Wirtschaft

Blind für die nächste Krise?Experten am Pranger

18.11.2009, 14:20 Uhr

Prognosen und Prophezeiungen haben Hochkonjunktur. Doch die Aussagen von Ökonomen und anderen Experten stoßen nicht immer auf Begeisterung.

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Klarsicht ist nicht jedem gegeben. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn Experten wie Hans-Werner Sinn das Wort ergreifen, kann er sich einer breiten Aufmerksamkeit sicher sein. "Vielen Firmen wird im kommenden Jahr die Luft ausgehen, sie werden Personal abbauen müssen", prophezeite der Präsident des Münchner ifo Instituts kürzlich und sagte 4,1 Millionen Arbeitslose im Durchschnitt voraus. Besonders zum Jahreswechsel haben sorgen- oder auch hoffnungsvolle Blicke in die Glaskugel der Ökonomen wieder Hochkonjunktur.

Doch nicht überall stoßen ihre Vorhersagen auf Wohlwollen. Weder Sinn noch der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup noch Bundesbankpräsident Axel Weber hätten die Finanzkrise vorausgesehen, lästert Lisa Nienhaus in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Die Blindgänger - Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden".

Die Wirtschaftsjournalistin erhebt mit ihrem Buch unter anderem die Frage, ob es sich ohne die Ansagen der Star-Ökonomen nicht unbeschwerter lebte. "Ihre Prognosen scheinen eher kurzfristige Zustandsbeschreibungen zu sein als verlässliche Zukunftsszenarien. Als wüssten sie selbst nicht mehr, was sie da vorhersehen."

Typisch Ökonom

Der Chef vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, hatte sogar einmal vorgeschlagen, eine Zeitlang auf Prognosen zu verzichten. Anschaulich stellt Nienhaus bisherige Prognosen der tatsächlichen Entwicklung gegenüber und erkennt sechs Verhaltenstypen von Ökonomen: den "Astrologen" (Bankenvolkswirte, auch teilweise der Sachverständigenrat), den "Historiker" (zieht seine Erkenntnisse vor allem aus der Geschichte), den "Philosophen" (wendet sich eher grundlegenden Fragen zu), den "Psychologen" (untersucht vor allem menschliche Verhaltensweisen) und den "Physiker" (sucht nach Naturgesetzen in der Wirtschaft und erstellt mathematische Modelle).

Doch Nienhaus ist sich sicher: Der derzeit am stärksten gefragte Expertentyp ist der "Arzt", da nur er Rezepte gegen die Krise anbietet.

Der Blickwinkel der Autorin

Ihre Kritik an der Zunft der Wirtschaftspropheten erscheint auf den ersten Blick launig, doch gänzlich unberechtig ist sie nicht. Eine kritische Betrachtung dieser der Experten, die mit ihren oft sehr öffentlichkeitswirksamen Aussagen Märkte bewegen und Politik beeinflussen, kann sicherlich nicht schaden.

Als Absolventin der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft versäumte Nienhaus es selbstverständlich nicht, ihr Thesenbuch mit ausreichend prominenten Namen auszustaffieren. Ressonanzen und krische Repliken sind ihr also halbwegs sicher. Und weil sie in Köln und Stockholm auch Volkswirtschaft studiert hat, könnte sie mit konstruktiven Kritikern sicher auch auf Augenhöhe umgehen.

Hinsichtlich der wirtschaftlichen Perspektiven des Landes werden die einschlägigen Stimmen jedoch auch weiterhin nicht schweigen und tapfer Auskunft geben. Ob die Konjunkturforscher aus ihrer ganz persönlichen Krise der Fehleinschätzungen gelernt haben? Nienhaus spottet: "Prognosen sind halt schwierig. Besonders wenn sie die Zukunft betreffen."

Campus Verlag, Frankfurt/Main, 158 S., Euro 18,90, ISBN 978-3-593-39079-6

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Quelle: mmo/dpa