Wirtschaft

Pariser Flugschau im Zeichen der KriseWundenlecken in Le Bourget

15.06.2009, 15:41 Uhr
imageNikolas Neuhaus

Für leise Töne ist die Flugschau von Le Bourget nicht bekannt. Doch trotz eines runden Jubiläums fallen die Feierlichkeiten auf der größten Messe der Luftfahrtindustrie beschaulich aus. Ausgerechnet zum 100. Geburtstag der legendären Flugschau steckt die Branche in einer ihrer schwersten Krisen.

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Gutwettermachen in Le Bourget. (Foto: REUTERS)

Die rund 2000 Aussteller bemühen sich redlich, keine allzu morbide Untergangsstimmung aufkommen zu lassen - doch symptomatisch für das Seelenleben der Branche sind die Worte von Scott Carson, dem Chef der Zivilsparte des sonst vor Kraft und Selbstbewusstsein strotzenden Jumbojet-Bauers Boeing: "Wir haben den Eindruck, dass es Gründe gibt, auf einen Beginn einer Erholung im kommenden Jahr zu hoffen". Tiefer lässt sich kaum stapeln.

Dickes Minus bei Passagier- und Frachtflügen

Die größte Unbekannte für die Flugzeugindustrie ist die Entwicklung der Weltkonjunktur. Die Wirtschaftskrise trifft die Fluggesellschaften mit voller Wucht, sowohl im Fracht- als auch im Passagiergeschäft. Die Zahl der geflogenen Passagierkilometer, eine der wichtigsten Kennziffern für die Airlines, liegt nach Angaben des Weltflugverbands IATA Ende 2008 4,6 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Unternehmen streichen ihre Geschäftsreisen zusammen, immer mehr Plätze in der gewinnträchtigen Business- oder First Class bleiben deshalb leer. Das Geschäft mit den Premiumtickets schrumpfte Ende 2008 im Jahresvergleich um mehr als 13 Prozent. Noch düsterer sieht das Bild im Luftfrachtgeschäft aus, das eiskalt vom Einbruch im Welthandel erwischt wird. Die beförderten Tonnenkilometer lagen Ende 2008 laut IATA um mehr als 22 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Für das laufende Jahr erwartet Boeing keine nennenswerte Besserung. Der Branchenriese rechnet mit einem erneuten Rückgang des Passagierverkehrs um acht Prozent und des Frachtverkehrs um 17 Prozent. Für die Airlines bedeutet das in diesem Jahr unter dem Strich geschätzte neun bis zehn Milliarden US-Dollar Verlust – und das spüren zuerst die Flugzeugbauer. Mit sinkenden Fracht- und Passagierraten sowie erodierenden Gewinnen bricht auch ihr Fundament zusammen.

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Frankreichs Premier Fillon, umgarnt von EADS-Chef Gallois (l.) und Airbus-Chef Enders. (Foto: REUTERS)

Bestellrekorde wie vor zwei Jahren mit gut 400 festen Aufträgen und etwa 280 Kaufverpflichtungen allein für Airbus gehören der Vergangenheit an. Das Verkaufsziel der Europäer von 300 Bestellungen in diesem Jahr ist in weite Ferne gerückt. "Wir sind aber nicht verzweifelt", sagte Airbus-Chef Tom Enders. Die Lieferfristen lägen bei mehreren Jahren. "Wir haben immer noch ein volles Auftragsbuch mit 3500 Bestellungen. Wir opfern keine Margen." Im laufenden Jahr will Airbus wie 2008 wieder rund 480 Flugzeuge ausliefern. Doch in den zwei Jahren bis 2011 soll die Produktion laut Enders um 15 bis 25 Prozent sinken. Dabei will Airbus seine qualifizierten Mitarbeiter nach Möglichkeit halten.

Große Sorgenkinder

Neben massiven Absatzsorgen kämpfen die beiden Branchengrößen Airbus und Boeing jedoch auch mit hausgemachten Problemen. Der neue Langstreckenflieger von Boeing, der 787 Dreamliner, wurde nicht rechtzeitig zur Flugschau von Le Bourget fertig. Nach zahlreichen Pannen und Verzögerungen, unter anderem durch die umfangreiche Auslagerung von Arbeiten an Zulieferer, will Boeing den Riesenvogel nun Ende Juni in die Luft bringen. Wegen der Verzögerungen und der Wirtschaftskrise kassierte Boeing zwischenzeitlich bereits Abbestellungen des neuen Modells.

Auch bei der EADS-Tochter Airbus lahmt die Produktentwicklung. Zum 40. Geburtstag des europäischen Gemeinschaftsunternehmens muss Airbus mit der Präsentation seines Militärtransporters A400M passen. Auch beim geplanten Konkurrenzmodell zum Dreamliner, dem A350 XWB, kämpft Airbus gegen die Zeit.

Pro Monat investiert EADS 100 Millionen Euro in die A400M. Ende Juni könnten die Kunden für die ersten 180 Maschinen die Rückzahlung von 5,7 Milliarden Euro Anzahlung verlangen, weil das Flugzeug drei Jahre zu spät kommt. EADS hat bisher schon 2,3 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir das Geld für die ersten A400M wieder hereinholen", sagte Konzernchef Louis Gallois. Doch die A400M habe eine große Zukunft vor sich. Deutschland und Frankreich wollen wie EADS die Frist für eine Aushandlung neuer A400M-Verträge bis zum Jahresende verlängern. Auf der Pariser Messe werden die Fachminister der Airbus-Staaten darüber sprechen.

Bei allen Sorgen werden in Le Bourget neben 150.000 Fachbesuchern auch mehr als 200.000 Luftfahrtfans erwartet. Sie beobachten und bestaunen eine Vielzahl von Passagiermaschinen, Kampfflugzeugen und Hubschraubern, darunter den neuen russischen Regionalflieger Suchoj Superjet 100 oder das weltgrößte Passagierflugzeug, die A380-800 von Airbus. Zumindest diese gute Nachricht aus Le Bourget ist sicher: Auch 100 Jahre nach dem ersten Aérosalon hat für die flugbegeisterten Besucher die Eroberung der Lüfte nichts von ihrer Faszination eingebüßt – daran wird auch die Wirtschaftskrise nichts ändern.