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Ausnahmezustand hält an: Tödliche Dosis in Fukushima

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Ausgelassene, planschende Kinder und glückliche Eltern: Ein typischer Sommertag am Meer, könnte man meinen. Doch die Idylle trügt, denn es ist nicht irgendein Strand, ... (Foto: picture alliance / dpa)

Ausgelassene, planschende Kinder und glückliche Eltern: Ein typischer Sommertag am Meer, könnte man meinen. Doch die Idylle trügt, denn es ist nicht irgendein Strand, ...

Ausgelassene, planschende Kinder und glückliche Eltern: Ein typischer Sommertag am Meer, könnte man meinen. Doch die Idylle trügt, denn es ist nicht irgendein Strand, ...

... wie das blaue Schild zeigt: "Welcome to Fukushima". Nur 65 Kilometer weiter entfernt liegt das japanische Atomkraftwerk, das im Frühjahr 2011 eine dreifache Kernschmelze erlebte und die Welt in Angst und Schrecken versetzte.

Früher hat der Narkoso-Strand in Iwaki mit seinem weißen Sand Tausende Urlauber angezogen. Heute nicht mehr.

Stichtag der Reaktorkatastrophe von Fukushima ist der 11. März.

Rückblick: Zunächst erschüttert an jenem Unglückstag ein heftiges Erdbeben die Nordost-Küste Japans. Es ist das stärkste je gemessene Beben in dem Inselstaat.

Kurz darauf wird die Region von einem gewaltigen Tsunami erfasst. 470 Quadratkilometer werden überschwemmt - eine Fläche doppelt so groß wie Malta.

Häuser, ...

... Menschen und sogar Schiffe werden von den Wassermassen mitgerissen.

Mindestens 15.000 Menschen sterben, Hunderttausende verlieren Hab und Gut.

Mittendrin im Auge der Katastrophe: das Atomkraftwerk Fukushima.

Bis zu 15 Meter hoch ist die Welle, die über Teile der Anlage hinwegrollt und ...

... die sechs Reaktoren bis zu fünf Meter tief im Wasser stehen lässt.

Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten: Die Blöcke schalten sich zwar sofort selbst ab, doch die Naturgewalten hatten die Elektrik und die Kühlwasserzufuhr zerstört, so dass in den Reaktoren 1 bis 3 nach und nach die Kernschmelze einsetzt. (Das Satellitenfoto zeigt das AKW wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3 am 14.3.2011)

Die Regierung ordnet eine Evakuierung im Umkreis von 20 Kilometern an.

Mehr als 200.000 Menschen werden in Notunterkünften untergebracht.

Am 12. April 2011 stufen japanische Behörden die Katastrophe auf die höchste Stufe der internationalen Bewertungsskala herauf.

Auch Tschernobyl wurde in Stufe sieben eingeordnet. Im Juni bestätigt die Regierung eine Kernschmelze in den Fukushima-Reaktoren eins bis drei.

Nach Aussagen der Regierung in Tokio ist die havarierte Atomanlage Mitte Dezember 2011 wieder unter Kontrolle. Die Reaktoren seien in der Phase der Kaltabschaltung. Kritiker bezweifeln das.

Bis heute gaukeln die japanische Regierung und der Kraftwerksbetreiber Tepco der Öffentlichkeit vor, die Lage in den zerstörten Reaktoren kontrollieren zu können. Gleichzeitig spielen sie die Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung massiv herunter.

Dabei bestimmt allein Tepco, wer was zu sehen, zu hören bekommt. Fukushima, das Atomkraftwerk Daiichi und die Zone 20 Kilometer darum herum ist immer noch eine Region im Ausnahmezustand.

Ob Journalisten, Politiker oder Vertreter der Internationalen Atomenergie Agentur: Ohne Zustimmung von Tepco kommt niemand auch nur in Sichtweite ...

... der Reaktorruinen. Schon das allein zeigt: Fukushima ist weit entfernt von jeder Normalität, die Risiken einer neuen Zuspitzung längst noch nicht gebannt.

Tausende Arbeiter, Ingenieure und Konstrukteure räumen immer noch Tag für Tag ...

... Schutt weg, ...

... versuchen die Reaktoren stabil zu halten, legen Leitungen, installieren Pumpen, bauen Tanks und Drainagen, sammeln Wasser und dekontaminieren.

Die Schutzkleidung der Arbeiter besteht aus einem Overall, ein paar Stoffhandschuhen und zwei Paar Gummihandschuhen. Die Übergänge werden mit Klebeband versiegelt. Auf den Kopf kommt eine Stoffhaube, darüber die Vollgesichtsatemmaske.

Das alles hilft zwar nicht gegen die Strahlung, verhindert aber, dass radioaktive Partikel eingeatmet oder über die Kleidung mit nach Hause genommen werden.

Gewaltige Mengen radioaktiv verseuchtes Wasser lagern in blauen Tanks, bislang rund 360.500 Kubikmeter - und täglich kommen 800 Kubikmeter hinzu.

Die gigantische Menge verstrahlten Wassers ist eines der größten Probleme, mit denen man derzeit in Fukushima zu kämpfen hat. Die Auffangbehälter seien fast voll, warnt die Zeitung "Mainichi Shimbun". Gerüchten nach erwägt Tepco ein erneutes Ableiten ins Meer.

Arbeiter berichten davon, wie strahlender Abraum einfach in Flüssen und Wäldern illegal beseitigt wird.

Radioaktivität kann man nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken.

Aber in den umliegenden Orten in der 20-Kilometer-Sperrzone kann man sie fühlen. Die Straßen in Okuma sind menschenleer.

Am Bahnhof in Tomioka hat schon lange kein Zug mehr gehalten.

In der Grundschule von Namie gibt es seit der Katastrophe keine echten Kinder mehr, ...

... vergessene Turnbeutel werden wohl nie mehr abgeholt.

Ein Geigerzähler zeigt die aktuelle Strahlenbelastung im Park von Namie: 0,535 Mikrosievert pro Stunde.

Der 53-jährige Takamasa Watanabe und seine 79 Jahre alte Mutter Kazuko stehen vor ihrem Haus in Namie. Sie gehören zu den 21.000 ehemaligen Bewohnern, die die Stadt verlassen mussten.

Noch heute leben zehntausende Opfer in engen Behelfsunterkünften. Viele Evakuierte sind verunsichert, wann und ob überhaupt sie jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Privathäuser und Gärten werden von den Behörden nur bis 20 Millisievert pro Jahr dekontaminiert. Den Rest müssen die Einwohner selbst erledigen.

Abgetragene kontaminierte Erde liegt unter freiem Himmel in der Stadt Naraha - niemand weiß, wohin mit den wachsenden Bergen an Atommüll, denn noch immer gibt es keine Entscheidung über Zwischenlager.

In der Nähe von Fukushima mutieren bereits Schmetterlinge. Japanische Forscher beobachten Missbildungen noch in der dritten Generation. Studien belegen klar, dass die freigesetzte Radioaktivität das Erbgut der Tiere geschädigt hat.

Experten sagen voraus, dass mehr als hunderttausend Japaner infolge des Atomunglücks in den nächsten Jahren an Krebs erkranken werden.

Der Weltgesundheitsorganisation werfen sie dramatische Verharmlosung vor. In einer aktuellen Studie heißt es: Umfangreiche Untersuchungen hätten ergeben, dass "keine messbaren Steigerungen der Krebsraten über das Basisniveau hinaus zu erwarten sind".

Die Zahlen der Ärzte-Organisation IPPNW sprechen eine ganz andere Sprache: 2011, im Jahr der Katastrophe, starben in Japan 75 Neugeborene mehr, als statistisch zu erwarten war. Im Dezember 2011 fehlten mehr als 4300 Geburten. Es sei anzunehmen, dass viele Embryonen in sehr frühen Phasen strahlenbedingt abgestorben sind.

Dass bislang nur einzelne Fälle dokumentiert wurden, überrascht die Experten von IPPNW nicht. Schließlich sei aus Tschernobyl bekannt, dass es zwei bis zwölf Jahre dauere, bis eine Krebserkrankung diagnostiziert werde.

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