Unterhaltung
Action und SciFi made in Russia: "Attraction".
Action und SciFi made in Russia: "Attraction".
Dienstag, 22. August 2017

Russischer Alien-SciFi: "Attraction": Die Erde ist unser Planet!

Von Thomas Badtke

Vier Milliarden Tote in 5000 Jahren Menschheitsgeschichte: Wieso sollten Außerirdische da in Frieden kommen? Als ein Raumschiff in Moskau abstürzt und Hunderte Menschen sterben, scheint das Ende gekommen.

"Auge um Auge ...", heißt es im Alten Testament. "Pisst du mir ans Bein, piss' ich dir ans Bein", heißt es heutzutage. Letzteres könnte aus dem Mund von US-Präsident Donald Trump stammen. Ihm wäre es auch zuzutrauen, Gefallen daran zu finden, wenn Moskau in Schutt und Asche gelegt ist. Aber diesmal ist der kurz angebundene Verbal-Haudrauf aus dem Weißen Haus völlig unschuldig. Ein außerirdisches Raumschiff hat große Teile der russischen Hauptstadt zerstört und Hunderte Todesopfer gefordert.

Ein Meteorit sieht anders aus ...
Ein Meteorit sieht anders aus ...

Eigentlich sollte ein Meteoritenschauer nahe, aber dennoch in sicherem Abstand von der Erde an ihr vorbeifliegen. Doch stattdessen meldet die russische Überwachung ein unbekanntes Flugobjekt, das über Finnland in die Erdatmosphäre eingetreten ist und sich mit wechselnder Geschwindigkeit Richtung Russland bewegt. Mal nur 500 Stundenkilometer, dann 4000. Abfangjäger werden losgeschickt. Sie nehmen Kontakt auf. Eine Art rotierende Kugel. Nichts von der Nato, wie es scheint.

Moskau, wir haben ein Problem!

Der Befehl zum Abschuss erfolgt, eine Rakete zischt los, trifft das Objekt. Es wird aber nicht zerstört, nur langsamer - und stürzt ab. Mitten über dem bevölkerungsreichen Norden der Millionenmetropole. Die Zerstörung ist enorm und das Militär entsprechend schnell vor Ort. Oberst Lebedew (Oleg Menschikow) hat das Kommando.

Julia ist die Heldin in "Attraction".
Julia ist die Heldin in "Attraction".

Seine Tochter Julia (Irina Starschenbaum), die eigentlich nicht aus dem Haus durfte, will sich den Meteoritenschauer mit ihrem Freund Artjom (Alexander Petrow) und einer Freundin ansehen. Julia und ihr Freund überleben, die Freundin nicht. Entsprechend groß ist ihre Wut auf das, was da vom Himmel gekommen ist.

Artjom dagegen wittert Abenteuer. Das ist seine Hood, hier hat er das Sagen. Dass das Militär alles abgeriegelt und ab 21 Uhr eine Ausgangssperre verhängt hat, geht ihm gelinde gesagt am Arsch vorbei. Wenn etwas in seinem Machtbereich abstürzt, dabei noch Freunde tötet, will er wissen wieso. Ein kleiner Trupp wird auf die Beine gestellt, Julia ist dabei, und schon geht es auf geheimen Wegen in Richtung Absturzstelle.

Die Medien sind vor Ort. Die USA fordern, ein Team zu dem Objekt schicken zu dürfen. Russland winkt ab. Alles unter Kontrolle, Hilfe aus dem Ausland ist nicht nötig. Doch das Raumschiff scheint alles Wasser aus der Umgebung abzuziehen. Die Einwohner, die bereits Hab und Gut sowie Freunde verloren haben, verstehen die Nachsicht von Politik und Militär mit dem außerirdischen Flugobjekt nicht mehr. Die Stimmung kocht, erste Aggressionen brechen sich Bahn.

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung

Was man findet, darf man behalten ...
Was man findet, darf man behalten ...

Indes gelangen Artjom und seine Kumpels zum Raumschiff, finden eine Art Anzug, nehmen ihn mit, während Julia, die draußen auf der Straße wartet, Bekanntschaft mit dem Außerirdischen Hijken (Rinai Muchametow) macht. Der rettet ihr in einer unübersichtlichen Situation das Leben, braucht danach aber selbst Hilfe. Julia ist hin- und hergerissen. Ihre Menschlichkeit siegt aber am Ende, und gemeinsam mit einem Schulfreund, der später Medizin studieren will und der Klassenstreber schlechthin ist, rettet sie den Außerirdischen.

Er sieht aus wie ein Mensch. Er atmet wie ein Mensch. Er blutet wie ein Mensch. Eine Transfusion ist seine einzige Rettung. Es stellt sich heraus, dass Julia und er die gleiche Blutgruppe haben. Was für ein Zufall. Von da an, versucht Julia dem Besuch des Außerirdischen auf den Grund zu gehen. Ist er die Vorhut einer Invasion? Wieso hat er ihr das Leben gerettet? Liebt sie ihn?

Welche Rolle spielt Hijken?
Welche Rolle spielt Hijken?

Diese Fragen stellt sie sich. Und auch Artjom, dessen Späher Julia und ihren neuen Freund zusammen gesehen haben. Artjom, der mittlerweile hinter das Geheimnis des außerirdischen Anzugs gekommen ist, eine Art kräfteverstärkendes Exo-Skelett, hat genug: Erst tötet der Typ aus dem All seine Freunde, zerstört seine Heimat, und nun klaut er ihm auch noch die Freundin? Egal, ob der Außerirdische in Frieden gekommen ist oder nicht: Artjom sinnt auf Rache und will den Alien tot sehen. Koste es, was es wolle. Und ein paar Anrufe, SMS und soziale Netzwerkeinträge später führt eine kleine Armee an. Showtime!

Erfrischend andere Sicht der Alien-Dinge

Willkommen bei "Attraction". Der russische Film hat viele Seiten: Er ist gleichermaßen eine gesellschaftskritische Milieu-Studie wie ein klassischer Actionfilm. Er ist aber auch Liebesdrama und Coming-of-Age-Streifen. Wer allerdings einen Alienreißer à la "Krieg der Welten" oder gar "Independence Day" erwartet hat, glaubt wohl auch daran, dass besagter Donald Trump ein direkter Nachfahre von Mahatma Gandhi ist.

"Attraction" ist bei Capelight erschienen.
"Attraction" ist bei Capelight erschienen.

"Attraction" ist zusammenfassend gesagt: völlig unkonventionell. Militär in einem russischen Film? Es wird auf die Schippe genommen. Die Figur des Oberst Lebedew bleibt hölzern, und im Hintergrund. Dagegen ruht der Streifen des Regisseurs Fedor Bondartschuk ("Die neunte Kompanie", "Dark Planet") auf der Beziehung zwischen Julia und dem Außerirdischen, der zur Abwechslung mal keine übergroßen schwarzen Augen und grüne Haut hat, sondern aussieht wie du und ich. Erfrischend anders eben.

Genau wie die Story: Wieso nicht einmal Außerirdische, die uns wohlgesonnen sind? Die uns "nur" beobachten wollen? Gut, ihre überlegene Technik, die sich mit Hilfe von Wasser selbst heilt, geben sie uns am Ende nicht. Unser "äußerst aggressives Sozialverhalten" sei schuld. Sie lachen?

Das dürfen Sie in "Attraction" ruhig öfter. Die Dialoge sind knapp, und bis man Sympathien für Julia aufgebaut hat, dauert es eine Weile. Sie kommt Anfangs rüber wie eine Frau, die schlecht geschlafen, Hunger und ihre Tage hat. Unausstehlich! Aber als die Liebe zuschlägt, wird alles gut.

"Attraction" ist es auch. CGI-Technik, die auch aus Hollywood und Filmen wie "Battleship" stammen könnte, dazu aber eine menschliche Seite, die US-Filme in diesem Genre oft vermissen lassen. Gepaart noch mit dem europäischen Humor à la "Attack the Block" - und fertig ist ein russischer Blockbuster, der einem die Angst vor dem ersten Kontakt nimmt. Bleibt nur zu hoffen, dass Donald Trump ihn nicht sieht: "Militärische Lösungen sind nun vollständig vorbereitet, geladen und entsichert, sollte Nordkorea (bitte durch "der Außerirdische" ersetzen, Anm. der Redaktion) unklug handeln ..."

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Quelle: n-tv.de