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Ein Pogrom mit Vorankündigung: Als Rostock-Lichtenhagen brannte

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Lichtenhagen im August 1992: Ein Mob versammelt sich vor dem "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Vorort Lichtenhagen ... (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Lichtenhagen im August 1992: Ein Mob versammelt sich vor dem "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Vorort Lichtenhagen ...

Lichtenhagen im August 1992: Ein Mob versammelt sich vor dem "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Vorort Lichtenhagen ...

... und beschimpft die dort untergebrachten Asylsuchenden. Die zumeist Jugendlichen werfen Steine auf die Bewohner.

Sie zertrümmern Fensterscheiben, fackeln Mülltonnen und Autos ab.

Am Ende mischen sich Neonazis unter die Wütenden, ...

... fliegen Brandbomben, werden Wasserwerfer eingesetzt.

Jene Tage im August 1992 zählen bis heute zu den schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Rostock wird für Jahre zum Symbol für Ausländerhass. Doch wie konnte es dazu kommen?

Anfang der 1990er-Jahre ist die Arbeitslosigkeit in Rostock-Lichtenhagen hoch. Nach der Wende verlieren viele ihren Job. Gleichzeitig schnellt in ganz Deutschland die Zahl der Asylbewerber in die Höhe.

Allein in Rostock stellen 1992 jeden Monat mehr als 1000 Menschen einen Antrag auf Asyl.

Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) liegt mitten im Plattenbauviertel in diesem Haus, das wegen des Mosaiks an der Hauswand das Sonnenblumenhaus genannt wird.

Im August 1992 sind die Räume der ZASt völlig überfüllt, es fehlt an Personal. Rund 200 Flüchtlinge müssen ausharren. Ohne Obdach campieren sie tagelang auf der Wiese vor dem Sonnenblumenhaus, sie essen und schlafen dort, verrichten ihre Notdurft. Die Stadt weigert sich, mobile Toiletten aufzustellen, weil diese Art "Komfort" noch mehr Asylbewerber anziehen könnte.

Bereits Wochen vor den Ausschreitungen häufen sich Beschwerden der Anwohner über die Zustände im Wohnviertel. Doch die zuständigen Behörden reagieren nicht. Die örtliche Politik auch nicht.

So wird der Frust gegenüber den Fremden täglich größer. Am Abend des 22. August entlädt sich der angestaute Hass auf die ZASt und Frust über die Untätigkeit der Politiker, die die Anwohner seit Monaten mit Floskeln abspeisen.

Rund 200 Gewalttäter, zumeist Jugendliche, beginnen damit, Steine auf das Gebäude zu werfen. "Deutschland den Deutschen!" hallt es durch die Nacht. 3000 Schaulustige klatschen Beifall.

Die anrückenden Polizisten sind nicht vorbereitet auf die wütende Menschenmenge - Dutzende Beamte werden bei den Auseinandersetzungen verletzt.

In der Nacht kommt Verstärkung und stoppt den Mob. Doch schon am nächsten Tag rotten sich rechte Skinheads und andere Gewalttäter wieder zusammen, werfen erneut Steine und Molotowcocktails gegen die Aufnahmestelle, greifen Polizisten an. Die johlende Menge skandiert: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!"

Erst am dritten Tag, dem 24. August, werden die Asylbewerber endlich evakuiert. Über 3000 Schaulustige sind vor dem Sonnenblumenhaus in Volksfeststimmung. Trotz des feiernden Mobs rückt die Polizei ab.

Doch die Übergriffe gehen mit gleicher Brutalität weiter.

In der Nacht wird aus der Menge heraus der Plattenbau neben dem Sonnenblumenhaus angegriffen - hier leben rund 150 Vietnamesen.

Am Abend gerät die Situation komplett außer Kontrolle. Unter "Zugabe, Zugabe"-Rufen fliegen wieder Brandsätze. Die Angreifer liefern sich eine Straßenschlacht ...

... mit der Polizei - die sich auf dem Höhepunkt der Eskalation völlig überraschend zurückzieht.

Die im Gebäude verbliebenen Menschen sind nun schutzlos dem wütenden Mob ausgesetzt. Kurz darauf brennt das Haus.

Die Feuerwehr ist vor Ort, wird aber von der Menschenmenge bei den Rettungsarbeiten behindert. Die Eingeschlossenen retten sich in letzter Minute aufs Dach.

Wie durch ein Wunder gibt es keine Toten.

Warum sich die Polizei auf dem Höhepunkt der Eskalation zurückzog, ist bis heute unklar. "Es gab keine gemeinsame Sprache zwischen der aus dem Westen stammenden Führung und den ehemaligen DDR-Volkspolizisten", sagt Michael Ebert. Ebert war in jenen Tagen im August 1992 als 22-jähriger Gruppenführer einer Ausbildungshundertschaft ohne Vorbereitung mitten ins Geschehen geworfen worden.

Unklare Verantwortlichkeiten, eine völlige Fehleinschätzung der Situation, Personalmangel bei den zuständigen Behörden, zu geringe Kapazitäten bei den Notquartieren und die Nichtbeachtung von Beschwerden - die Liste der fatalen Fehler bei Polizei und Behörden ist lang.

Aber war das der wahre Grund für das Fiasko der Polizei? Bis heute steht die Vermutung im Raum, dass die Zustände am Sonnenblumenhaus manchem Politiker nicht ungelegen kamen.

So nutzt der damalige Innenminister Rudolf Seiters die schlimmen Ereignisse für sein Projekt: die Verschärfung des Asylrechts. Noch während der Ausschreitungen fordert er, der Staat müsse nun "handeln gegen den Missbrauch des Asylrechts, der dazu geführt hat, dass wir einen unkontrollierten Zustrom in unser Land bekommen haben".

Maßgebliche Politiker der CDU streiten eine rechte politische Ausrichtung der Gewalttaten ab. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl behauptet, die Ausschreitungen von Lichtenhagen seien von der Stasi angezettelt und gelenkt worden.

Noch am Wochenende von Lichtenhagen kapitulieren die Sozialdemokraten, die bis dato traditionell jeglichen Änderung des Artikels 16 des Grundgesetzes entgegenstanden, mit der "Petersberger Wende".

Am 6. Dezember 1992 stimmen im Bundestag CDU, CSU, FDP und SPD für einen Asylkompromiss, mit dem das individuelle Grundrecht auf Asyl abgeschafft wird.

Die Aufarbeitung von Lichtenhagen spielt heute kaum mehr eine Rolle: Die Hauptbrandstifter kommen mit Bewährungstrafen davon, der Innenminister des Landes muss gehen. Sonst keiner. Die Menschen in der Menge, die die Täter anfeuerte, bleiben anonym und gehen straflos aus. (im Bild: Angeklagte im sogenannten Lichtenhagen-Prozess)

Zehn Jahre nach Lichtenhagen äußert der Journalist Jochen Schmidt in seinem Buch "Politische Brandstiftung" den Verdacht, die Ausschreitungen könnten von der Politik als kontrollierte Eskalation des Volkszornes mit dem Ziel geplant worden sein, die SPD zum Einlenken in der Asylfrage zu zwingen.

Zu diesem Fazit kommen auch die Filmemacher der Doku "The truth lies in Rostock" (Die Wahrheit liegt/lügt in Rostock). Sie legen den Schluss nahe, dass es sich nicht um Versagen handelte, sondern um eine Inszenierung, damit nach der Eskalation in Lichtenhagen die Grundgesetzänderung bezüglich des Asylrechts vollzogen werden konnte.

Rostock-Lichtenhagen ist kein Einzelfall, sondern trauriger Höhepunkt einer rassistisch aufgeladenen Stimmung Anfang der neunziger Jahre im wiedervereinigten Deutschland.

Im Februar 1992 sprechen sich nach einer Emnid-Umfrage 74 Prozent der Befragten für eine Grundgesetzänderung zur Reduzierung der Zahl der Asylsuchenden aus.

Nach den Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991, wo Neonazis unter dem Beifall der Nachbarschaft über Tage hinweg ein Wohnheim von Vertragsarbeitern angreifen, ...

... und vor dem Mordanschlag in Solingen Ende Mai 1993, bei dem fünf Menschen türkischer Herkunft sterben, gibt es unzählige rassistische Angriffe vor allem im Osten Deutschlands.

Allein in der Woche nach den Ausschreitungen von Lichtenhagen bedrohen Neonazis 40 Wohnheime mit Brandsätzen und Steinen. In Mecklenburg-Vorpommern werden Asylbewerberheime in Wismar, Rostock-Hinrichshagen, Lübz, Neubrandenburg und Greifswald angegriffen.

Die Debatte um die Ursachen konzentriert sich von Anfang an sehr stark auf die Frage, ob die fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Gewalttaten Anfang der 1990er Jahre vor allem ein ostdeutsches Problem waren.

"Rostock wäre in jedem der neuen Bundesländern möglich", urteilt der damalige Innenminister von Brandenburg, Alwin Ziel.

Oft wird darauf hingewiesen, dass es auch in Westdeutschland zu Beginn der 1990er Jahre eine erhebliche Anzahl rechtsradikal motivierter Anschläge auf Wohngebäude von Ausländern gab. Besonders werden in diesem Zusammenhang die Mordanschläge von Mölln und Solingen genannt. Allerdings besteht ein großer Unterschied darin, dass bei diesen Anschlägen ein kleiner Täterkreis heimlich vorging, ...

... während das Charakteristische der mehrtägigen Ausschreitungen von Lichtenhagen die öffentliche Ermutigung des pöbelnden Mobs vor laufenden Fernsehkameras war. Das gleiche Muster war in Hoyerswerda (Bild), in Wismar und andernorts zu beobachten.

Es gibt die These, dass die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen von westdeutschen Rechtsradikalen geplant und organisiert worden seien. Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern konnte diese Vermutung nicht bestätigen.

"Lichtenhagen hat Mecklenburg-Vorpommern verändert, das gehört zu unserer Geschichte und wird für immer eine Mahnung bleiben", sagt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der 1992 als Verwaltungsrichter in Nordrhein-Westfalen für Asylfragen zuständig war.

Er verweist auf die Zehntausenden Menschen, die sich landesweit auch in vielen kleinen lokalen Initiativen gegen Rechtsextremismus einsetzen. "Ich lasse nicht gelten, dass es irgendeinen politischen Missstand gibt, der mit rechtsextremistischen Mitteln zu lösen ist."

Bis heute gibt es in Lichtenhagen keine Gedenktafel, die an jene schrecklichen Tage im August erinnert. Ist also 20 Jahre danach alles vergessen und noch vieles beim Alten?

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