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Zunächst umkreiste der Mond die Erde in einem Abstand von nur 60.000 Kilometern. Die Gezeitenkräfte müssen entsprechend groß gewesen sein.
Zunächst umkreiste der Mond die Erde in einem Abstand von nur 60.000 Kilometern. Die Gezeitenkräfte müssen entsprechend groß gewesen sein.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Frage & Antwort, Nr. 231: Was wäre die Erde ohne Mond?

Von Andrea Schorsch

Er ist immer da und droht ja auch nicht zu verschwinden. Meine Frage ist also etwas konstruiert. Dennoch wüsste ich gern: Ist der Mond eigentlich für irgendetwas gut? (fragt Dirk W. aus Oldenburg)

Als steter Begleiter der Erde bringt er Licht ins Dunkel, ist Kulisse für romantische Nächte, hält Meere in Bewegung und lockt Kinder auf die Welt (davon sind zumindest Hebammen oft überzeugt, jeder Statistik zum Trotz). Doch auch ohne den Mond, diesen natürlichen Satelliten der Erde, ließe sich wohl gut leben. Oder etwa nicht?

Klare Antwort: Nein.
Der Mensch müsste auf weitaus mehr verzichten als auf Vollmondnächte und Wattwanderungen – wenn es den Menschen ohne Mond überhaupt gäbe. Denn dem farblosen Trabanten, der nur etwa ein Viertel so groß ist wie der Globus und der mehr als 380.000 Kilometer entfernt um die Erde kreist, ist das Leben auf diesem Planeten zu verdanken.

Gäbe es den Mond nicht, würde sich die Erdkugel dreimal schneller um ihre eigene Achse drehen als jetzt, denn der Mond bremst mit seiner Anziehungskraft die Erdrotation. Ohne den Trabanten wäre der Tag auf der Erde also acht Stunden kurz. Innerhalb dieser Zeit hätte die Erdkugel eine Umdrehung vollendet. Und das hat Folgen: Auf einem Planeten, der so schnell rotiert, wären die Windbewegungen sehr viel, stärker als wir sie kennen. Mit 300 bis 500 Kilometern je Stunde würden die Orkane über die Erde hinwegfegen.

Klima schlüge Purzelbäume

Das allein klingt lebensfeindlich genug. Doch es käme noch schlimmer: Ohne Mond lägen die Temperaturen in Mitteleuropa im Sommer bei etwa 60 Grad Celsius, im Winter bei klirrenden minus 50 Grad. In der warmen Zeit ginge die Sonne monatelang nicht unter, die kalte Zeit wäre von ebenso anhaltender Dunkelheit begleitet. In den Polregionen wäre es gar satte 80 Grad heiß, in Äquatornähe dagegen versänke alles unter Eis und Schnee. Einstweilen zumindest. Dann wäre irgendwann alles wieder ganz anders. Das Klima würde nämlich Purzelbäume schlagen.

So sähe es möglicherweise in den heute tropischen Gebieten aus - wenn es den Mond nicht gäbe.
So sähe es möglicherweise in den heute tropischen Gebieten aus - wenn es den Mond nicht gäbe.(Foto: picture alliance / dpa)

Wieso? Der Mond sorgt mit seiner Anziehungskraft dafür, dass der Neigungswinkel der Erdachse über Jahrzehntausende hinweg stabil bleibt und höchstens zwischen 22 und 25 Grad pendelt. Heute liegt er bei 23,5 Grad. Die Erde ist vielerlei Gravitationskräften ausgesetzt: Die Anziehungskraft der Sonne wirkt genauso auf sie ein wie die Anziehungskraft großer Planeten, namentlich Saturn und Jupiter. Diese Einflüsse sind so groß, dass die Erde ohne ihren Trabanten ins Trudeln geriete. Ihre Achsenneigung würde zwischen 0 und 85 Grad schwanken. Alle paar Millionen Jahre würde die Erde kippen. Bei einem Neigungswinkel von 60 Grad oder mehr wäre das Klima ein solches wie oben beschrieben – solange, bis die Erde wieder schwankt.

Dass sich das irdische Klima stabilisieren konnte und damit Leben ermöglichte, ist maßgeblich auf den Mond zurückzuführen. Zahlreiche Tierarten haben sich seither in Abhängigkeit vom Mond entwickelt. Sie orientieren sich nachts an seinem Licht oder brauchen die fahle Beleuchtung, um überhaupt aktiv zu werden.

Lebensunterstützende Einflüsse

Und dann sind da natürlich noch die Gezeiten. Auch die Sonne, die 400 Mal weiter als der Mond von der Erde entfernt ist (rund 150 Millionen Kilometer), zerrt durch ihre riesige Masse an unseren Ozeanen - allerdings nur etwa halb so stark. Hätten wir keinen Mond, wäre die Wasserbewegung gering und der Austausch mineralischer Nährstoffe in den Weltmeeren folglich deutlich reduziert oder gar verhindert. Ohne den Trabanten hätten Ozeane und Küstengebiete nie so artenreich werden können, wie sie es sind. Manch ein Meeresbewohner richtet sein Leben nach den Gezeiten aus: Meeresschildkröten und Pfeilschwanzkrebse etwa lassen sich mit der Flut an Land spülen, um dort ihre Eier abzulegen.

Die Gezeiten zeigen deutlich, wie stark die Anziehungskraft des Mondes ist. An der kanadischen Atlantikküste beträgt der maximale Tidenhub zuweilen stolze 21 Meter. Auch die Erdkruste verformt sich durch die lunare Gravitation. Deutschland etwa hebt sich bei Vollmond um etwa einen halben Meter. Das ist weder sichtbar noch zu spüren, doch dieser Vorgang führt dazu, dass es bei Voll- und Neumond häufiger zu Erdbeben kommt. Statistiken beweisen es.

So weitreichend und lebensunterstützend der Einfluss des Mondes auf die Erde auch ist: Irgendwann wird der blaue Planet seinen Trabanten verlieren. Der Mond entfernt sich von der Erde – langsam, aber stetig. Zurzeit rückt er jährlich um fast vier Zentimeter von uns ab. Seine Auswirkungen auf die Erde verringern sich also nach und nach, irgendwann werden die Kräfte von Sonne, Saturn und Jupiter dominieren. Dann kippt die Erdachse unweigerlich in lebensfeindliche Positionen. Doch wir können beruhigt sein: Das dauert noch etwa eine Milliarde Jahre.

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Quelle: n-tv.de

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