezember aus. Die US-Dienstleister dürften dabei ihrer Einschätzung nach alleine gut 120.000 Jobs geschaffen haben. "Der geringere Gesamtanstieg spiegelt anhaltende Stellenkürzungen bei lokalen und regionalen Regierungsbehörden wider", erklärten die BNP-Paribas-Ökonomen. Die Arbeitslosenquote sehen sie unverändert bei 9,8 Prozent.
Die Quote werde sich wohl nicht verringern, zumal das Stellenwachstum gerade mal ausreiche, neu in den Markt eintretende Arbeitssuchende zu absorbieren, heißt es in der BNP-Paribas-Prognose. Außerdem deute "eine flaue Erwerbsquote an, dass weiterhin Aufwärtsrisiken bestehen".
Die Arbeitslosenquote gilt in den Vereinigten Staaten als plakativer Gradmesser für den Erfolg oder das Versagen aller wirtschaftspolitischen Bemühungen. Misserfolge werden direkt dem Präsidenten angelastet. Für Barack Obama könnte sich eine anhaltende Wirtschaftsschwäche als Stolperstein auf dem Weg in eine zweite Amtszeit erweisen. Nach Einschätzung der Experten dürfte die Quote im Dezember auf 9,7 Prozent zurückgehen. Das wäre immerhin eine leichte Besserung. Im November war die Arbeitslosenquote noch von zuvor 9,6 Prozent auf 9,8 Prozent in die Höhe geschnellt. Schon dieser Rückfall hatte viele Hoffnungen auf eine schnelle Erholung in den USA enttäuscht.
Die neuen Daten zur US-Beschäftigung werden mit dem offiziellen Monatsbericht am frühen Nachmittag um 14.30 Uhr (MEZ) erwartet. Am Vortag hatten die kurzfristigen Job-Daten die Kurse nur wenig bewegt. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA war in der letzten Dezember-Woche überraschend stark gestiegen. Im Berichtszeitraum zählte das US-Arbeitsministerium mit insgesamt 409.000 Anträgen 18.000 mehr als in der Woche zuvor. Volkswirte hatten mit 400.000 Erstanträgen gerechnet.