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Deutsche Bank-Chef Anshu Jain schweigt in der Libor-Affäre beharrlich.
Deutsche Bank-Chef Anshu Jain schweigt in der Libor-Affäre beharrlich.(Foto: picture alliance / dpa)

Skandal um Zins-Manipulationen: Das Schweigen des Anshu Jain

Von Hannes Vogel

Jahrelang sollen Trader von Großbanken, auch der Deutschen Bank, den weltweit wichtigsten Zinssatz Libor manipuliert haben. Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain schweigt beharrlich, obwohl die Vorwürfe seine Zeit als Londoner Investmentbanker betreffen. Kann er von dem Skandal nichts gewusst haben? Er reicht womöglich weiter zurück als gedacht.

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Anshu Jain hat es wirklich nicht leicht. Seit der oberste Investmentbanker der Deutschen Bank zusammen mit Jürgen Fitschen das Ruder übernommen hat, macht er keine besonders gute Figur. Jain meidet die große Bühne: In der bankenkritischen deutschen Öffentlichkeit hat er es schwer, Sympathien zu sammeln. Jain, die "Geldmaschine", der "Regenmacher". Ein neuer Titel könnte bald dazukommen: Jain, der "Schmallippige".

Seit Monaten ermitteln Aufseher in Großbritannien, den USA und Deutschland in einem der größten Bankenskandale aller Zeiten: Händler der Deutschen Bank und anderer Institute sollen zwischen 2005 und 2009 in London den Libor-Zinssatz, auf dem weltweite Geldgeschäfte im Volumen von 500 Billionen Euro beruhen, zu ihren Gunsten manipuliert haben. Die britische Großbank Barclays musste fast eine halbe Milliarde Dollar Strafe zahlen. Auch die Deutsche Bank hat eine Beteiligung einiger ihrer Händler bereits zugegeben. Doch ansonsten schweigt Anshu Jain beharrlich: Die Manipulationen fallen in seine Zeit als Chef-Investmentbanker an der Themse. Was hat er davon gewusst?

Deutsche Bank unter Dauerfeuer

Um die Frage zu klären, hatte der Finanzausschuss des Bundestags Jain eigentlich zu einer Anhörung geladen. Doch Jain sagte ab und schickte nur seinen Vorstandskollegen Stephan Leitner, der für Rechtsfragen zuständig ist. "Herr Jain kneift", kritisierte Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung. Und auch Josef Ackermann hatte eine klare Botschaft an seinen Nachfolger: "Es ist Aufgabe eines Chefs sich dieser Verantwortung zu stellen. Der Chef gehört auf die Bühne."

Die Anhörung geriet damit zu einer Art Gerichtsverhandlung in Abwesenheit des Angeklagten. Die Abgeordneten nahmen Jains Stellvertreter Leitner unter Dauerfeuer. Doch offenbar hatte Jain auch Leitner in Frankfurt ein Schweigegelübde abgenommen. Leitner bekräftigte lediglich die bekannte Linie der Bank: Nur Einzelpersonen hätten sich falsch verhalten, interne Untersuchungen keine Verwicklung aktueller oder früherer Vorstandsmitglieder zutage gefördert. Alle weiteren Fragen blockte Leitner mit Verweis auf die laufenden Untersuchungen der Aufseher konsequent ab. Frustriert warf Lothar Binding (SPD) der Deutschen Bank erhebliche kriminelle Energie vor. "Wir führen hier keine Kreuzverhöre durch", wies die Ausschussvorsitzende Birgit Reinemund (FDP) Binding zurecht. "Genau, deshalb sind wir auch so harmlos", knurrte der SPD-Mann zurück.

Auch Hugo Bänziger, der im Juni mit dem Amtsantritt Jains seinen Posten als Risikovorstand der Deutschen Bank räumen musste, beteuerte: "Der Vorstand hat unmittelbar nach dem Hinweis der Behörden auf die Manipulationen Millionen E-Mails und Finanzdaten gesichert." Er merkte allerdings selbstkritisch an: "Wir haben in der Krise festgestellt, dass nicht alle unsere Kontrollen so gut waren, wie wir dachten." Trotz aller berechtigter Kritik an der Finanzaufsicht sagte Bänziger: "Wenn es einen Verkehrsunfall gibt, ist zunächst einmal der Autofahrer verantwortlich und nicht die Polizei".

Autofahrer und Polizei haben versagt

Der Wahrheit, dass in der Libor-Affäre wohl beide versagt haben, musste Anshu Jains Stellvertreter Stephan Leitner direkt ins Auge sehen.  Denn ihm gegenüber, nur etwas weiter links, saß auf der Besucherbank Douglas Keenan. Keenan war von 1991 bis 1994 Händler bei der US-Investmentbank Morgan Stanley. Im Juli enthüllte er in der britischen "Financial Times", dass die Händler in der Londoner City den Libor-Zinssatz offenbar bereits seit mehr als 20 Jahren manipulieren. Die Aufsichtsbehörden hätten davon gewusst, seien aber nicht eingeschritten: "Hätten sie die Manipulationen 2008 mitten in der Finanzkrise offenbart, hätte das das Bankensystem destabilisieren können", sagte Keenan vor dem Finanzausschuss.

Damals in der Finanzkrise sollen die Banken die Libor-Zinsen künstlich gedrückt haben, um eine Panik auf den Finanzmärkten zu verhindern: Sie verschleierten mit den Niedrigsätzen, dass sie sich eigentlich nur noch zu viel höheren Zinsen gegenseitig Geld liehen, um das Vertrauen der Investoren in ihre Stabilität künstlich aufzupeppen. Doch Keenan behauptet, dass die Händler die Zinssätze lange vorher regelmäßig manipulierten. Das Libor-System war wie geschaffen für den Betrug: Pünktlich um 11:30 Uhr Londoner Zeit meldeten die 18 wichtigsten Banken - darunter die Deutsche Bank - zu welchem Zins sie sich angeblich gerade Geld von anderen Banken leihen konnten. Der Rest der Welt vertraute einfach darauf, dass sie die Wahrheit sagten. Und die Aufseher sahen nicht ganz so genau hin.

Manipulation schon seit den 90er Jahren

Dabei hätte ihnen leicht auffallen können, dass die Zahlen in Wahrheit getürkt waren. Als Keenan 1991 als Händler bei Morgan Stanley anfing, verglich er einfach zwei Bildschirme: Einer zeigte in Echtzeit die Zinsen, zu denen Banken sich gerade gegenseitig auf dem Markt Geld liehen. Der andere zeigte den Libor-Satz, den die Banken dann offiziell dem Rest der Welt verkündeten. Theoretisch hätten beide Zahlen gleich sein sollen. Doch sie waren es nicht. Als Keenan seine älteren Kollegen darauf hinwies, erklärten sie ihm, dass die Banken die Sätze falsch angeben würden, um Handelsgewinne zu kassieren. Unter Händlern sei die Manipulation ein offenes Geheimnis gewesen. "Meine Kollegen amüsierten sich, dass ich mich darüber so aufregte", sagt Keenan heute. "Jeder, der damals mit kurzfristigen Zinssätzen handelte, wusste, dass der Libor manipuliert wurde."

Anshu Jain kam 1995 zur Deutschen Bank. Er war damals kein Händler wie Keenan, aber er verkaufte institutionellen Großkunden Wertpapiere und Derivate, darunter auch Zinsprodukte, die auf dem Libor basierten. Seit 2001 leitete er als Chef-Investmentbanker der Deutschen Bank die Abteilung Global Markets. Die Trader, die den Libor-Satz manipulierten, handelten jahrelang in seinem Verantwortungsbereich. Deshalb muss Jain nicht zwingend von den Manipulationen gewusst haben. Falls doch, wäre er offenbar auch nicht der einzige leitende Investmentbanker gewesen. Doch solange er schweigt, hat die Öffentlichkeit weiter Grund zu zweifeln.

Quelle: n-tv.de