Wirtschaft
Montag, 06. Juni 2011

Gegen den Strich: Der (Rück-)Weg in die Selbstversorgung

von Klaus Schweinsberg

EHEC, Atomstrom, Pflegenotstand: Man könnte den Eindruck gewinnen, nichts ist mehr gut in Deutschland. Die Menschen reagieren mit einer Rückkehr in die Selbstversorgung. Dieser Trend birgt Chancen auf wirtschaftlicher, politischer und vor allem menschlicher Ebene.

Gemüse aus eigenem Anbau: Für nicht wenige eine Alternative zum Supermarkt.
Gemüse aus eigenem Anbau: Für nicht wenige eine Alternative zum Supermarkt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die EHEC-Seuche bekommen die Behörden nicht in den Griff. Bürger und Politik entziehen den Energiekonzernen und der von ihnen gemanagten Atomstromproduktion endgültig das Vertrauen und schalten die Kernkraftwerke ab. Und Anne Will schockt die TV-Zuschauer zum Wochenauftakt mit dem Thema Pflegenotstand in Deutschland. Man hat den Eindruck: Nichts ist (mehr) gut in Deutschland. Weil justament die Institutionen, die unser Land groß und stark gemacht haben - eine hochmoderne Wissenschaft, große leistungsfähige Unternehmen, funktionierende Sozialsysteme - im Moment reihenweise versagen.

Wie im Brennglas wird dieser Tage augenfällig: Die Zeiten sind vorbei, da wir das Gros der ganz persönlichen Daseinsvorsoge an Vater Staat und Mutter Wirtschaft delegieren konnten und wollten. Die wachsende Arbeitsteilung, die durch die Globalisierung neuen Schub bekommen hat, sowie der anhaltende technische Fortschritt haben in den vergangenen Jahrzehnten zu Professionalisierung, Produktivitätsfortschritten und materieller Wohlstandssteigerung geführt. Diese Entwicklungen offenbaren nun verstärkt ihre Schattenseiten: Enthumanisierung der menschlichen Beziehungen, Kontrollverlust über den Alltag und Hilflosigkeit bei der Bewältigung der Lebensrisiken. Dagegen begehren immer mehr Bürger auf. Aber diese Form des Widerstands ist keine Obstruktion, sondern verbindet sich mit einem alternativen Ansatz des Gestaltens. Die Menschen suchen den Weg zurück in die Selbstversorgung.

Trend zur Selbstversorgung

Dass der Kauf von Tomatensträuchern und Salatsetzlingen in den letzten Tagen deutlich angestiegen ist, mag man als nette Anekdote am Rande der EHEC-Krise abtun. Aber es ist ein wichtiges Symbol. EHEC wird dazu führen, dass ein großer Teil der Konsumenten künftig Nahrungsmittel verstärkt dort kaufen wird, wo sie auch angebaut oder gezüchtet werden. Nicht wenige werden wieder ihr eigenes Gemüse ziehen. Schon jetzt ist absehbar, dass die Zukunft der Energieversorgung den Zwergen gehört und nicht mehr den Energieriesen. Regionale und kommunale Kleinkraftwerke sowie Sonnenkollektoren auf dem Dach werden die wichtigen Spieler sein. Angesichts der jährlich stark steigenden Zahl älterer Menschen, die lange gepflegt werden müssen, ist bereits heute klar, dass diese Pflege weder von gesetzlichen noch privaten Kassen finanziert werden kann. Und jeder, der seine Eltern nicht in eine anonyme Zwangsverwahrung geben will, wird zuhause eine Infrastruktur aufbauen müssen, die menschliche Pflege ermöglicht. Ähnliches gilt für die Bildung, wo schon heute selbst an gut ausgestatteten Schulen die Eltern regelmäßig anrücken müssen, um Klassenräume zu streichen oder Übermittagsbetreuung sicherzustellen.

Die Kommunen werden wieder wichtiger.
Die Kommunen werden wieder wichtiger.(Foto: dpa)

Schließlich gilt der Trend zu Selbstversorgung auch für die Politik. Die Bürger sind desillusioniert über ihre Einflussmöglichkeit via Landtage und Bundestag. Sie fühlen sich von der repräsentativen Demokratie kaum noch repräsentiert. Der Gestaltungsanspruch und -wille der Bürger artikuliert sich nun - und zwar nicht nur in Stuttgart - auf kommunaler Ebene. Und das ist nur folgerichtig. Denn die Kommunen gewinnen in einer Welt der Selbstversorger ein ganz neues Gewicht.

"Small is beautiful", diesen Satz prägte einst der Staatswissenschaftler Leopold Kohr. Er ist Autor des den 50er Jahren erschienenen und heute wieder häufiger zitierten Buches "Das Ende der Großen - zurück zum menschlichen Maß". Anhand vieler Beispiele zeigt er, dass Organisationen, sobald sie eine gewisse Größe überschreiten, schlechter funktionieren als kleinere Einheiten, ja richtiggehend gemeinschaftsschädigend werden. "Die Probleme einer Gesellschaft, die sich über ihre optimale Größe hinaus entwickelt, wachsen also mit der Zeit rascher als die menschliche Fähigkeit, mit ihnen fertig zu werden." Und weiter schreibt er: "Vernünftig ist, was sich verantworten lässt. Verantworten lassen sich Handlungen und Entwicklungen, die überschaubar sind. Deshalb ist vernünftiges Handeln auch nur in überschaubaren Einheiten praktizierbar."

Der Trend zur Selbstversorgung birgt drei Chancen: wirtschaftlich, politisch und menschlich. Wirtschaftlich markiert er einen Wachstumsmarkt. Produkte und Dienstleistungen, die den Menschen erlauben, wieder selbst Dinge in die Hand zu nehmen, die bisher andere übernahmen, werden sich einer wachsenden Nachfrage erfreuen. Darin lohnt es sich zu investieren. Politisch stärkt der Trend die Kommunen. Dies sollte die politische Klasse ernst nehmen und aktiv die direkten Volksrechte in den Gemeinden und Kreisen stärken.

Gewiss, als Selbstversorger werden wir uns in vielen Bereichen aus der Komfortzone begeben müssen, selbst Aufgaben übernehmen, die nicht nur angenehm sind. Doch die Zeiten des Bestellens sind vorbei, und die des Kümmerns brechen an. Die neue Ganzheitlichkeit hat zweifellos ihren Preis. Wir müssen Freizeit opfern. Aber der Ertrag des stärker selbstbestimmten Lebens könnte sein, dass unser Zusammenleben wieder menschlicher wird.

Prof. Dr. Klaus Schweinsberg ist Gründer des Centrums für Strategie und Höhere Führung und Vorstand der INTES Stiftung für Familienunternehmen. Der Volkswirt und Publizist arbeitet als persönlicher Berater für große Unternehmen und Top-Manager.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de