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Mama zwischen Fläschchen und Dauerlauf: Manchmal muss es einfach schnell gehen.
Mama zwischen Fläschchen und Dauerlauf: Manchmal muss es einfach schnell gehen.(Foto: Tomizak/pixelio.de)

Kult in Küche und Kunst: Mancher kann nicht ohne

Von Heidi Driesner

Kindheitserinnerungen hat jeder, gute und weniger gute. Einige davon lassen wir mitunter wieder aufleben, gern auch ein bisschen verklärt. Es hat so etwas Vertrautes, wenn man das tut, was Mama schon tat. Aber ob es immer das Beste war?

Gourmets und Spitzenköche, Ernährungsbewusste und Gesundheitsapostel rümpfen die Nase und behaupten, "diese Brühe" komme ihnen nicht auf den Tisch. Allerdings tun etwa 83 Prozent aller Haushalte in Deutschland genau das und so steht die kategorische Ablehnung von "Maggi" auf etwas tönernen Füßen. Das ist wie mit den bunten Zeitschriften, die "keiner" kauft oder höchstens beim Friseur liest. Komischerweise wissen aber alle, was drin steht!

Tütensuppen für Moslems: Maggi ist mitunter nicht nur "Bio", sondern "halal" (rein und erlaubt).
Tütensuppen für Moslems: Maggi ist mitunter nicht nur "Bio", sondern "halal" (rein und erlaubt).(Foto: picture alliance / dpa)

"Mit Maggi schmeckt das Leben", behauptet der Hersteller. Ohne Maggi schmeckt's aber besser, behaupte ich. Doch gibt es ein Leben ohne Sünde? Sicher nicht, und wenn doch, wär's furchtbar langweilig. Und so gestehe ich, weil der Wahrheit verpflichtet: Auch in meinem Küchenschrank findet sich irgendetwas mit den magischen fünf Buchstaben, meistens eine Brühe, die es inzwischen auch schon als "NaturPur" gibt, ohne Geschmacksverstärker und sogar ohne Hefeextrakt, alles Bio, alles unverfälscht …, so jedenfalls meint der Hersteller. Weil's eben ab und zu mal schnell gehen muss und nicht immer alle notwendigen Zutaten im Haus sind. Oder haben Sie noch nie (wirklich NIE) im Büro eine Tütensuppe, eine 5-Minuten-Terrine oder ähnliches geschlürft? Und was im Durchschnitts-Restaurant in Suppen und Soßen kommt, weiß nur der Koch - der Gast nicht.

Maggi gibt's auch in Öl

Trotz aller Naserümpferei der Besser-Esser: Maggi hat weltweit Kultstatus. Der Erfinder der Flüssigwürze, Julius Maggi, starb vor 100 Jahren (19. Oktober 1912) in Küsnacht am Zürichsee. Dass sein Nachname eigentlich nur noch in Italien und der Schweiz richtig ausgesprochen wird, nämlich "Madschi", schmälert seine Berühmtheit nicht im Geringsten. In aller Herren Länder begegnet man seinem Vermächtnis, in Imbissbuden und Gaststätten, in afrikanischen Dorfläden und US-Supermärkten.

Julius Maggis braunes Fläschchen ist Kult.
Julius Maggis braunes Fläschchen ist Kult.(Foto: picture alliance / dpa)

Sogar bis in die Kunst vorgedrungen ist die braune Flasche mit dem gelb-roten Etikett: 1972 machte Joseph Beuys das kleine, vom Würz-König selbst entworfene Fläschchen zum Kunstobjekt, indem er es für seine Installation "Ich kenne kein Weekend" verwendete - und zwar in einem Lederkoffer Seite an Seite mit einem Reclam-Band von Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft", frei nach der Devise: Jeder Geist braucht auch etwas zu futtern. Sieben Jahre später nutzt der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle die Flasche als Vorlage für Zeichnungen, Grafiken und Ölgemälde. "Die Amerikaner haben sich Coke, die Deutschen Maggi geschaffen", so Bayrle. Und über Sinn und Zweck (und den Geschmack) von Coke lässt sich schließlich auch vortrefflich streiten, ohne dass das dem Kult-Getränk schadet.

Zum Erfolg des Suppenkönigs trägt auch die Dichtkunst bei. Chef des "Reclame- und Pressebureaus" von Maggi wird 1886 ein junger Hannoveraner, Jahre später einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller: Frank Wedekind (1864-1918). Mit anderen Werken wird Wedekind mitunter zum Bürgerschreck, für Maggi aber reimt er:
"Das wissen selbst die Kinderlein:
Mit Würze wird die Suppe fein.
Drum holt das Gretchen munter
Die Maggiflasch' herunter."
In seiner achtmonatigen Maggi-Karriere produziert Wedekind immerhin etwa 150 Werbetexte für seinen Arbeitgeber.

Über 125 Jahre Kultstatus

Die Maggi-Wiege liegt aber nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz, in Kemptthal bei Zürich. Julius Maggi ist ein Sohn ausgewanderter Italiener. Ausgangspunkt für die Überlegungen und Versuche des Firmengründers sind Armut und fehlende Zeit zum Kochen bei den Fabrikarbeiterinnen und ihre Unwissenheit über die schlechte Ernährung ihrer Familien. Im 19. Jahrhundert dauert es noch einen ganzen Vormittag, um eine Suppe zuzubereiten. Teuer ist das außerdem, und für die Arbeiter nicht erschwinglich. Maggi, der schon als 26-Jähriger die väterliche Mühle übernimmt, ist sich sicher, dass eiweißhaltige Hülsenfrüchte das teure Suppenfleisch ersetzen könnten. Zwei Jahre lang experimentiert er, um eine neue Eiweißquelle zu erschließen, setzt sein ganzes Vermögen aufs Spiel, um konservierbare Lebensmittel zu entwickeln. 1886 wird "Maggi" geboren - die erste Fertigsuppe aus Erbsen- und Bohnenmehl. Im selben Jahr erfindet Julius Maggi quasi als Nebenprodukt auch die Suppenwürze - das berühmte Tröpfchen aus dem braunen Fläschchen.

Das Kochen war früher eine zeitraubende Angelegenheit (Museumsküche im Morlokhof).
Das Kochen war früher eine zeitraubende Angelegenheit (Museumsküche im Morlokhof).(Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Elf Jahre später beginnt im deutschen Singen die Abfüllung der in Maggis Mühlenbetrieb in der Schweiz hergestellten Sauce. Anfangs heißt sie "Bouillon Extract", bald "Maggi's Suppenwürze". Dass sich damit selbst fadeste Gerichte herzhaft aufpeppen lassen, finden auch immer mehr deutsche Hausfrauen bestätigt. Bald wird die gesamte Herstellung nach Singen verlegt. Heute werden dort etliche Erzeugnisse aus der Maggi-Palette hergestellt. Inzwischen findet man etwa 300 verschiedene Produkte im Sortiment. Seit 1947 gehört die Marke zur Nestlé AG.

An der Rezeptur der dunkelbraunen Würze aus der Flasche hat sich in all den Jahren aber nur wenig geändert; das Flaschendesign dagegen wurde ab und zu dem Zeitgeist angepasst und vorsichtig modernisiert. 30 Millionen Flaschen verlassen das Werk in Singen jährlich, 19 Millionen davon werden allein in Deutschland verkauft. Das genaue Rezept hält die Firma bis heute unter Verschluss.

Rezept bleibt geheim

So viel lässt sich aber sagen: Maggi besteht aus pflanzlichem Eiweiß, das in einem Gärprozess in seine Bausteine aufgeschlossen wird. Auf diese Weise entsteht der charakteristische Geschmack. Hinzu kommen Wasser, Salz, Aroma, Hefeextrakt und der Geschmacksverstärker Natriumglutamat. Die Würze gibt es übrigens nur mit diesem ungeliebten Geschmacksverstärker. Als Grund gibt Nestlé an, dass es sich dabei "um eine charakteristische Zutat und Würzung handelt, die diesen einmaligen Geschmack ausmacht und somit geschmacksverstärkend wirkt". Bei anderen Produkten kommt Maggi dem Wunsch der Verbraucher nach Lebensmitteln ohne Zusatzstoffe immer mehr entgegen. Heute kommen bereits etwa 70 Prozent der Maggi-Rezepturen ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe wie Mononatriumglutamat aus.

Für die Kundenbindung tut Maggi einiges. Herzstück der Kommunikation ist das Maggi Kochstudio. Maggi-Fans bekommen dort seit 1959 Antworten rund um Ernährung, Kochen und Haushalt. Diese verbrauchernahe PR hat bis heute Erfolg: Rund eine Million Rezeptbroschüren verschickt Maggi pro Jahr und beantwortet etwa 315.000 individuelle Verbraucheranfragen per Brief, Telefon oder Mail. Mit einer Markenbekanntheit von über 90 Prozent gehört Maggi heute zu den bekanntesten Marken Deutschlands.

Liebstöckel ist ein würziges Küchenkraut und hat mit Maggi nichts zu tun.
Liebstöckel ist ein würziges Küchenkraut und hat mit Maggi nichts zu tun.(Foto: Josef Johann Obiltschnig/pixelio.de)

Eigentlich hat heute niemand mehr "Maggi" nötig, denn bei dem Überangebot an Gemüse und Kräutern muss es fade Gerichte nicht geben und für ein Süppchen braucht man auch nicht mehr den halben Tag. Dennoch: Die Verkaufszahlen zeigen, dass die Maggi-Produkte fester Bestandteil vieler Küchen sind. Viele Kunden fühlen sich durch das typische Flaschen-Design und den unverwechselbaren Maggi-Geschmack an ihre Kindheit erinnert und greifen daher noch heute zu dem vertrauten Fläschchen. Es sei ihnen gegönnt - man muss ja nicht übertreiben, wenn man "zwischendurch" auch mal zu frischen Kräutern greift. Zum Beispiel zu Liebstöckel, das es frisch in jedem gut sortierten Supermarkt gibt und ein hervorragendes Eintopfgewürz ist. Wegen des Maggi-ähnlichen Geschmacks wird Liebstöckel im Volksmund gern Maggi-Kraut genannt, davon findet sich allerdings keine Spur in der Flasche.

Heute gibt es zwei namensähnliche Rezepte, auch wenn ich mir damit den heiligen Zorn der Elsässer zuziehe. Einmal für die Maggi-Hasser und einmal für die Maggi-Fans, einmal unverfälscht und einmal für die schnelle Küche:

Echter Elsässer Flammkuchen

Zutaten (2 Pers):

200 g Mehl
100 ml lauwarmes Wasser
4 EL Öl
1 Prise Salz
1 Prise Zucker
¼ Pä frische Hefe
1 Becher Creme fraiche
4 EL saure Sahne
1 große Zwiebel
150 g durchwachsener Speck
Salz, Pfeffer, Muskatnuss

Zubereitung:

Als erstes den Backofen auf die höchste Temperatur stellen (mindestens 250 Grad), denn Flammkuchen wird bei sehr heißen Temperaturen und in sehr kurzer Zeit gebacken.

Die Hefe mit der Prise Zucker verrühren und im lauwarmen Wasser auflösen. 1 Prise Salz in das Mehl geben und mit der aufgelösten Hefe sowie 2 EL Öl verkneten. Den Teig abgedeckt beiseite stellen und den Belag zubereiten. Die kurze Ruhezeit für den Teig genügt.

Den Speck in dünne Streifen oder in Würfel schneiden. Die Zwiebel ebenfalls würfeln oder halbieren und in dünne Scheiben schneiden. In einer Pfanne das restliche Öl erhitzen und die Zwiebel darin anschmoren. Den Speck dazugeben und alles weitere 3 Minuten schmoren. Die Creme fraiche mit der Sahne verrühren und mit Salz, frisch gemahlenem Pfeffer und etwas geriebener Muskatnuss abschmecken.

Den Teig hauchdünn auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech rechteckig ausrollen und einen dünnen Rand hochdrücken. Die Sahnemischung darauf verstreichen und darüber die Zwiebel- und Speckwürfel geben.

Das Backblech in die Mittelschiene einschieben und in 5 bis 8 Minuten backen. Nicht länger, der Teig wird sonst knochenhart. Der Teigrand sollte auch nur hellbraun werden.

Übrigens: Für den echten Flammkuchen brauchen Sie auch nur eine halbe Stunde …Viel Spaß bei der Entscheidungsfindung wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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