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"Arme Schweine": Szenarien für Fukushima

von Fabian Maysenhölder

Erschreckende Bilder erreichen die Welt aus Japan. n-tv.de spricht mit zwei Experten über den "Best Case" und den "Worst Case" nach der Katastrophe in Japan und erfährt, warum die Auswirkungen deutlich verheerender sein könnten als in Tschernobyl.

Das AKW Fukushima vor dem Unfall.
Das AKW Fukushima vor dem Unfall.(Foto: AP)

Die Konsequenzen des atomaren Unfalls in Japan sind verheerend. Niemand weiß zwar, was genau passieren wird. Sicher ist nur: Es gibt schon jetzt unumkehrbare Schäden. Die Welt hat Angst vor einem atomaren Super-GAU, die Behörden vor Ort setzen alles daran, zu retten, was zu retten ist. Was kann aber im schlimmsten Fall passieren – nach allem, was bisher bekannt ist? Was ist das "Worst Case" Szenario in Japan? Und auch die umgekehrte Frage stellt sich – wie viel Schaden ist schon angerichtet? Was, wenn man die Lage jetzt in den Griff bekommt – was ist also der "Best Case"?

"Worst Case"

Das schlimmste Szenario bei einem Super-GAU ist die komplette Kernschmelze: Die Brennstäbe überhitzen so sehr, dass ein unkontrollierbares Gemisch aus radioaktivem Spaltmaterial und Metall entsteht. Was dann passiert, kann niemand sagen: Es könnte etwa zu Explosionen kommen. Oder das bis zu 2000 Grad heiße Gemisch frisst sich durch die Schutzhülle, die den Reaktorkern umgibt.

Ausrangierte Brennstäbe hinter Bleiglas.
Ausrangierte Brennstäbe hinter Bleiglas.(Foto: dapd)

Hans-Josef Allelein ist Professor am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und –technik an der RWTH Aachen. Mit Spekulationen hält er sich zurück; zu viele Faktoren spielen eine Rolle, will man die Auswirkungen eines Atom-Unfalls skizzieren. Durch die Explosionen in Block 2 des AKW Fukushima sei etwa unklar, wie schwer die Reaktorbehälter beschädigt seien, meint der Experte im Gespräch mit n-tv.de.

Je nachdem, wie dick das Betonfundament unter der Anlage ist, sei es auch nicht auszuschließen, dass die Schmelze in direkten Kontakt mit dem Erdboden kommt – und sich in die Erde hineinfrisst.

Doch was kann man tun, um die Menschen dort zu schützen? "Evakuieren", sagt Allelein. "Und zwar großräumig." 10, 20 Kilometer reichen nicht aus, glaubt der Fachmann. "Die Spaltprodukte werden sicherlich weiter weg getragen."

Das Szenario "Kernschmelze" und die Auswirkungen

Ob die gesundheitlichen Auswirkungen so schlimm werden wie in Tschernobyl -oder gar schlimmer - lässt sich momentan nicht sagen.
Ob die gesundheitlichen Auswirkungen so schlimm werden wie in Tschernobyl -oder gar schlimmer - lässt sich momentan nicht sagen.(Foto: dapd)

Gehe man vom schlimmsten Fall aus - dass es sich nach der Explosion um ein "offenes System" handelt – warnt Allelein: "Wenn es zu einer Kernschmelze kommt, fürchte ich, dass es zu einer sehr hohen Spaltproduktfreisetzung kommt." Spaltprodukte sind die Nuklide, die bei einer Kernspaltung entstehen - etwa Jod, Cäsium, Uran und Plutonium.

Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, skizziert den schlimmsten Fall ähnlich: "Am schlimmsten wäre, wenn nicht nur ein Reaktorgefäß undicht wird, sondern alle auseinanderbröckeln." Das sei nicht ungewöhnlich bei Kernschmelzen. Er gibt zusätzlich noch den Aspekt zu bedenken, dass die Brennstäbe nicht direkt mit Wasser in Berührung kommen dürften. "Dann gäbe es eine Dampfexplosion, die die letzten Reste dieser Strukturen zerfetzt. Aber so weit sind wir noch nicht ganz", meint der Physiker.

Fukushima ist nicht Tschernobyl

Immer wieder wird gesagt, Fukushima sei nicht mit den Vorfällen 1986 in Tschernobyl vergleichbar. Sicherlich ist das richtig, betrachtet man die Vorgänge, die zum Super-GAU führten. Pflugbeil jedoch stellt klar, dass eine solche Aussage nicht positiv sein muss. "Die zu erwartenden Gesundheitsschäden werden im schlimmsten Fall deutlich größer sein als in Tschernobyl", sagt er.

Der große Unterschied liege in der Verbreitung der radioaktiven Strahlung. In Tschernobyl habe es gebrannt, sodass die Radioaktivität in 10, 15 Kilometer Höhe getragen worden sei. Pflugbeil: " In Japan brennt es nicht. Das hat folgenden Effekt: Wenn die Reaktorgefäße kaputt gehen und das Innere so freigesetzt wird, dann wird das nicht so hoch steigen wie in Tschernobyl. Es wird flacher bleiben. "

Das allerdings hört sich nur im ersten Moment beruhigend an. Die Auswirkungen wären katastrophal – zwar würden sich die Partikel nicht über die ganze Nordhalbkugel verteilen. Dafür würde es Japan selbst aber umso heftiger treffen. Ein Land, dessen Bevölkerungsdichte um ein Vielfaches höher sei als jene in der Gegend um Tschernobyl. "Stellen Sie sich vor: Falls es dazu kommt, dass eine dicke radioaktive Wolke nach Tokio zieht – da leben 36 Millionen Menschen! Man kann gar nicht fassen, was das bedeuten würde", sagt der Physiker. Die Menschen dort würden in einem sehr hohen Ausmaß an Späterkrankungen leiden. Im Moment sei es zwar noch nicht so weit. "Aber die Prognose ist nicht gut – und sie wird von Tag zu Tag schlechter."

Schutzanzüge helfen nichts

Schon jetzt sind die Arbeiter, die vor Ort in Fukushima versuchen, das Schlimmste zu verhindern, einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Zeitweise wurden sie aufgrund zu hoher Strahlenwerte gar aus dem Atomkraftwerk abgezogen. Pflugbeil findet klare Worte. "Das sind wirklich arme Schweine. Diese Menschen haben mit Sicherheit schon erhebliche gesundheitliche Schäden."

Schutzanzüge helfen nicht gegen Strahlung.
Schutzanzüge helfen nicht gegen Strahlung.(Foto: AP)

Die Arbeiter seien dieser Situation schutzlos ausgeliefert – denn Schutzanzüge helfen nicht gegen radioaktive Strahlung. "Hoffentlich haben sie Gasmasken an, die helfen wenigstens, dass man Partikel nicht einatmet. Aber die Edelgase, die da freiwerden, die hält auch eine Maske nicht ab", sagt der Physiker nüchtern. Warum überhaupt noch Menschen vor Ort sind, sei ihm ein Rätsel. "Die Anlage ist Schrott - ob die da noch Leute verheizen oder nicht. Und irgendwann wird sie auch die Phantasie verlassen, was man da noch machen kann. "

Und der "Best Case"?

Viel Schaden ist schon entstanden – und der ist irreversibel. 400 milliSievert pro Stunde wurden schon im Umkreis Fukushimas gemessen. "Da gibt es zwangsläufig Strahlenschäden", sagt Allelein. "Auf dem Boden im näheren Umkreis des AKW wird die nächsten Jahrzehnte niemand die Kühe auf die Weide bringen", ist sich der Experte sicher.

Daran führt kein Weg mehr vorbei. Selbst wenn es gelingen sollte, die Brennstäbe jetzt ausreichend zu kühlen, wird die Umgebung des AKW für lange Zeit eine Sperrzone bleiben. Doch bei aller Hoffnung beschwichtigt der Physiker Pflugbeil: "Im besten Fall gehen zwar die Reaktorfäße nicht kaputt, und man schafft es, die Kernschmelze im Reaktor zu halten. Allerdings", so Pflugbeil, "muss man schon sehr optimistisch sein, um das ernsthaft zu glauben."

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Quelle: n-tv.de