Wirtschaft
Freitag, 17. Dezember 2010

Per Saldo: Winter leider ausverkauft

von Samira Lazarovic

Während Schneefronten durch das Land walzen, sind in den Kaufhäusern Handschuhe, Mützen und Schlitten Mangelware. Stattdessen werden erste Frühjahrskollektionen gesichtet. Hatte freie Marktwirtschaft nicht mal etwas mit Bedürfnisbefriedigung zu tun?

Kuckuck! Wo ist sie denn,die schicke Wintermode?
Kuckuck! Wo ist sie denn,die schicke Wintermode?(Foto: REUTERS)

Es ist Winter. Es ist kalt. Verdammt kalt sogar. Wieso gibt es dann keine vernünftigen Kinderhandschuhe mehr zu kaufen? Mützen? Schneeschieber? Schlitten? Alles leider ausverkauft. Wie kann das sein? Wie schafft der Winter es, den Einzelhandel jedes Jahr erneut zu überraschen? Und wer kauft eigentlich schon vor Weihnachten sein Frühjahrs-Outfit?

"Der Kapitalismus mit seiner freien Marktwirtschaft ist am Ende", lautet die düstere These in der Redaktionsrunde, und schon liegen die Beispiele fehlgeleiteter Warenwirtschaft auf dem Tisch: Wo waren die Leuchtstäbe zu St. Martin? Woher jetzt noch vernünftige Winterstiefel für den Neujahrs-Spaziergang nehmen? Und der Eiskratzer ist auch schon wieder kaputt, ohne dass Ersatz in Sicht ist. Hauptsache, die Schoko-Weihnachtsmänner stehen schon wieder seit September im Supermarktregal. Zu den kalten Händen gesellt sich ein bitterer Geschmack im Mund, den auch Lebkuchen und Plätzchen nicht vertreiben können.

Eiskaltes Händchen

War das alles nicht einmal anders gedacht? Als Adam Smith im 18. Jahrhundert erstmals das Modell der freien Marktwirtschaft beschrieb, träumte er davon, dass die Selbstorganisation durch die "unsichtbare Hand" des Marktes dafür sorgt, dass jeder Marktteilnehmer, auch wenn er nur seine Eigeninteressen verfolgt, zum Wohle aller beiträgt. Aber dieses Händchen scheint eingefroren zu sein – oder warum hat der Einzelhandel offensichtlich kein Interesse daran, im Dezember Frostschutzmittel zu verkaufen? Will er kein Geld verdienen? Ein klarer Fall von Marktversagen: Die Wirtschaft kann die knappen Güter, in unserem Fall die gute Winterausrüstung, nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung stellen.

Doch was tun? Muss der Staat jetzt eingreifen? Zweifel kommen hoch, ob es die Bundeskanzlerin schaffen wird, rechtzeitig vor dem Fest gut 82 Millionen Paar Handschuhe zu stricken. Dennoch müssen Antworten her, am besten vom Einzelhandel selber. Dieser reagiert auch sofort – mit einem herzlichen Lachen. "Wenn es mal keine Schlitten gibt, muss man das System nicht gleich in Frage stellen", erklärt Kai Falk, Sprecher des HDE, Handelsverband Deutschland. Der hartnäckige Wintereinbruch habe einfach zu einer regen Nachfrage nach Winterbekleidung geführt, da könne es vereinzelt schon mal zu Engpässen kommen. Die würden aber in der Regel durch mehrere Liefertermine behoben. "Da Lagerhaltung sehr teuer ist, lassen sich die Einzelhändler nicht alles auf einmal liefern. Also einfach abwarten und dann gibt es auch wieder Schlitten."

Aber warum hat der Einzelhandel nicht vom letzten harten Winter gelernt und was hat die Frühjahrskollektion schon in den Läden zu suchen? Wenn er jetzt vom "plötzlichen Wintereinbruch" rede, werde er vermutlich ausgelacht, vermutet Falk ganz richtig. Es sei aber so, dass sich der Einzelhandel bei seiner Lagerhaltung an durchschnittlichen Jahreswerten orientiere. "Wenn Sie beispielsweise für ein Warenhaus planen, das ungefähr 100.000 Artikel hat, können Sie sich vorstellen, wie verantwortungsvoll es ist, dafür zu sorgen, dass alle Artikel zur richtigen Zeit vorrätig sind, ohne die Lager zu sehr zu belasten." Hinzu käme die subjektive Wahrnehmung, dass nie das da sei, was man gerade am dringendsten benötige, dafür alles andere. Die Sichtung der Frühjahrsmode gehörte auch dazu – die sei nämlich noch nicht in den Läden, was man sehe, seien höchstens Zwischenkollektionen, versichert der HDE-Sprecher. "Also: Für Unruhe und Drama gibt es keinen Grund."

Derart beruhigt, fühlen sich die Hände schon wieder viel wärmer an. Wir stellen doch nicht auf Planwirtschaft um, sondern warten, ob die unsichtbare Hand vielleicht nach Weihnachten die schicken Winterstiefel ins Schaufenster stellt. Und fürs nächste Jahr horten wir einfach selbst ein paar Mützen und Handschuhe.

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Quelle: n-tv.de