Per SaldoSisyphos lässt grüßen
US-Präsident Obama will den Großbanken Fesseln anlegen. Ob er damit Erfolg haben wird? Ein Blick in die griechische Sagenwelt weckt böse Vorahnungen.
Wäre die Welt gerecht, dann würden an der Wall Street derzeit keine Rekordgewinne erzielt. Doch die Welt ist nicht gerecht, und so verdient nicht nur Goldman Sachs derzeit Milliarden. Hin und hergerissen zwischen Bewunderung und Frustration stutzen wir und stellen uns mit böse blitzenden Augen die Frage: Wie sollen wir das bewerten? Lange müssen wir allerdings nicht grübeln und kommen zu dem Schluss, dass es irgendwie merkwürdig ist, dass diejenigen, die - vorsichtig ausgedrückt - nicht ganz unschuldig an der Finanzkrise sind, gigantische Gewinne einstreichen.
Wie verdienen die Wall-Street-Banken bloß so unglaublich viel Geld? Vor allem, indem sie zweifelhafte Wertpapiere verkaufen und an den Märkten auf eigene Rechnung spekulieren. Dieser Eigenhandel ist verlockend lukrativ, er erinnert an die glorreichen Zeiten vor der Finanzkrise. Bei der US-Regierung schrillen deshalb die Alarmglocken. Präsident Barack Obama will den Banken nun unter anderem verbieten, auf eigene Rechnung zu handeln oder Hedgefonds zu besitzen. Außerdem soll der 600 Billionen US-Dollar schweren Derivatehandel transparenter werden. Eine gigantische Aufgabe - die Frage ist allerdings, ob Obama zum Herkules oder zum Sisyphos wird.
Hauptsache flüssig
Die Branche hält das für keine gute Idee und weist lautstark darauf hin, für dringend benötigte Liquidität zu sorgen. Da ist auch was dran. Dummerweise hat uns die Finanzkrise gezeigt, dass diese Liquidität über Nacht verschwinden kann – und das, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Das weckt fatale Erinnerungen an den Beginn der Finanzkrise, als Banken sich so sehr misstrauten, dass sie sich kein Geld mehr liehen und später die Kreditvergabe an Unternehmen massiv drosselten. Der Wirtschaft drohte der Kollaps.
Doch das ist finstere Vergangenheit, die Gegenwart erstrahlt nun in hellem Licht: Die Branche schwimmt in billigem Geld, das sie sich bei der Zentralbank borgt. Dieses Geld drücken sie ungern dahergelaufenen Firmen in die Hand, die einen Kredit wollen. Satte 80 Prozent seiner Einnahmen erzielt Goldman Sachs in der Sparte Trading and Principal Investments – das ist vor allem der Eigenhandel der Bank.
Houdini lebt
Das Selbstbewusstsein der Branche ist angesichts der satten Gewinne bereits wieder fast so groß wie vor der Krise. Blicken wir in diesem Zusammenhang weiter auf Goldman-Sachs, genauer gesagt auf Vorstandschef Lloyd Blankfein. Der weist die Betrugsvorwürfe gegen seine Bank nicht nur vehement zurück, sondern sieht finstere Mächte am Werk. Er habe das Gefühl, dass die Regierung ihn erledigen wolle, zitiert ihn die "Financial Times". Das Ganze sei komplett politisch motiviert. Die Klage der Börsenaufsicht SEC schade Amerika.
Trösten wir uns: Wir sind nicht die einzigen, die wütend mit den Fäusten schütteln. Im Zorn sind wir vereint mit mächtigen Menschen, die der Wall Street Fesseln anlegen wollen. Leider fühlen wir uns dennoch nicht besser. Denn tief in uns ahnen wir: Egal, wie eng die Fesseln auch sein mögen, die Branche wird sich früher oder später elegant wie der legendäre Houdini herauswinden.
Wem es mit Hilfe konsequenter Finanzmathematik gelungen ist, aus hochgiftigen Wertpapieren das Risiko herauszurechnen, der wird noch mit ganz anderen Sachen fertig. Immerhin hat es die Branche geschafft, Milliardenverluste zu sozialisieren. Und das ganz ohne Finanzmathematik.