Wissen
Dienstag, 24. März 2015

Frage und Antwort, Nr. 371: Kann unser Gehirn irgendwann voll sein?

Von Fabian Maysenhölder

Manchmal habe ich das Gefühl, in meinen Kopf passt nichts mehr hinein. Irgendwann muss es doch einmal so weit sein, dass ich für jede neue eine alte Information "löschen" muss. Kann unser Gehirn irgendwann voll sein? (fragt Olaf Z. aus Freiburg)

Die 3D-Ansicht eines Gehirns zeigt die Verbindungen zwischen mehreren verschiedenen kortikalen Arealen.
Die 3D-Ansicht eines Gehirns zeigt die Verbindungen zwischen mehreren verschiedenen kortikalen Arealen.(Foto: Allen Institute for Brain Science)

Bei einer Festplatte kennen wir die Speicherkapazität. Und wenn diese ausgereizt ist, weigert sich der Datenträger, weitere Informationen aufzunehmen. Doch in unserem Kopf funktioniert das anders. Der Neurologe Emrah Düzel vom Deutschen Zentrum für Neurogenerative Erkrankungen (DZNE) erklärt, dass unser Gehirn nicht mit einer Festplatte vergleichbar ist – im Gegensatz zu einem starren Speichersystem ist unser Denkorgan sehr dynamisch. Wenn wir etwas Neues lernen, verändert sich unser Gehirn: In bestimmten Regionen entstehen neue Nervenzellen und neue Verbindungen zwischen den Zellen. "Damit verändert sich auch die Kapazität unseres Gehirns", so Düzel. Das Gehirn zu fordern, etwa beim allseits bekannten "Gehirnjogging", hat tatsächlich Auswirkungen.

Dieser Unterschied zwischen Festplatte und Gehirn hat für unsere Frage Konsequenzen. Düzel bringt sie auf den Punkt: "Das ist die falsche Frage." Weil unser Denkorgan so grundlegend anders funktioniert als das, was wir von digitalen Speichern kennen, stellt sich die Frage nicht, ob es irgendwann voll sein könnte. Düzel formuliert die aus neurobiologischer Sicht viel spannendere Frage: "Man müsste sich eher wundern, warum es uns so schwer fällt, unser Gehirn aufzufüllen." Ja, warum vergessen wir überhaupt?

Perfekte Erinnerung? Eine Katastrophe!

Dass wir uns nicht perfekt und bis ins Kleinste an alles erinnern können, was wir erleben, ergibt aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn. "Alles, was wir erleben, wird in unserem Gehirn codiert", sagt Düzel. "Stellen Sie sich nun einmal ein System vor, dass das perfekt abspeichert."

Ja, stellen wir uns einmal vor: Jede Berührung, jedes Geräusch, jedes Bild - alles, was wir in einem Moment empfinden, wird verlustlos abgespeichert. Das hieße, es würde keinen Unterschied ergeben, ob wir etwas tatsächlich erneut erleben oder uns nur an ein einmaliges Erlebnis erinnern. Die Erinnerung würde reichen; sie wäre absolut real. "Eine evolutionäre Katastrophe", kommentiert Düzel das von ihm gezeichnete Szenario. "Man würde sich permanent in der Erinnerung bewegen. Es gäbe überhaupt keine Motivation mehr, eine Situation nochmal zu erleben - schließlich bringt es keine zusätzliche Qualität."

Vergessen hat viele Vorteile

Keine Frage: Für soziales Verhalten, Nahrungsaufnahme oder Fortpflanzung wäre das evolutionär fatal. Düzel: "Es ist gut, dass unsere Erinnerungen gut genug sind, um uns attraktive Erlebnisse schmackhaft zu machen - aber eben nicht zu gut. So sind wir genügend motiviert, Dinge nochmal erleben zu wollen."

Und auch andersherum wird ein Schuh daraus - wenn man sich dasselbe Szenario mit Schmerzen vorstellt. "Es ist gut, dass man sich erinnert, dass etwas schmerzhaft und unangenehm war- aber eben nicht erinnert, wie schlimm es genau war", führt Düzel aus. Sich zu 100 Prozent an eine Schmerzsituation zu erinnern, die Schmerzen also immer wieder in gleicher Intensität zu durchleben - das möchte niemand. Auch wenn uns das oft anders vorkommt: Vergessen hat viele Vorteile.

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Quelle: n-tv.de

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