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Frage & Antwort, Nr. 227: Sind Hochbetten zu gefährlich?

von Andrea Schorsch

Wenn Kinder vom Hochbett fallen, dann meist beim Spielen, seltener im Schlaf.
Wenn Kinder vom Hochbett fallen, dann meist beim Spielen, seltener im Schlaf.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mein vierjähriger Sohn hat auf seinem Hochbett Angeln gespielt. Die Brüstung ist hoch, dennoch landete er plötzlich mit einem lauten Knall auf dem Fußboden. Er sah schlimm aus, übersät mit blauen Flecken. Zum Glück hatte er keine Gehirnerschütterung, die Zähne waren auch noch alle drin. Er hatte nur Prellungen und Stauchungen. Dennoch gibt mir dieser Unfall zu denken. Sollte man auf Hochbetten für Kinder besser ganz verzichten? (fragt Harald P. aus Berlin)

Wenn Kinder zu Hause einen Unfall haben, dann sind sie in mehr als 50 Prozent der Fälle gestürzt. Und was für den Säugling der Wickeltisch, ist für die etwas größeren Kinder tatsächlich das Hochbett. In den USA gibt es - das zeigen Daten, die dort zwischen 1990 und 2005 gesammelt wurden – jährlich fast 36.000 Hochbett-Unfälle. Betroffen sind vor allem Kinder unter sechs Jahren.

Für Deutschland liegt keine landesweite Statistik über Hochbett-Unfälle vor. Doch besonders Berliner Kinderchirurgen können ein Lied singen von Verletzungen, die auf das Konto der langpfostigen Betten gehen. In der Bundeshauptstadt sind Raumhöhen von 3,30 Metern keine Seltenheit. Das fordert zum Aufbau eines Hochbettes geradezu auf. Wie sonst sollte man die luftigen Höhen in der Wohnung nutzen? Mit dem Hochbett lässt sich viel Platz sparen. Darunter sind das Geschwisterbett, die Spielecke oder der Schreibtisch angesiedelt. Und davor? Da glänzen die berlintypischen Dielen. Autsch.

In Berlin ist der Sturz aus dem Hochbett unter Schulkindern Ursache Nummer eins für Schädel-Hirn-Traumen. Nicht etwa Treppe, Leiter, Baum oder Klettergerüst führen die Liste an, sondern das Hochbett. Von 386 jungen Patienten, die mit einem Schädel-Hirn-Trauma in die Kindernotaufnahme der Berliner Charité kamen, waren 49 aus dem Hochbett gefallen.

Solche Zahlen erschrecken. Jörg Schriever, Beauftragter für Kinderunfälle des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), weiß dennoch auch Positives zu berichten: "Früher waren es die Doppelstockbetten", sagt Schriever, "an denen war meist nicht mal eine Leiter befestigt, da musste man von der Seite hochklettern, und der, der oben lag, hatte keine Brüstung. Da waren die Sturzunfälle häufig. Inzwischen ist das Sicherheitsbewusstsein generell gestiegen, und so sind auch die Bettkonstruktionen anders geworden. Grundsätzlich hat sich die Zahl der Stürze aus den Betten daher vermindert."

Kinder fallen mit dem Kopf voran

Einer klinikinternen Statistik zufolge führen Klettergerüste seltener zu einem Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma als ein Hochbett.
Einer klinikinternen Statistik zufolge führen Klettergerüste seltener zu einem Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma als ein Hochbett.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schrievers Feststellung ist zwar Fakt, bedeutet aber natürlich keine Entwarnung. "Kinder haben einen relativ schweren Kopf im Verhältnis zum Körper", sagt der Arzt. "Beim Säugling macht er gar ein Drittel des Körpergewichts aus. Deshalb fallen Kinder immer mit dem Kopf zuerst, und deshalb sind Schädel-Hirn-Traumen beim Sturz aus dem Hochbett so häufig."

Um dieser Gefahr zu entgehen, gilt es, einiges zu beachten: "Für Kleinkinder", so Schriever, "sind Hochbetten generell nicht geeignet." Ob man die Grenze bei fünf, sechs oder sieben Jahren ansetzt, hänge nicht zuletzt vom Kindstyp ab. "Kinder, die auch sonst viel fallen", betont der Experte, "sollte man nicht auf ein Hochbett lassen. Auch die, die kein Gefahrenbewusstsein haben oder ihr Eigenrisiko noch nicht richtig einschätzen können, sind fernzuhalten."

Für Schlafwandler, Epileptiker und Kinder mit ADHS ist das Hochbett von vornherein keine Alternative. Ein Schulkind aber, das sicheren Schrittes die Leiter hochklettert und das problemlos eine Treppe mit zwei Stufen runterspringt und so Treffsicherheit, Federung und Reaktionsvermögen unter Beweis stellt, ist für die Nachtruhe auf dem Hochbett ganz gut gerüstet – vorausgesetzt, bestimmte Sicherheitslücken sind geschlossen:

Bei der Anschaffung des Bettes ist auf das GS-Zeichen zu achten. Die Bett-Brüstung muss – gemessen von der Oberkante der Matratze bis zur Oberkante der Brüstung – mindestens 16 Zentimeter hoch sein, empfohlen werden 30 Zentimeter. Wer sich für eine dicke Matratze entscheidet, muss also darauf achten, dass die Brüstung dennoch hoch genug ist. "Und es sollte", so der ausdrückliche Hinweis des Kinderarztes, "keine Sprungfedermatratze auf dem Bett liegen, auf der man hüpfen kann. Der Trampolineffekt ist gefährlich!"

Spielen sollte tabu sein

Dr. med. Jörg Schriever, hier im Einsatz für "Ärzte für die Dritte Welt", war jahrzehntelang Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin im Mechernicher Kreiskrankenhaus. Er ist Beauftragter für Kinderunfälle des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVJK).
Dr. med. Jörg Schriever, hier im Einsatz für "Ärzte für die Dritte Welt", war jahrzehntelang Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin im Mechernicher Kreiskrankenhaus. Er ist Beauftragter für Kinderunfälle des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVJK).(Foto: Schriever / mechernich.de)

Wie der Facharzt weiß, fallen heute die meisten Kinder beim Spielen aus dem Hochbett und nicht mehr, wie früher, schlafend aus dem Bett gedreht. "Spielen auf dem Hochbett würde ich daher verbieten", sagt Schriever. Das Bett sollte zum Schlafen und nur zum Schlafen genutzt werden.

Die Fallzone vor dem Bett ist bei harten Böden mindestens mit einem Läufer zu bedecken, und sie muss frei sein. "Keinen Stuhl vors Bett!", warnt der Mediziner und fährt fort: "Das Bett darf auch nicht zu nah am Fenster stehen, damit das Kind nicht womöglich durch die Scheibe fällt, und es sollten auch keine Kabel oder Gardinenkordeln, mit denen man sich erhängen kann, in der Nähe sein."

Ferner ist darauf zu achten, dass das Bett bündig und fest an der Wand steht, notfalls gedübelt. Denn schlafend zwischen Bett und Wand zu rollen, ist eine weitere Unfallquelle. Sie kann zu Erpressen oder Ersticken führen.

Um zu vermeiden, dass schon beim Hochklettern aufs Bett etwas schiefgeht, sollte die Leiter feststehen und, wie Schriever sagt, "auch eine Treppenstufe haben, die nicht nur aus einem kleinen Rohr besteht. Am besten sind richtige Stufen, auf denen man vergleichsweise einfach rauf- und runtersteigen kann."

Bewusstseinsstörung und Schwappbeule

Und was, wenn das Kind dennoch einmal von der höchsten Stufe oder aus dem Bett fällt? "Jede Bewusstseinsstörung", sagt Schriever, "bedarf der sofortigen Kontrolle!" Eine solche Bewusstseinsstörung muss sich aber nicht sofort einstellen. Es kann durchaus sein, dass das Kind direkt nach dem Sturz noch klar und ansprechbar ist. "Wenn ein Kind zunächst noch gut drauf ist, später aber sagt: 'Mir ist so schlecht' und auch noch müde und apathisch wird", so der Experte, "dann ist das ein schlechtes Zeichen. Das Kind muss dann sofort zum Arzt, denn es könnte eine Hirnblutung dahinter stecken."

Auch eine schwappende Beule erfordert die ärztliche Kontrolle. Sie kann auf einen Schädelbruch hinweisen. Einmal in der Klinik, ermöglichen CT oder MRT die exakte Diagnose. - Doch so weit muss es nicht kommen. Prävention ist möglich.

Übrigens: Kinder, die unter einem Hochbett oder in der unteren Etage eines Doppelstockbettes schlafen, sind, wie eine Studie ergeben hat, etwas höher asthmagefährdet. Das liegt daran, dass die Staubbelastung für den unten Schlafenden höher ist. Denn von oben staubt es durch die Bewegungen des dort Liegenden durch die Matratze durch.

Quelle: n-tv.de

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