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Hitlers Stellvertreter, Verräter, Märtyrer: Auktionshaus versteigert Heß-Akte

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Es sind 300 Seiten mit Protokollen, Abschriften und Briefen: Die Heß-Akte galt jahrzehntelang als verschollen. (Foto: picture alliance / dpa)

Es sind 300 Seiten mit Protokollen, Abschriften und Briefen: Die Heß-Akte galt jahrzehntelang als verschollen.

Es sind 300 Seiten mit Protokollen, Abschriften und Briefen: Die Heß-Akte galt jahrzehntelang als verschollen.

Jetzt liegt das Dossier mit dem Vermerk "Most Secret" unter dem Hammer.

Das New Yorker Auktionshaus Alexander Historical Auctions, dass die Akte "zweifelsfrei echt" nennt, erhofft sich durch den Verkauf mindestens 225.000 Euro.

Der unbekannte Anbieter will die Akte "aus anonymer Quelle" erhalten haben. Ob die Dokumente mehr Licht bringen in die dubiose Geschichte von Rudolf Heß?

Um keinen anderen Nazi ranken sich schließlich so viele Mythen.

Aber wer war eigentlich der Mann, der zwischenzeitlich zu den mächtigsten im Dritten Reich gehört hat? Wie Hitler wird Heß ...

... nicht in Deutschland geboren. Rudolf Walter Richard Heß kommt im April 1894 in der ägyptischen Hauptstadt Alexandria zur Welt.

Sein Vater, ein Deutschnationaler und Anhänger von Kaiser Wilhelm, verdient am kolonialen Handel.

In Deutschland verbringt die Familie nur ihren Urlaub.

Nach einer unbeschwerten Jugend kommt Rudolf Heß in ein Internat.

1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, meldet sich der 20-Jährige freiwillig als Soldat. Mit dem bayerischen Infanterieregiment führt es ihn an die Westfront.

Dort wird der kriegsbegeisterte Heß leicht verwundet. Anschließend meldet er sich bei den fliegenden Truppen. Er wird zu einem großen Anhänger der Fliegerei, ...

... doch vor Ende seiner Ausbildung endet der Erste Weltkrieg. Gefeiert wird 1918 in Frankreich, nicht in Deutschland, ...

... aber auf den nächsten Krieg wird Heß nicht lange warten müssen.

Nach dem Krieg geht er zum Studieren nach München. Als Freicorps und Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft bekämpft er die Münchner Räterepublik um den ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner (Bild).

Im Mai 1920, die NSDAP heißt noch Deutsche Arbeiterpartei, trifft Heß zum ersten Mal auf einen gewissen Adolf Hitler.

Heß ist fasziniert von Hitler. "Ich bin ihm ergeben, mehr denn - ja, ich liebe ihn", schreibt er in einem Brief an seine Schwester, kurz nachdem sich beide kennengelernt haben.

Nach dem Hitlerputsch 1923 werden Hitler und seine Anhänger, darunter auch Heß, wegen Hochverrats angeklagt.

Im Gefängnis schreibt Hitler "Mein Kampf". Heß wird sein Sekretär. 1925 werden die beiden entlassen.

Kurz darauf heiratet Heß seine Lebensgefährtin Ilse Pröhl, angeblich erst auf Hitlers Weisung hin.

Es gibt Gerüchte, Heß würde in homosexuellen Kreisen verkehren.

Trotzdem hält Hitler zu dieser Zeit noch große Stücke auf ihn.

Mit seinem Aufstieg ...

... tritt 1933 auch der Mann, den Hitler zu seinem Stellvertreter kürt, immer mehr ins Rampenlicht.

Vom Rang folgt er in der Hierarchie nun ...

... unmittelbar hinter Hitler.

Aber wäre er im Ernstfall auch dazu in der Lage gewesen, ...

... die Nazi-Diktatur zu führen?

Oder wählte dieser ihn nur aus, ...

... weil er so treu und vermeintlich ungefährlich war? Heß gilt als Biedermann: kein Alkohol, keine Zigaretten.

Aber Hitler und seiner Ideologie ist er absolut ergeben. Kompromisslos setzt er seine Politik um: Er unterschreibt 1934/1935 die Rassengesetze und die Berufsverbote für jüdische Ärzte und Anwälte.

Auch die Einführung der Prügelstrafe für Juden trägt seine Unterschrift.

An der Parteispitze konkurrieren viele Männer um die Gunst des sogenannten "Führers".

Karriere machen wollen viele im Dritten Reich.

Viele beneiden den Mann, ...

... der stets an Hitlers Seite sitzt.

Nach vorne repräsentieren die führenden Nazis Einheit. Doch im Hintergrund spinnen sie Intrigen.

Vielen historischen Quellen zufolge kommt es nach Beginn des Zweiten Weltkriegs ...

... zu einer schleichenden Entmachtung von Heß.

Es heißt, Hitler nehme ihn nicht mehr so ernst, ihm missfalle vor allem, dass Heß den Krieg mit England für falsch hält, ...

... deshalb scharre er zunehmend andere Männer um sich.

Als neuen Stellvertreter ernennt Hitler plötzlich Hermann Göring.

Und Heß?

Über die folgende Episode seiner Biographie, über Motivation und Hintergrund seines Handelns, gibt es viel Unklarheit.

Später heißt es, Heß habe geglaubt, er handle im Sinne von Hitler.

Am 10. Mai 1941 fliegt er mit einem Messerschmitt-Kampfflugzeug von Augsburg nach Schottland. Doch dort kommt der Pilot nicht an.

Die britische Luftabwehr holt seinen Flieger runter. Heß hat Glück, er ist vorher mit dem Fallschirm abgesprungen.

Ein Bauer findet ihn. Heß beteuert, er komme in Frieden und ...

... wolle mit Premierminister Winston Churchill verhandeln. Aber die Briten sind misstrauisch.

Sie sperren ihn in den Tower von London.

Als Hitler von Heß' Ausflug erfährt, verfasst er sofort eine Rundfunkmeldung: Spuren geistiger Zerrüttung, Opfer von Wahnvorstellungen - so stellt er seinen ehemaligen Stellvertreter da.

Er verlangt die Auslieferung von Heß, um ihn wegen Hochverrats anzuklagen und ihn zu exekutieren.

Doch die Briten liefern Heß nicht aus - und Hitler hat zunehmend andere Probleme.

Nicht nur in Russland und Afrika müssen seine Truppen empfindliche Niederlagen einstecken.

Schon 1944 tritt Hitler öffentlich kaum noch auf. Am 30. April 1945 ...

... nimmt er sich das Leben.

Die Nazis sind am Ende.

Deutschland liegt in Trümmern.

Die Alliierten machen Hitlers Helfern in Nürnberg den Prozess.

Für Heß ist die Rückkehr und das Wiedersehen ...

... mit den anderen führenden Nazis ein Schock.

Für Göring, von Ribbentrop, Keitel, Dönitz und Co. ist er ein Fahnenflüchtling und Verräter.

Zunächst gibt Heß vor, unter Gedächtnisschwund zu leiden.

Eine Untersuchungskommission bestätigt das. Plötzlich besteht für Heß sogar die Aussicht, dass sein Verfahren eingestellt wird.

Doch schließlich erklärt er überraschend, den Gedächtnisschwund nur vorgetäuscht zu haben. Sein Verfahren wird doch nicht eingestellt.

In dem Kriegsverbrecherprozess erklärt er: ...

... "Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner 100-jährigen Geschichte hervorgebracht hat. ...

... Selbst, wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen. Ich bin glücklich zu wissen, dass ich meine Pflicht getan habe."

Die sowjetischen Ankläger fordern die Todesstrafe für Heß - er erhält lebenslänglich.

Als sich 1949 der Deutsche Bundestag in Bonn konstituiert, sitzt Heß schon im Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau.

Zunächst ist er hier einer von vielen und unter anderem zusammen mit ...

... dem früheren Reichsjugendführer Baldur von Schirach sowie ...

... Rüstungsminister Albert Speer inhaftiert.

Nach deren Freilassung muss Heß ab 1966 als einziger Häftling ...

... allein seine Runden auf dem Gefängnishof drehen. Bei den Aufsehern gilt er als Hypochonder. Der alte Heß glaubt an Homöopathie und beschäftigt sich mit Sterndeuterei.

Erst 1969 erlaubt der Gefangene seiner Frau Ilse und Sohn Wolf Rüdiger, ihn zu besuchen. Es gibt auch Haftlockerungen. Er erhält ein neues Bett und darf seinen Speiseplan fortan selbst bestimmen.

Sein Sohn - der Taufpate ist Adolf Hitler - sowie Politiker und Kirchenvertreter setzen sich in den 70er und 80er Jahren für Heß' Freilassung ein.

In seiner Weihnachtsansprache sagt Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985: "Er ist ein 92-jähriger Greis. Er hat keine irdischen Hoffnungen mehr. Welchem Gefühl, welchem menschlichen Wert soll so ein Strafvollzug noch dienen?"

Doch das Gnadengesuch scheitert am Veto der Sowjetunion.

1987 stirbt Heß schließlich im Alter von 93 Jahren im Gefängnis. Ein Soldat findet ihn tot, mit einem an einem Fenster befestigten Kabel um den Hals. Alles deutet auf Selbstmord hin.

Seine Familie hat eine andere Vermutung: Obwohl Heß zuvor bereits mehrere Suizidversuche unternahm, sehen sie ihn als Opfer eines Mordkomplotts ...

... durch ein Exekutionskommando des britischen Geheimdienstes. "Das ist für viele ein guter Stoff für eine Story", sagt später der Gefängnisdirektor Tony Le Tissier. Der Leichnam wird ein zweites Mal obduziert, es finden sich keine Beweise.

Doch die Zweifel an der Todesursache sind die Basis für Heß' spätere Märtyrerrolle in der Neonaziszene.

Die Beerdigung im März 1988 muss mehrfach verschoben werden. Rechtsradikale belagern den Friedhof im bayerischen Wunsiedel.

Die Neonazis nutzen Heß' Todestag fortan für Gedenkmärsche.

Das Grab des Nationalsozialisten wird zur Pilgerstätte.

Für viele Rechtsradikale ist er ein Held, weil er sich bis zum Schluss zum Nationalsozialismus bekannte.

Sie feiern ihn sogar als "Friedensflieger". Durch seinen Flug nach England habe Heß demnach den Zweiten Weltkrieg beenden wollen.

In Wunsiedel ist man die Nazi-Märsche bald leid. Der Pachtvertrag für Heß' Grab wird 2011 nicht verlängert.

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