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Fundsache, Nr. 498: Untergegangene Stadt Nienover

Die 1992 im Solling (Kreis Northeim) wiederentdeckte und im Hochmittelalter untergegangene Stadt Nienover hat nach Ansicht des Landesdenkmalamts einzigartige Erkenntnisse für die Stadtarchäologie gebracht. Das Amt stellte am Montag in einem rekonstruierten mittelalterlichen Haus in Nienover den 378-seitigen Bericht der Grabungsleiterin Sonja König vor. Darin beschreibt die Wissenschaftlerin den Ort als eine der größten unüberbauten Stadtwüstungen Mitteleuropas. Die zwischen 1190 und 1210 planmäßig errichtete Stadt am Fuß der hundert Jahre älteren Burg war trotz einer doppelten Graben- und Wallanlage in zwei Kriegen 1220 und 1270 zerstört und von seinen Bewohnern verlassen worden. 2005 hat das Land das Areal verkauft. Archäologen haben keinen Zugang mehr.

Die in Vergessenheit geratene Stadt gehört nach dem Experten-Bericht zu den bedeutenden mittelalterlichen Residenzen in Norddeutschland. In vielen der rund 25 ausgegrabenen, zumeist zweigeschossigen Gebäude sei Erz aus dem Solling und Harz zu Rüstungen, Waffen, Ackergeräten, Werkzeugen oder Nägeln verarbeitet worden, berichtete König. Auch eine Glockengießerei und eine Gold- und Silberschmiede wurden freigelegt. Münzfunde auf dem zehn Hektar großen Stadtgebiet weisen auf Handelsbeziehungen zwischen dem Ostseeraum, England und dem Rheinland hin. Die breiten Spuren schwerer Transportwagen wurden auf den gepflasterten Straßen gefunden.

Wüstenforschung in Niedersachsen

"Wüstungsforschung ist eine große Herausforderung für die niedersächsische Bodendenkmalpflege", versicherte der niedersächsische Landesarchäologe, Henning Haßmann, bei der Präsentation des Berichts. "Andere Städte sind längst überbaut. Nienover ist eine einmalige Chance gewesen, in das Mittelalter zu sehen."

Prof. Hans-Georg Stephan ( Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), der die in der Neuzeit nicht mehr bekannte Wüstung wiederentdeckt und zwölf Jahre lang erforscht hatte, bedauerte allerdings, dass die Grabungskampagne "durch unbedachtes Handeln" des niedersächsischen Finanzministers Hartmut Möllring (CDU) abgebrochen werden musste. "Das Land hat das skandalumwitterte Schloss zu einem Schleuderpreis an eine Pferdezüchterin aus den Niederlanden verkauft", ohne sich das Vorrecht zu sichern, die wissenschaftlichen Arbeiten zu Ende führen zu können, kritisierte der Wissenschaftler. Dies sei "ein einmaliger Vorgang in Deutschland".

Die CDU-Regierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht hatte das Stadtgelände mit der zum Schloss umgebauten ehemaligen Burg in den 70er Jahren zunächst an einen Schwindler aus Texas verkaufen wollen. Nachdem Einbrecher das Schloss ausgeplündert und historische Möbel und Gemälde gestohlen hatten, sei auch noch eine kostbare Wandverkleidung versehentlich verheizt worden, berichtete Stephan.

Bis zum Verkauf des danach mit Millionenaufwand restaurierten Schlosses hatten einige Wildtierforscher der Universität Göttingen in dem riesigen Gebäude gearbeitet. Auch die von privaten Spendern wie dem früheren Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD) und dem Göttinger Verleger Tete Böttger finanzierte Untersuchung des 40 Meter tiefen Brunnens wurde nach Angaben des Archäologen "von der neuen Besitzerin untersagt". Ein Großteil der rund 150 Häuser konnte archäologisch nicht mehr erforscht werden.

Quelle: n-tv.de

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