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Unwörter von "ausländerfrei" bis "Gutmensch": Wenn Banken leiden und Frauen ein Opferabo haben

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Für das "Unwort des Jahres" gehen jedes Jahr unzählige Vorschläge ein. Die Jury richtet sich aber nicht danach, wie oft ein Vorschlag eingegangen ist, sondern entscheidet unabhängig.

Für das "Unwort des Jahres" gehen jedes Jahr unzählige Vorschläge ein. Die Jury richtet sich aber nicht danach, wie oft ein Vorschlag eingegangen ist, sondern entscheidet unabhängig.

Für das "Unwort des Jahres" gehen jedes Jahr unzählige Vorschläge ein. Die Jury richtet sich aber nicht danach, wie oft ein Vorschlag eingegangen ist, sondern entscheidet unabhängig.

1991 wurde zum ersten Mal ein "Unwort" gewählt. Damals entschied sich die Jury für das Adjektiv AUSLÄNDERFREI - eine fremdenfeindliche Parole bei den Ausschreitungen in Hoyerswerda.

Der Begriff ETHNISCHE SÄUBERUNG, das Unwort des Jahres 1992, wurde während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien und später auch für ähnliche Situationen in anderen Ländern benutzt. Dabei geht es um das Entfernen einer ethnischen oder religiösen Gruppe aus einem Gebiet, meist durch gewaltsame Vertreibung, Umsiedlung, Deportation oder Mord.

Auch das Unwort des Jahres 1993 handelte von Fremdenhass: ÜBERFREMDUNG diente als Parole gegen den angeblich übermäßigen Zuzug von Ausländern. (Im Bild: das bei einem Brandanschlag zerstörte Haus der türkischen Familie Genc in Solingen im Mai 1993)

1994 wurde ein Begriff aus dem Bankerjargon zum Unwort gekürt: Als PEANUTS bezeichnete der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, die offenen Handwerkerrechnungen in Höhe von rund 50 Millionen Mark. Für die betroffenen Hausbesitzer war diese Summe, auf der sie wegen der Pleite des Bauunternehmers Jürgen Schneider sitzenblieben, aber alles andere als Peanuts.

DIÄTENANPASSUNG, die Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag, wurde 1995 von den Sprachexperten ausgewählt.

1996 hieß das Unwort RENTNERSCHWEMME - laut Jury ein falsches, angstauslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt.

Der frühere Verwaltungspräsident von Nestle, Helmut Maucher, umschrieb mit dem Begriff WOHLSTANDSMÜLL arbeitsunwillige und -unfähige Menschen. Damit gelangte er 1997 zu zweifelhaften "Unwort"-Ehren.

Seinem schlechten Vorbild folgte 1998 der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar - er sprach zynisch von SOZIALVERTRÄGLICHEM FRÜHABLEBEN (und meinte es angeblich ironisch). Hier geht es darum, dass ein Mensch mit Erreichen des Rentenalters volkswirtschaftlich betrachtet mehr Kosten verursacht, als er Nutzen bringt. Früheres Sterben verringert demzufolge die Kosten für die Gesellschaft.

Im Kosovo-Krieg wurde mit dem Begriff KOLLATERALSCHADEN die Tötung Unschuldiger und unbeteiligter Zivilisten als Nebensächlichkeit verharmlost und als ungewollter Nebeneffekt heruntergespielt. Der Nato-offizielle Terminus wurde darum 1999 zum "Unwort des Jahres".

2000 war es dann die NATIONAL BEFREITE ZONE. Der Begriff umschreibt nach Darstellung der Jury auf zynische Weise rechtsextremistisch terrorisierte Gebiete und Orte in den östlichen Bundesländern.

Das Unwort des Jahres 2001 wurde GOTTESKRIEGER. In der Begründung der Jury hieß es: "Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen." Die Bezeichnung werde in den Medien oft ohne kritische Distanz gebraucht.

Mit ihrer Entscheidung des Jahres 2002 zur Wahl des Begriffs ICH-AG rügte die Sprachexperten-Jury die "lächerliche Unlogik" dieser Wortbildung. Ein Individuum könne keine Aktiengesellschaft sein.

Der damalige CDU-Abgeordnete Martin Hohmann prägte das Unwort 2003: TÄTERVOLK. Das Wort sei an sich schon verwerflich, da es ein ganzes Volk für die Taten einer Gruppe verantwortlich mache, erklärte die Jury. Die Verbindung des Begriffs mit jüdischer Bevölkerung sei "ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus".

HUMANKAPITAL wurde das Unwort des Jahres 2004. Das Wort degradiere nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt "zu nur noch ökonomisch interessanten Größen", lautete die Begründung.

Unter ENTLASSUNGSPRODUKTIVITÄT versteht man die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens durch Personalabbau. Der betriebswirtschaftliche Begriff verschleiert nach Ansicht der Sprachwissenschaftler "die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten" - er wurde daher Unwort des Jahres 2005.

Im Jahr darauf wählte die Jury den Begriff FREIWILLIGE AUSREISE. Er werde in Zusammenhang mit der Behandlung von abgelehnten Asylbewerbern benutzt. "Freiwillige Ausreise" beziehe sich darauf, dass viele abgelehnte Asylbewerber vor einer Abschiebung unter Zwang selbstständig in ihre Heimat zurückkehren würden.

Das Unwort des Jahres 2007 war die HERDPRÄMIE, weil es nach Ansicht der Jury Eltern und insbesondere Frauen diffamiert, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.

Die Wort-Wahl im Jahr 2008 wurde von der Finanzkrise bestimmt: Das Unwort wurde NOTLEIDENDE BANKEN, weil es laut Jury das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf stellt.

2009 hieß das Unwort BETRIEBSRATSVERSEUCHT. Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen störe zwar viele Unternehmen, so die Jury. Dies als Seuche zu bezeichnen, sei aber ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen.

Das Unwort des Jahres 2010, ALTERNATIVLOS, hatte zunächst Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Begründung der Griechenlandhilfe gebraucht, so die Jury. Das Wort suggeriere "sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe".

Der Terminus DÖNER-MORDE verharmlost nach Meinung der Jury die NSU-Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer. Auf diesen Begriff fiel die Wahl der Jury darum im Jahr 2011.

Der Moderator Jörg Kachelmann prägte das Unwort des Jahres 2012 - er hatte nach seinem Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein OPFER-ABO hätten. Die Jury kritisierte den Begriff dafür, dass er Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise" unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterin zu sein".

Das "Unwort des Jahres 2013" lautet SOZIALTOURISMUS. Mit dem Schlagwort "wurde von einigen Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht", begründet die Jury ihre Entscheidung.

"LÜGENPRESSE" wurde das "Unwort des Jahres 2014". Das Schlagwort "war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien", hieß es zur Begründung. Das Wort erlebte in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Pegida-Bewegung eine Renaissance.

"Mit dem Ausdruck 'Lügenpresse' werden Medien pauschal diffamiert", sagte die Jury-Vorsitzende Nina Janisch. "Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit."

Auch 2015 kommt das Unwort aus der aktuellen politischen Debatte. Mit dem Begriff GUTMENSCH werde das ehrenamtliche Engagement vieler Bürger für Flüchtlinge pauschal diffamiert, heißt es von der Jury. (abe/dpa)

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