Wissen

Frage & Antwort, Nr. 210: Was tat man früher gegen Zahnweh?

von Fabian Maysenhölder

Brachiales Vorgehen: ein Zahnbrecher auf einer Darstellung von 1568.
Brachiales Vorgehen: ein Zahnbrecher auf einer Darstellung von 1568.

Ich gehe äußerst ungern zum Zahnarzt – aber wenigstens haben wir heute ja jemanden, der im Ernstfall etwas gegen die Schmerzen unternehmen kann. Was aber haben die Leute früher getan, als es noch keine Zahnärzte gab? (fragt Günther L. aus Rosenheim)

Dieses durchdringende, schrille Bohrergeräusch, wenn der Bohrkopf des Doktors auf den Zahn trifft – ist es nicht schön? Davon blieben unsere Vorfahren verschont, denn mit Bohrern im Mundraum agierte man vor einigen Jahrhunderten sicherlich noch nicht. Dennoch: Die Schmerzen, die wir heute bei entzündeten Zahnwurzeln oder Karies haben, waren auch den mittelalterlichen Menschen bekannt. Und sie griffen zu vergleichsweise rabiaten Methoden, um dem Elend ein Ende zu setzen.

Dabei muss man zunächst unterscheiden zwischen Ursachenbekämpfung und Schmerzbehandlung. "Opium war seit der Antike bekannt – und wurde in unterschiedlichen Formen gegen Zahnschmerzen eingesetzt", erklärt Professor Michael Stolberg von der Universität Würzburg. Nicht selten seien es sogar lokale Anwendungen gewesen. "Dabei wurde das Opium so präpariert, dass man es auf das Zahnfleisch streichen konnte", so der Medizinhistoriker.

Ein weiteres sehr verbreitetes Mittel seien Gewürznelken gewesen, die durch ihre betäubende Wirkung gegen den unangenehmen Schmerz halfen. Neben Opium und Nelken war das Spektrum an Medikamenten aber sehr breit: "Im Allgemeinen lässt sich sagen: Die Apotheken zur Zeit des ausgehenden Mittelalters waren sehr gut bestückt. Eine gewöhnliche Apotheke hatte Hunderte von Heilmitteln – vor allem Schmerzmittel waren natürlich sehr beliebt", erklärt Stolberg.

Rabiate Methoden gegen die Ursachen

Michael Stolberg ist Professor für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg.
Michael Stolberg ist Professor für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg.(Foto: Stolberg / Universität Würzburg)

Schmerzen sind eine Sache. Ist man sie los, hat man aber in der Regel noch nichts gegen die Ursache getan. Und um diese zu bekämpfen, zeigten sich die Menschen damals nicht besonders zimperlich. "Es gab damals allerlei Zahnheilkundige im weitesten Sinne. Auf Volksfesten gab es häufig Stände, an denen man sich seine Zähne ziehen lassen konnte. Das war sehr verbreitet, und häufig das Einzige, was man machen konnte." Brachial, aber nachvollziehbar – was wehtut, muss weg. Der Professor erzählt noch von einer weiteren Methode, die ebenfalls verbreitet war: "Wenn der Zahn hohl wurde und dann sehr weh tat, hat man ihn ausgebrannt. Rückblickend kann man sagen, dass so offenbar der Nerv getötet wurde."

Es gab aber auch noch andere Ansätze, die weniger – im wahrsten Sinne des Wortes – radikal waren. "Zahnschmerzen wurden damals anders verstanden als heute", sagt Stolberg. "Die beiden wichtigsten Erklärungen für die Schmerzen waren 'Würmer' und 'Flüsse'." Die Wurm-Erklärung, die eher im Volk verbreitet gewesen sei, ist gut nachvollziehbar. Kaputte Zähne sehen unter Umständen zerfressen aus. Da ist es naheliegend, dass Würmer dafür verantwortlich sein könnten. "Mittel gegen Wurmbefall gab es zuhauf. Neben Medikamenten wurden allerlei 'magische' Therapien angewandt: Zahnwurmsegen durch Heiler etwa sind ein verbreitetes Genre. Oder es wurde versucht, das Zahnweh mit magischen Ritualen auf Bäume oder Tiere zu übertragen. Für uns heute eine ganz fremde Welt."

Schädlicher Materie-Fluss

Ein anderes Konzept, das von mittelalterlichen Zeiten bis ins 19. Jahrhundert hinein als Erklärung für Krankheiten aller Art herhalten musste, war die Vorstellung, dass Krankheiten durch schädliche Materie im Körper hervorgerufen werden. "Man nahm an, dass diese Materie dann Schmerzen verursacht - je nachdem, wo sie sich im Körper ansiedelt." Und wenn der Materiefluss vom Kopf ausgehe, fließe er in die Zähne und verursache Schmerzen, erklärt Stolberg. "Dann ist es nur logisch, zu versuchen, diesen Fluss irgendwie rauszukriegen. Das kann man dann chirurgisch machen, indem man etwa das Zahnfleisch anritzt." Oder aber – für uns heute schwer nachvollziehbar - man verabreichte Abführmittel. Der Experte erläutert: "Das war der Versuch, den schädlichen 'Saft' von den Zähnen weg zu ziehen und nach außen abzuleiten."
"Recht verbreitet war auch, bei Zahnschmerzen ein Brenneisen hinter ein Ohr zu setzen. So entstand später ein Geschwür, aus dem man 'Krankheitssaft' ablassen konnte - in der Hoffnung, damit den Zähnen diese schädliche Materie zu entziehen." Autsch, das klingt schmerzhaft. Und das war es auch, bestätigt Stolberg. "Aber es hatte eine innere Logik, wenn man die Schmerzen auf einen solchen Fluss schädlicher Materie zurückführt."

Aber haben all diese Prozeduren auch geholfen? "Schwer zu sagen", räumt der Mediziner ein. "Aber es gibt sehr viele Berichte davon, dass es geholfen hat." Das sei aber ein häufiges Phänomen in der vormodernen Medizin. "Die Patienten waren häufig sehr angetan von bestimmten Therapien, dann ging es ihnen auch besser." Rückblickend könne man sagen: Das lag vermutlich nicht daran, dass die jeweilige Therapie selbst so wirksam war. Schmerzen gehen manchmal auch "von selbst" wieder weg. Aber, so Stolberg: "Diese Mittel und Rituale galten eben als bewährt."

Übrigens: Auch heute noch werden Gewürznelken in der Naturheilkunde als bewährtes Mittel gegen Zahnschmerzen empfohlen. Die darin enthaltenen ätherischen Öle entfalten sich bei langsamem Zerkauen in der Nähe des schmerzenden Zahnes. Ihnen wird eine antibakterielle und betäubende Wirkung zugeschrieben. Schon im Alten China und in Ägypten wurden sie in allen möglichen Bereichen angewandt; die Araber brachten das Gewürz schließlich nach Europa. Im Mittelalter war das Gewürz enorm wertvoll und galt zu manchen Zeiten sogar als Statussymbol.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Haben auch Sie eine Frage und suchen nach der Antwort?

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Video-Empfehlungen
Empfehlungen