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Jaroslaw Zhalnin als Juri Gagarin, Kosmonaut Nummer Eins und erster Mensch im All
Jaroslaw Zhalnin als Juri Gagarin, Kosmonaut Nummer Eins und erster Mensch im All(Foto: Ascot Elite)
Freitag, 07. März 2014

"Könnte jemand von etwas Größerem träumen?": "Gagarin" - eine neue Ära beginnt

Von Thomas Badtke

Seit tausenden Jahren schaut die Menschheit in den Himmel und träumt davon, die Sterne zu erreichen, denn irgendwo da oben ist der Schlüssel für unsere Existenz. Juri Gagarin hält ihn als erster Mensch in Händen - das ist seine Geschichte.

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Am 12. April 1961 beginnt für die Menschheit eine neue Ära. Wovon Millionen Menschen über Jahrtausende nur geträumt haben, wird wahr: Der erste Mensch umrundet im All die Erde. Er ist kein Astronaut, er ist Kosmonaut. "Unser Mann ist im All", schallt es durch die Kommandozentrale des sowjetischen Raumfahrtzentrums. Der Stolz ist greifbar, die Sowjetunion hat den Wettlauf ins All gegen die USA gewonnen. Juri Alexejewitsch Gagarin sitzt in der 4730 Kilogramm schweren Raumkapsel Wostok und blickt verträumt auf den blauen Planeten herab.

Gagarins Puls steigt auf 158. Im Kontrollzentrum wird man nervös. Selbst dem sonst so gelassen wirkenden Leiter des Raumfahrtprogramms und Chefkonstrukteur der Trägerrakete, Sergej Pawlowitsch Koroljow, treten die Schweißperlen auf die Stirn. Der Funkkontakt mit Gagarin ist weg. Keiner weiß genau, wie es ihm geht. Dann ein Knarzen - und Gagarins Stimme: "Alles ist in Ordnung. Ich sehe die Erde durch das Bullauge. Die Erde ist klar zu erkennen. Ich kann Flüsse und Gebirgsketten sehen. Die Sicht ist gut. Sie ist hervorragend, die Sicht ist exzellent! Was für eine wunderschöne Aussicht!"

Wettlauf ins All

"Gagarin - Wettlauf ins All" ist bei Ascot Elite auf DVD und Blu-ray erschienen.
"Gagarin - Wettlauf ins All" ist bei Ascot Elite auf DVD und Blu-ray erschienen.(Foto: Ascot Elite)

Bis zu diesem geschichtsträchtigen Punkt musste Gagarin einen weiten Weg zurücklegen. Und genau diesen zeichnet der russische Spielfilm "Gagarin - Wettlauf ins All" nach. Mit weichgezeichneten, faszinierenden Bildern, die die Herzen der Raumfahrtfans höher schlagen lassen, entführt der Film des Regisseurs Pawel Parchomenko in eine andere Zeit. Es ist die Zeit, als die Worte Kalter Krieg noch in der Zukunft liegen, aber Wettrüsten und Wettrennen ins All der beiden Großmächte USA und Sowjetunion bereits begonnen haben. Die Sowjets haben mit der Raumsonde Sputnik den ersten Triumph bereits eingeflogen.

Man kann den Film politisch betrachten - einige Dialoge laden geradezu dazu ein:"Du bist für uns alle da oben. Wir sind die Faust, hart wie Diamant", sagen etwa Gagarins verbliebene Anwärterkollegen zu ihm, laut lachend. Dennoch sollte der Zuschauer die Politik nur als Randnotiz betrachten.

"Genosse Chruschtschow: Wir haben den Wettlauf ins All gewonnen!"
"Genosse Chruschtschow: Wir haben den Wettlauf ins All gewonnen!"(Foto: Ascot Elite)

"Gagarin" ist kein politischer Film, im Vordergrund stehen der Pioniergeist dieser Zeit ("Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben", so Konstantin Ziolkowski, Begründer der modernen Raumfahrt) - und eben die Person Gagarin, seine Entwicklung, sein Leben. Der Film gibt dadurch nicht nur Einblicke in den Beginn des Raumfahrtzeitalters, er liefert auch ein Porträt des Mannes, der als erster Mensch die Erde in all ihrer Pracht aus dem All gesehen hat.

Dabei spielt der Regisseur gekonnt mit Rückblenden, springt aus der Gegenwart Anfang der 1960er in die Vergangenheit, die Kindheit Gagarins. Zurück geht es dann zu den letzten Tagen, Stunden, Minuten vor dem Start der Trägerrakete. Der Zuschauer ist dann live dabei, als diese sich mit lautem Getöse von der Erde erhebt und geschichtsschwanger gen Himmel steigt. Ein Bild, das auch Jahrzehnte danach noch fasziniert. Ein Bild, das auch Gagarin, der am 9. März seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, sein Lebtag nicht wieder vergessen hat und von dem er zu Beginn seiner Ausbildung nie gewagt hätte zu träumen.

Der Junge von nebenan wird zum Sowjethelden

Ausflug nach Moskau: Während Gagarin Blumen für seine Frau kauft, diskutier der Rest der Gruppe, wer wohl als erster ins All fliegen darf.
Ausflug nach Moskau: Während Gagarin Blumen für seine Frau kauft, diskutier der Rest der Gruppe, wer wohl als erster ins All fliegen darf.(Foto: Ascot Elite)

Gagarin ist Oberleutnant in einer Fliegerstaffel, als er für das Raumfahrtprogramm ausgewählt wird. 20 Offiziere sind übriggeblieben aus über 3000 Anwärtern. Dass der 1934 geborene Gagarin dazugehört, ist auch seinem Einfallsreichtum zu verdanken, denn Gagarin ist für einen Piloten recht klein. Bei seiner Fliegerprüfung setzt er sich deshalb auf seine Aktentasche, damit er bei der Landung besser sehen kann. Die Landung gelingt, die Prüfung ist bestanden und bei seinen Vorgesetzten hat Gagarin einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Überhaupt: Gagarin ist ein ruhiger und besonnener Zeitgenosse. Überheblichkeit? Arroganz? Fehlanzeige. Er ist kein Ehrgeizling, der über die Leichen anderer seinen Weg nach oben bahnt, kein Opportunist. Er will der Erste im All sein, aber nicht um jeden Preis. Er kann sich auch für andere freuen - und das kommt an, macht ihn beliebt. In einer Spaßwahl, wer von den 20 verbleibenden Anwärtern ins All fliegen sollte, gewinnt Gagarin haushoch. Das macht ihn verlegen und stolz gleichermaßen.

Gagarin hat seine Wurzeln nie vergessen, seine einfache Herkunft: Sein Vater ist Zimmermann, seine Mutter Melkerin in einer Kolchose. Gagarin ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Das vergisst er nicht. Als Gagarin im All mit einem Wassertropfen spielt, und sich fast schon kindlich an dessen unvorhergesehenen Bewegungen erfreut, erinnert er sich plötzlich an seine Kindheit: Er spielt mit kleinen Flugzeugmodellen, er hungert,  Als er mit seinem Bruder Boris Eier stehlen will bei einem dicken Deutschen in der Nachbarschaft, hängt dieser Boris kurzerhand und ohne mit der Wimper zu zucken auf. Gagarins Bruder überlebt nur knapp. Leichtsinn kann tödlich sein, ist die Lehre, die Gagarin daraus zieht. Oder in der Fliegersprache ausgedrückt: Der Himmel verzeiht keine Fehler!

Der Jubel in Moskau ist groß, als die Bürger erfahren, dass "ihr Mann" Gagarin es als Erster ins All geschafft hat.
Der Jubel in Moskau ist groß, als die Bürger erfahren, dass "ihr Mann" Gagarin es als Erster ins All geschafft hat.(Foto: Ascot Elite)

So ist Gagarin. Seine Wesenszüge, sein Charakter machen ihn zum geborenen Sowjethelden. Dennoch wäre er fast nicht der erste Mensch im All gewesen. Technische Probleme sind lange an der Tagesordnung: Explodierende Raketen, undichte Treibstofftanks und der Zeitdruck im orbitalen Rennen mit den US-Amerikanern lassen die Macher zwischenzeitlich am Erfolg ihrer Mission zweifeln. Ein toter Kosmonaut beim ersten Allflug hätte ihnen das Genick gebrochen.

Das Auswahlverfahren ist deshalb hart, mutet für manchen Teilnehmer unmenschlich an. Am Ende aber, nach Stunden, Tagen, Wochen in Isolations- und Druckkammern, in Schweißbädern, mit Blut-, Ausdauer-  und Beschleunigungstests - selbst die Frage "Hält es der Mensch aus, wenn er die Erde von oben sieht?" (Kosmischer Horror) wird erörtert - läuft alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen Gagarins mit Hermann Titow hinaus. Nun hilft Gagarin seine Familie: die Töchter Elena und Galina sowie die Ehefrau Valentina, die bedingungslos hinter ihm stehen. Gagarin ist ein glücklicher Familienvater und liebevoller Ehemann, Titow nicht. Das gibt den Ausschlag - und auch die Unterstützung Koroljows.

Der Allflug Gagarins ist der Start in ein neues Zeitalter der Menschheit.
Der Allflug Gagarins ist der Start in ein neues Zeitalter der Menschheit.(Foto: Ascot Elite)

Am Ende entscheidet aber Nikita Chruschtschow höchstpersönlich. Er hat ein Foto Gagarins gesehen - und er mag das offene Gesicht, das er darauf sieht. Und überhaupt: "Was macht es schon aus, wer von den beiden der Erste sein wird. Was zählt ist, dass er ein sowjetischer Bürger ist. Jetzt wird die ganze Welt unter Druck gesetzt!"

In ewiger Erinnerung

Chruschtschow ist es auch, der Gagarin kurzerhand zum Major erklärt: "Wie lange soll ihr erster Kosmonaut im All noch Oberleutnant sein? Sie veranlassen auf der Stelle, dass er zum Major befördert wird! Wissen sie, was der Mann gerade leistet? Darüber geht gar nichts. Sie und ich werden längst vergessen sein, aber an ihn erinnern sich die Menschen ewig!"

Damit hat Chruschtschow recht behalten. Zwar brennt sich die Mondlandung der US-Amerikaner - so es sie denn gegeben hat -, fester ins Gedächtnis ein, was aber schlichtweg mit einer besseren Vermarktung abgetan werden kann. Wie bei der Mondlandung Millionen weltweit vor den Fernsehern saßen, hörten beim ersten Flug ins All Millionen Menschen vor den Radiogeräten zu. Sie strömten auf die Straßen, blickten nach oben und diskutierten, wer denn von ihnen der Nächste "da oben" sein werde. Die Euphorie ist riesig - und wird politisch ausgeschlachtet, frei nach dem Motto: Tausende werden ins All fliegen, aber nur der Erste bleibt in Erinnerung.

Das wird Gagarin am Ende auch zum Verhängnis: Der Flug ins All teilte sein Schicksal. Bis zum Ende seiner Tage träumt Gagarin davon, noch einmal ins All zu fliegen. Aber Partei und Regierung der UdSSR fürchten, das lebende Symbol des Sozialismus zu verlieren, den Kosmonauten Nummer Eins, von der ganzen Welt bewundert. Mit fadenscheinigen Entschuldigungen verbieten sie Gagarin weitere Allflüge. Stattdessen machen sie ihn zum Oberst der Luftstreitkräfte und stellvertretenden Direktor des Kosmonauten-Ausbildungsprogramms. 1968 stirbt Gagarin dann bei einem Übungsflug mit einem Kampfflugzeug. In Vergessenheit ist er seitdem nicht geraten - "Gagarin - Wettlauf ins All" trägt einen Teil dazu bei.

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Quelle: n-tv.de