Wirtschaft

Angst vor der Staatspleite: Die griechische Tragödie

Nikolas Neuhaus

Die Angst vor der Pleite Griechenlands geht um. Genährt wird sie von schlechten Noten aus der Finanzwelt, denn die Ratingagentur Fitch senkt ihr Urteil über die Kreditwürdigkeit des Landes. Für die Griechen ist dieser Schritt langfristig bedrohlich, doch was bedeutet es für die Euro-Zone als Ganzes?

Die Herabstufung griechischer Staatsanleihen durch die Ratingagentur Fitch ist ein Warnschuss, den die Regierung in Athen nicht ernst genug nehmen kann. Und er kostet bares Geld: Schon heute müssen die Griechen für ihre Schuldenlast deutlich höhere Zinsen zahlen als die anderer Euro-Staaten. Der Risikoaufschlag griechischer Staatsanleihen gegenüber den Papieren von Top-Schuldnern wie Deutschland liegt derzeit bei rund zwei Prozentpunkten. Je schlechter sich der Ruf Griechenlands unter seinen Gläubigern entwickelt, desto höhere Zinsen zur Finanzierung der Schuldenlast werden fällig.

Wie lange kann Griechenland noch auf seinen Traditionen aufbauen?
Wie lange kann Griechenland noch auf seinen Traditionen aufbauen?(Foto: REUTERS)

Nehmen sich nun die beiden anderen Agenturen S&P und Moody's ein Beispiel an der Herabstufung, gerät Griechenland blitzschnell in eine bedrohliche Schuldenspirale: Liegen die Bonitätsnoten aller drei Agenturen unter der kritischen Marke von "A-", akzeptiert die Europäische Zentralbank die Staatsanleihen Griechenlands nicht mehr als Sicherheit. Am Markt für Staatsanleihen ließen sich die Papiere Griechenlands damit bedeutend schlechter an den Mann bringen, schließlich fehlt dem Käufer nun Netz und doppelter Boden der Notenbanker – im Fall der Fälle bliebe er auf Verlusten sitzen. Die Griechen wären dann umso mehr auf das stete Wohlwollen wagemutiger Gläubiger angewiesen – und das würden sich diese sehr gut bezahlen lassen.

Anders als bei den USA, Großbritannien oder Irland liegt ein großes Problem Griechenlands nicht in einem dominanten Finanzsystem, sondern in den Häfen des Landes: Knapp fünf Prozent des offiziellen Bruttoinlandsprodukts entsteht in der Seefahrt, einer von 25 Griechen arbeitet in diesem Bereich. Mit dem Einbruch des einst boomenden Welthandels liegen die Fracht- und Charterraten brach, Containerschiffe schwimmen ohne Fracht in den Hafengewässern.

Langer Weg in die Krise

Auch wenn die Griechen damit ohne starken Finanzsektor zu den Verlierern der Finanzkrise gehören, kommen die Probleme des Landes nicht überraschend. Eine hohe Verschuldung gehört von jeher zum guten Ton in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung des Landes. Dass diese Großzügigkeit den Griechen früher oder später auf die Füße fallen könnte, beherrscht seit geraumer Zeit die ökonomischen Debatten.

Glaube nur den Statistiken, die du selbst gefälscht hast.
Glaube nur den Statistiken, die du selbst gefälscht hast.(Foto: REUTERS)

Schon beim Beitritt des Landes 2002 zum Währungsgebiet des Euro nutzten die Griechen alle denkbare Phantasie, um die Konvergenzkriterien der EU zu erreichen. Zwischen 1997 und 1999 galt es, die Stabilitätskriterien des Maastrichter Vertrags zu erreichen, die eine Höchstgrenze der Haushaltsverschuldung von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorsehen. Im offiziellen Konvergenzbericht tauchte Griechenland sowohl 1998 als auch 1999 deutlich unter diese Marke und sicherte sich damit seine Eintrittskarte zur Euro-Zone. Nachträglich stellte sich jedoch heraus, dass diese Zahlen frisiert waren und sich die Griechen in die Gemeinschaftswährung geschummelt hatten.

Lange haben die Hellenen verpasst, ihren hohen Schuldenberg abzubauen. Allein zwischen 2003 und 2007 verbuchten sie im Schnitt ein jährliches Wirtschaftswachstum von vier Prozent. In schlechten Zeiten wie diesen fällt ihnen nun das Sparen ungleich schwerer. 2008 schrumpfte die Wirtschaft um 2,9 Prozent. Erschwert wird der Reformkurs durch hohe Inflationsraten, die der Wettbewerbsfähigkeit des Landes zusetzt. Zudem blüht die Schattenwirtschaft in traumhaften Ausmaßen und entzieht dem Staat so die Steuermittel für Reformen. Eine echte Alternative hat das Land jedoch nicht. Ufert die Verschuldung weiter aus, schwindet das Vertrauen unter Finanziers dramatisch. Im kommenden Jahr überholen die Griechen aller Voraussicht nach die Italiener als Schulden-Europameister mit einem Staatsdefizit von 125 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes.

Rettungsgelder doppelt teuer

Bedingungslose Finanzhilfen von den europäischen Nachbarn können und dürfen die Griechen nicht erwarten. Eine teure Rettungsaktion der großen Brüder wäre ein verheerendes Signal für die Haushaltsdisziplin aller Staaten der Euro-Zone und hätte für alle Mitgliedsstaaten möglicherweise gravierendere Folgen als eine Staatspleite Griechenlands. Die Stabilität der Staatengemeinschaft als Ganzes würde ohne Hilfen ebenso wenig gefährdet wie ihre gemeinsame Währung. Mit rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone machen die Griechen beispielsweise weitaus weniger der gemeinsamen Wirtschaftsleistung aus als die Kalifornier mit 14 Prozent an der Gesamtwirtschaft der USA. Dennoch ist der wirtschaftlich größte Staat der USA seit einigen Monaten pleite, ohne dass dies zu einer nachhaltigen Schwächung des US-Dollar geführt hätte.

Video

Klar ist auch: Ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und eine Rückkehr zur Drachme ist keine Option. Zwar würde eine schwächere Landeswährung der Wirtschaft für den Moment einen Vorteil verschaffen. Ihre bisherigen Schulden müssten die Griechen weiterhin in Euro abtragen, aber in Drachmen erarbeiten – einen solchen Bärendienst werden sie sich nicht erweisen.

Quelle: n-tv.de