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Ligun und Wlassow in Potsdam.
Ligun und Wlassow in Potsdam.(Foto: S.Bach/n-tv.de)

Hochachtung für die Männer von Fukushima: Tschernobyl-Liquidatoren erinnern sich

von Solveig Bach

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl liegt 25 Jahre zurück und gewinnt durch die Vorgänge in Fukushima schreckliche Aktualität. Das sehen auch die Männer so, die damals im "Atomsturm" von Tschernobyl standen.

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die Mikola Wlassow und Anatoli Ligun in diesen Tagen unternehmen. Sie waren zwei von mehreren hunderttausend "Liquidatoren", die nach der atomaren Katastrophe von Tschernobyl bei Rettungsarbeiten eingesetzt wurden. Jetzt begleiten sie die Ausstellung "25 Jahre nach Tschernobyl - Menschen. Orte. Solidarität" des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund. Als sie sich bereit erklärten, sich dazu befragen zu lassen, von Schulklassen, aber auch von Journalisten, war der Tschernobyl-Jahrestag ein einfaches Kalenderblatt. Plötzlich ist er wegen der Ereignisse in Japan wieder schrecklich aktuell.

Ligun (Mitte) während seines Einsatzes in Tschernobyl.
Ligun (Mitte) während seines Einsatzes in Tschernobyl.(Foto: S. Bach/n-tv.de)

Ligun und Wlassow sitzen in Potsdam in einem Nebengebäude des Landtages, es ist ein grauer Tag, nur wenige Besucher verirren sich in die Ausstellung. Wer hier vorbeischaut, lehnt Atomkraft wahrscheinlich ohnehin ab und hat persönliche Erinnerungen an 1986.

Abflug in die Apokalypse

Beide Männer wurden als Offiziere in den Tschernobyl-Einsatz abkommandiert. In ihrer Welt sind Pflicht und Ehre wichtige Kategorien. Wenn man sie nach den fünfzig Mann fragt, die jetzt in Fukushima versuchen, das Schlimmste zu verhindern, haben Gefühle wenig Raum. Ligun jedenfalls wird sofort pragmatisch: "Den Einsatz der 50 Männer in Fukushima muss man sehr hoch einschätzen. Gleichzeitig muss man darauf achten, dass sie nicht zu lange radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Man muss sie immer wieder durch andere Experten ersetzen."

Ligun arbeitete vom 2. Juni bis zum 29. Juni 1986 als stellvertretender Chef einer operativen Einheit in der Zone 3.
Ligun arbeitete vom 2. Juni bis zum 29. Juni 1986 als stellvertretender Chef einer operativen Einheit in der Zone 3.(Foto: S. Bach/ n-tv.de)

Den Vergleich zu ihrem Einsatz vor 25 Jahren würden sie dennoch nicht so einfach ziehen. Ligun gibt zu bedenken, dass die Männer in Fukushima keine Liquidatoren sind. "Das ist ja das Personal des Atomkraftwerks. Das sind Spezialisten, die genau wissen, in welcher Gefahr sie sich befinden." Das zumindest unterscheidet sie von vielen, die damals in Tschernobyl zum Einsatz kamen. Sie verfügten gerade einmal über allgemeines Wissen über Radioaktivität und wussten lediglich, dass der atomare Prozess in Tschernobyl irgendwie außer Kontrolle geraten war.

Dienst am Vaterland

Dennoch fühlen sie sich mit den japanischen Spezialisten verbunden. Wlassow erinnert sich: "Wir hatten Angst, aber in erster Linie sind wir dorthin gegangen, um unsere Kinder und unser Land vor dieser Katastrophe zu schützen. Das wird den japanischen Spezialisten jetzt auch nicht anders gehen."

Wlassow war unter anderem für die Evakuierung der Stadt Pripjat verantwortlich.
Wlassow war unter anderem für die Evakuierung der Stadt Pripjat verantwortlich.(Foto: S. Bach/n-tv.de)

Die Belastungen durch die Arbeit unter dem Einfluss der radioaktiven Strahlung waren enorm. Jeder der Liquidatoren habe sie anders empfunden, erzählen sie. Ligun wurde heiser, bekam Herzschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Wlassow hatte schon vor seinem Einsatz eine Gastritis und kämpfte mit Übelkeit. Ihm werden später zwei Drittel des Magens entfernt. Während des Einsatzes war für gesundheitliche Bedenken kaum Raum. Irgendwie konnten sie gar nicht mehr richtig denken, ob als Folge der Strahlung oder der hohen Arbeitsbelastung, darüber wollen beide nicht spekulieren.

Keine nationale Entscheidung

So viele Jahre nach ihrem Einsatz im "Atomsturm" denken sie auch grundsätzlich über die Kernkraft nach. Ligun betont, dass die "tragische Ereignisse von Japan zeigen, dass man sehr verantwortungsbewusst mit der Kernenergie umgehen muss. Es zeigt auch, dass schon bei der Entscheidung über den Bau von AKW sehr wählerisch vorgehen muss. In Gebieten, in denen es seismische Aktivitäten gibt oder in denen Tsunamis drohen, sollte man keine AKW bauen." Ginge es nach den Liquidatoren von Tschernobyl würden nicht mehr einzelne Länder oder Investoren über den Bau von Kernkraftwerken entscheiden, sondern internationale Gremien.

Und die Menschen überall auf der Welt würden noch viel mehr über Tschernobyl erfahren, denn "davon wissen sie noch immer viel zu wenig". Offiziell beziffert die IAEA die Zahl der Tschernobyl-Toten auf 55. Ligun und Wlassow wissen, es vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein Liquidator oder eines seiner Kinder beerdigt wird.

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Quelle: n-tv.de