Wirtschaft
Freitag, 04. Juni 2010

Per Saldo: Ab durch die Mitte

von Jan Gänger

Inflation, Zinsniveau, Fußball: Mit den wichtigen Dingen befasst sich die Wirtschaftswissenschaft - und beantwortet deshalb auch die Frage, wohin ein Strafstoßschütze zielen sollte.

Nein, Beckham gilt nicht als Elfmeter-Experte.
Nein, Beckham gilt nicht als Elfmeter-Experte.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Engländer und Elfmeter, das passt nicht zusammen. Deutsche und Elfmeter, das passt schon viel besser, war aber nicht immer so. Erinnern wir uns kurz an das Endspiel der Weltmeisterschaft 1974 in München. Der Niederländer Johan Neeskens tritt in der zweiten Minute gegen Sepp Maier an. Maier springt nach rechts und muss verdutzt feststellen, dass Neeskens den Ball in die Mitte haut. Gewonnen haben wir trotzdem.

Das war 1976 anders. Im Endspiel der Europameisterschaft kommt es zum Elfmeterschießen. Nachdem Uli Hoeneß die rustikale Variante gewählt und seinen Strafstoß in den schwülen Nachthimmel von Belgrad gedroschen hat, schnappt sich der Tschechoslowake Antonin Panenka einen Ball. Sepp Maier trifft wieder die falsche Entscheidung und fliegt in die linke Ecke. Panenka läuft währenddessen an, bremst ab und lupft den Ball gefühlvoll in die verwaiste Mitte. Die Tschechoslowakei ist Europameister.

Die goldene Mitte

Was Neeskens und Panenka eindrucksvoll demonstrierten: Wer einen Elfmeter schießt, sollte sich für die Mitte entscheiden. Doch ist das wirklich eine gute Idee? Wie in vielen Dingen, hat die Wirtschaftswissenschaft eine Antwort parat. Sie lautet: ja! Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt Steven Levitt, Professor in Chicago, der mit zwei weiteren Ökonomen zahlreiche Elfmeter ausgewertet hat. Ein Schuss in die Mitte hat eine Erfolgsquote von satten 81 Prozent, während Elfmeter in die linke Ecke zu 76,7 Prozent und in die rechte Ecke zu 70,1 Prozent erfolgreich sind. Das hat viele Gründe, doch entscheidend ist: Torhüter bleiben so gut wie niemals stehen.

Es gibt also einen Neeskens-Effekt. Das untermauern die Ökonomen Wolfgang Leininger aus Dortmund und Axel Ockenfels aus Köln. Sie gehen auch dankenswerterweise der Frage nach, warum sich so viele Spieler dieser Erkenntnis verschließen. Da ist zunächst die Verachtung des Torhüters. Ex-Nationalkeeper Toni Schumacher bringt es auf den Punkt: Wer sich für die Mitte entscheide, sei ein Angsthase: "Er verdient es nicht, einen Elfmeter gegen mich zu schießen", gibt er zu Protokoll. Ende der Durchsage.

Darüber könnten sich Schützen ja getrost hinwegsetzen. Doch Hans-Jörg Butt, seines Zeichens Elfmeterkiller und Elfmeterschütze in Personalunion, gibt zu bedenken: Für einen Schützen ist es ein Desaster, wenn ein Schuss in die Mitte gehalten wird. Sollte jedoch der Torhüter einen solchen Schuss nicht halten, weil er entschlossen in eine Ecke hechtet, sei es bei weitem nicht so schlimm. Panenka betont in diesem Zusammenhang, die Staats- und Parteiführung hätte ihn wohl für 25 Jahre ans Fließband gestellt, wäre Maier stehengeblieben. Maier blieb dagegen ein solches Schicksal erspart.

Engländer sehen das anders

Sportwissenschaftler der Uni Liverpool ignorieren allerdings die bahnbrechenden Erkenntnisse und kommen zu einem völlig anderen Ergebnis: Sie behaupten, der perfekte Elfmeter müsse platziert halbhoch in eine Ecke gehämmert werden. Hier könnte man einwenden, dass es sich nicht um Ökonomen handelt und Engländer in Sachen Elfmeter nicht gerade zu den Experten zählen. Fragen Sie mal David Beckham.

Oder Gareth Southgate.

Oder Stuart Pearce.

Oder Chis Waddle.

Oder Frank Lampard.

Oder Steven Gerrard.

Oder Jamie Carragher.

Quelle: n-tv.de