Grippewelle erreicht UnternehmenKrisenpläne treten in Kraft
Das Thema Schweinegrippe beunruhigt längst nicht mehr nur Forscher und Mediziner. Auch die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft machen sich angesichts steigender Ansteckungsraten zunehmend Sorgen.
Die deutsche Wirtschaft sieht einer weiteren Ausbreitung bislang weitgehend gelassen entgegen. Noch fallen die Neuansteckungen kaum ins Gewicht. Allerdings rücken mit der wachsenden Zahl der Infektionen die Pandemiepläne für Unternehmen in den Vordergrund.
Für die großen Konzerne könne das globale Arbeiten nun ein Nachteil sein, sagte Peter Höbel, Experte für Krisenmanagement in Frankfurt. "Der Austausch von Erregern ist dort eher wahrscheinlich als bei einem Mittelständler." Wie gut die Unternehmen auf eine Pandemie vorbereitet sind, sei - größenunabhängig - von Firma zu Firma sehr unterschiedlich. "Es gibt Großunternehmen, die sehr mäßig auf Krisen vorbereitet sind. Das hat was mit dem allgemeinen Risikobewusstsein zu tun", sagte Höbel.
Epidemie-Plan aus der Schublade
Zahlreiche Unternehmen haben längst entsprechende Notfallpläne entwickelt, Hygiene-Vorschriften verschärft und Dienstreisen eingeschränkt. Unternehmen wie der Versicherungsriese Allianz und der Autobauer Daimler haben Berichten zufolge bereits Vorräte des Grippe-Medikaments Tamiflu angelegt. "Wir haben Tamiflu-Vorräte, um einen Notbetrieb sicherzustellen", sagte eine Daimler-Sprecherin.
In den Plänen des Mainzer Technologiekonzerns Schott ist geregelt, welcher Mitarbeiter im Krankheitsfall durch wen ersetzt werden kann und wer seine Aufgaben auch gut von zu Hause aus erledigen könnte. "Jeder Geschäftsbereich hat Pläne für bestimmte Szenarien entwickelt", sagte ein Unternehmenssprecher. Die Pläne gebe es seit Ausbruch der Vogelgrippe 2006, sie seien nun auf den aktuellen Stand gebracht worden. In jeder Schott-Vertretung weltweit gebe es einen Ansprechpartner für das Thema. In den Toiletten seien Hinweisschilder aufgehängt worden, die zum mehrmaligen Händewaschen am Tag raten und Tipps zum richtigen Einseifen geben.
Video-Konferenz statt Flugreise
Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer verfügt nach eigenen Angaben über detaillierte "Pandemie-Pläne". Um die Bevorratung von Medikamenten und Schutzkleidung kümmert sich beim Hamburger Kosmetikhersteller Beiersdorf ein eigener Krisenstab, teilte das Unternehmen mit. "Wir sind vorbereitet und können reagieren, falls die Situation eskaliert", sagte eine Sprecherin. Im Intranet des Unternehmens würden Beschäftigte über Verhaltensempfehlungen informiert.
Bei der Deutschen Telekom in Bonn sollen sich die Mitarbeiter öfter mal die Hände waschen und den Fahrstuhlknopf nicht mit der Fingerkuppe, sondern dem Knöchel drücken. Vor den Kantinen wurden Hygieneboxen aufgestellt, an denen sich die Mitarbeiter die Hände desinfizieren können. Die Sanitäranlagen werden häufiger gereinigt. Einige Dienstreisen werden nach Angaben eines Sprechers durch Telefon- oder Video-Konferenzen ersetzt.
Der Waschmittelhersteller Henkel hat Regeln erstellt, wie bei Massenerkrankungen der Betrieb aufrechterhalten werden kann.
Einen Pandemieplan haben auch die Lufthansa und der Energieversorger Eon in der Schublade. Der Energieversorger würde Büroangestellte zum Beispiel von zu Hause aus arbeiten lassen. Diese Lösung ist auch bei den nordrhein-westfälischen Ministerien vorgesehen. Nur "Schlüsselpersonal" solle dann weiter vom Büro aus Dienst tun. Mitarbeiter der Landesbank WestLB sollen bei der Begrüßung besser auf den Handschlag verzichten.
Weiches Risikomanagement
Auch die Deutsche Bank sieht sich "sehr gut vorbereitet" auf die steigende Zahl von Schweinegrippe-Fälle. Beim Handelsriesen Metro gibt es einen Leitfaden für Mitarbeiter mit Verhaltensregeln zur Hygiene, "um eine mögliche Ausbreitung des Erregers zu vermeiden".
IT-Mitarbeiter beim Sportartikelhersteller Adidas im fränkischen Herzogenaurach werden mit Laptops ausgestattet, um notfalls von zu Hause aus arbeiten zu können. "Wir haben einen Krisenreaktionsplan, in dem genau alle Schritte festgelegt sind, die gemacht werden müssen", sagte Sprecherin Katja Schreiber. "Der Plan existiert sowieso und wurde für die Schweinegrippe adaptiert." Als international operierendes Unternehmen habe Adidas eine eigene Arbeitsgruppe, die Vorkehrungen für alle Bereiche und Länder treffe. Zudem seien Hygienetipps, Symptome und nötige Schritte im Falle einer Ansteckung kommuniziert worden.
Beim Stahl- und Industriegüterunternehmen Thyssen-Krupp steht nach Konzernangaben ein Krisenstab bereit. Zudem seien auch hier Medikamente eingelagert worden. Der Baukonzern Hochtief genehmigt eigenen Angaben zufolge nur noch Dienstreisen, die "zwingend erforderlich" sind. Es würden möglichst Direktflüge gebucht, um risikoreiche Aufenthalte an Flughäfen zu vermeiden.
Auf der Liste der Regierung
Wichtig erscheint eine gute Vorbereitung besonders bei Apotheken, Krankenhäusern und Pharmafirmen. So wird zum Beispiel im sächsischen Serumwerk Dresden bei GlaxoSmithKline der Impfstoff gegen das Virus produziert. "Der Pandemie-Plan für alle Standorte ist in Kraft", sagte GSK-Sprecherin Daria Munsel. Dazu gehöre, dass alle Mitarbeiter und im Haushalt lebende Angehörige ein Medikament zugeschickt bekämen, das in Absprache mit einem Arzt bei ersten Symptomen oder prophylaktisch eingenommen werden könne.
Um im Ernstfall die Produktion aufrechterhalten zu können, sollten die Mitarbeiter mit auf der Impfliste der Staatsregierung stehen. "Wir stellen den Impfstoff zwar her, können ihn aber an unsere Beschäftigten nicht ausgeben", hieß es.
Systemrelevante Arbeitsplätze
Zu einem "echten" Pandemieplan gehören nach Meinung von Experten nicht nur die Information und Schulung der Mitarbeiter, sondern auch Regeln dafür, wie eine Personal-"Reserve" gebildet werden könne, Analysen darüber, welche Mitarbeiter besonders gefährdet seien - etwa weil sie Familie haben - oder auch die Einführung von Tele-Arbeitsplätzen. Denn gerade die Arbeit in Gruppen sei riskant. "Unternehmen mit Großraumbüros haben einen Hort der Ansteckung geschaffen", betont Krisenmanagement-Experte Höbel.
Extrem wichtig seien ausgefeilte Pandemiepläne für "Anbieter kritischer Infrastrukturen" wie Energie- und Telekommunikationsunternehmen. Aber auch bei allen anderen Firmen müssten solche Pläne ganz selbstverständlich sein, so Höbel weiter. "Krisenvorsorge ist eine Art von Versicherung." Und auf die verzichte auch niemand.
Die Betten reichen
Auch angesichts des Schwungs zahlreicher Neuinfektion der vergangenen Tage sehen die Behörden in den Bundesländern die Situation noch gelassen. "Es ist alles im grünen Bereich", sagte ein Sprecher des sächsischen Sozialministeriums. Momentan gebe es keine Überlegungen, Großveranstaltungen oder Konzerte wegen zu hoher Ansteckungsgefahr ausfallen zu lassen.
Britische Gesundheitsexperten warnen dagegen davor, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte in den Krankenhäusern knapp werden könnten. Um mit der zu erwartenden Weiterverbreitung Schritt zu halten, müsse die Zahl der Betten im Schnitt um knapp zwei Drittel erhöht werden. Zudem bräuchten die Krankenhäuser in einigen Regionen etwa ein Fünftel mehr Beatmungsgeräte, warnten die Mediziner.
Schwitzige Hände in der Gastronomie
Beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit in Erlangen sieht man die Lage nüchterner. Der Ausbau der Krankenhaus-Kapazitäten sei derzeit nicht notwendig, erklärte eine Sprecherin. Die meisten Erkrankten würden ohnehin von ihrem Hausarzt behandelt.
Die Ausbreitung der Schweinegrippe gefährdet Großveranstaltungen in Deutschland derzeit also nicht. Drei Wochen vor dem ersten Startschuss bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin sei "im Augenblick keine Konstellation abzusehen, die uns dazu veranlassen würde, irgendwelche Sport- und Großveranstaltungen abzusagen", sagte der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder.
Er trat damit Berichten entgegen, wonach Großveranstaltungen durch das Virus gefährdet seien. Derzeit sei der Verlauf der Schweinegrippe in Deutschland "milde", betonte Schröder. Ähnlich äußerte sich der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker.
Allerdings sei derzeit "schlecht vorauszusehen, wie sich die Situation weiter entwickelt", sagte Hacker. Es müsse mit mehr Fällen gerechnet werden und dann auch damit, dass es auch in Deutschland "zu schweren Verläufen" komme.
Die Grippe ist daNoch ist vollkommen unklar, welche wirtschaftlichen Folgen sich aus einer weiteren Ausbreitung der Grippe-Epidemie ergeben können. Spätestens seit der Ausbreitung der Hühnergrippe in den neunziger Jahren und der Atemwegserkrankung SARS 2003 wissen Forscher und Marktbeobachter, dass sich die Folgen einer globale Grippewelle durchaus auch bis in die Bilanzen von Groß-Unternehmen vordringen können.